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Wozu Kunst in der Kirche?

Kirche und Kunst bieten einen Freiraum gegen die Vermarktung des Menschen. Künstler/innen legen oft den Finger in die Wunden der Gesellschaft. Warum es Kunst in der Kirche braucht, erzählt Bischof Hermann Glettler im Interview. Er ist in der Österreichischen Bischofskonferenz für den Bereich „Kunst und Kultur“ zuständig. 

Wozu braucht es die Kunst der Gegenwart in unseren Kirchen? 

Bischof Hermann Glettler: Bis herauf ins 19. Jahrhundert hat es qualitätsvolle Gegenwartskunst in unseren Kirchen gegeben. Dann ist zwischen Kirche und Moderne ein folgenschwerer Bruch passiert. In den letzten 100 Jahren hat es bemerkenswerte Annäherungen gegeben – durch Pioniere einer neuen Verständigung. Eine ernsthafte Beschäftigung mit aktueller Kunst bringt meist eine frischere und bewusstere Kommunikation mit jenen, die sich mit Kirche schwertun oder schon längst draußen sind. Kulturschaffende können eine heilsame Außensicht, eine Fremdwahrnehmung einbringen. 

Wenn man Künstlerinnen und Künstler einlädt, dann ist es notwendig, sich tatsächlich auf ihre Arbeiten einzulassen. Alibis sind gefährlich und rächen sich. Eine Pfarrgemeinde, die sich für einen konsequenten Kulturdialog entscheidet, wird Spannendes erleben. Auch für Reibungsenergie ist gesorgt. Wirklicher Dialog ist ein gegenseitiges Sich-infrage-stellen-Lassen und ein Lernprozess.

Was ist der Mehrwert, wenn man Künstlerinnen und Künstler einlädt, den Kirchenraum zu gestalten oder zu bespielen? 

Glettler: Es gibt eine nachhaltige Wirkung. Positiv! Eine berechtigte Strategie ist es, Kulturschaffende zu engagieren, um biblische oder kirchliche Themen in der Bildsprache unserer Zeit umzusetzen. Das wäre dann Auftragskunst im besten Sinn des Wortes. Oder man ent­schließt sich für eine Kooperation mit eigenständiger, „autonomer“ Kunst, die ihre eigenen Sachen bringt und im Innenraum der Kirche zur Diskussion stellt. Ob und wie weit das in einem tatsächlichen Kirchenraum möglich ist, hängt von vielen Faktoren ab. Entscheidend ist bei beiden Strategien, die Momente der Irritation und Verstörung nicht zu verhindern. Nur so kann uns Kunst aus einem bürgerlichen, manchmal auch zu flachen kirchlichen „Funktionieren“ herausreißen. Dies ist in unserer heutigen Zeit der Superoptimierung aller Lebensbereiche besonders wichtig.

Kunst kann das Bewusstsein schärfen, Freiräume schaffen. Darf sie das auch in der Kirche? 

Glettler: Ja. Eine Kirche, die dem Evangelium Jesu verpflichtet ist, steht im Dienst der Freiheit. Die Widerständigkeit gegen die Vermarktung des Menschen halte ich für zentral. Wenn schon christliche Spiritualität in erster Linie Unterbrechung ist (Metz), dann gilt das noch viel mehr für die Kunst. Der Kirchenraum ist ein „Freiraum“, für das Staunen, Beten, Klagen und Feiern bestimmt, aber auch für das Zweifeln und Hinterfragen. Mit Gegenwartskunst werden Themen angeschärft, die am Puls der Zeit sind: gefährdete Humanität, latente Ängste, Erfahrungen von Sinnleere, Visionen für eine gerechtere Welt. An solchen und ähnlichen Themen sind die Kulturschaffenden meistens eng dran. Störungsfreier geht es ohne eine Beschäftigung mit Gegenwartskunst oder durch die Beschränkung auf die Bewahrung der Alten Kunst, die allerdings auch einmal zeitgenössisch war. 

Was brauchen Pfarren, damit sie einen Zugang zu Kunst unserer Zeit finden?

Glettler: Als Erstes muss man um Geduld bitten, sich auf einen längeren Prozess einzulassen, sowie Vertrauen in die Kompetenz von Künstlerinnen und Künstlern aufbauen. Das gilt auch im konkreten Fall von Umgestaltungen in der Pfarrkirche. Eine qualitätsvolle Gestaltung braucht Zeit und ein gutes Hinschauen und Hinhören. Mit Abstimmungen im Pfarrgemeinderat oder in Gottesdienstgemeinden kommt man meist nicht zu zukunftsweisenden Lösungen. Außerdem bieten sich meist rasch einige an, die im Stile von vertrauter „Kirchenkunst“ etwas machen wollen. Was Kunst ist, bestimmen die Experten. Das ist hart formuliert und ein Zitat von Msgr. Otto Mauer. Aber was sind Experten? Experten sind Menschen, die durch Vergleichen, durch längeres Sehen und Sich-befassen mit ästhetischen Fragestellungen vertraut geworden sind.

Wie wichtig sind „Sehhilfen“ und die Kunstvermittlung für Pfarren?

Glettler: Sehhilfen? Ein guter Ausdruck. Am wichtigsten sind Menschen, die durch ihre Begeisterung andere anstecken. Das gilt für den Glauben und für die Kunst. Aber Kunst erklären? Zu ihr hinführen und sie erschließen, das schon. Also Wege des Verstehens aufzeigen, wie man sich einer künstlerischen Gestaltung nähern kann. Das gilt selbstverständlich auch für die großartige Alte Kunst, die es massenweise in unseren Kirchen gibt. Um sie in ihrer „alten Frische“ zu erkennen, braucht es auch Vermittlung und Zeit. Aber Kunst bitte nicht zu Tode erklären, unnötig überfrachten mit Interpretationen, die das primäre Erlebnis dann eher verstellen. Ich meine, es geht darum, dass wir uns vom Leben und von Gott überraschen lassen sollten. Bei Wettbewerben zu Altarraumgestaltungen habe ich öfter Folgendes erlebt: Es gibt einen beeindruckenden Vorschlag und dazu ein paar Sätze der Künstlerin bzw. des Künstlers. Die Gestaltung hat überzeugt. Demgegenüber werden den schwächeren Positionen oft tolle Modelle und aufgeblasene Erklärungen mitgegeben. Das ist nicht nötig. Wenn die primäre Raumgestaltung oder Skulptur überzeugt, ist sie belastbar für viele Interpretationen, aber nicht umgekehrt: Weil ich mir so viel dazu denken soll, wird das Kunstwerk nicht besser!

Oft wird Soziales und Kunst gegeneinander ausgespielt. Mit Recht?

Glettler: Auf die Frage, ob man nicht lieber den Armen helfen sollte, anstatt eine neue Orgel anzuschaffen, würde ich sagen: Die Frage ist berechtigt. Es kann in einer bestimmten Situation notwendig sein, mehr Geld für ein karitatives Projekt in die Hand zu nehmen. Außerdem gibt es auch nachhaltig gute Kirchenmusik ohne Orgel. Meist braucht es aber beides – wenn möglich herzhaft, denn: Kultur ist ein Lebensmittel für die Seele. Deshalb sollte man in Kunst nicht halbherzig investieren und Künstlerinnen und Künstler für ihre Arbeit auch fair bezahlen. Ein ernsthafter Dialog mit Kunst und soziales Engagement gehen in vielen Fällen gut zusammen und befruchten sich. Das weiß ich aus Erfahrung. Wer eine starke Intention und ein wichtiges Anliegen hat, findet dafür auch das Geld.

Den „Barmherzigen Jesus“ von Sr. Faustyna findet man auf der ganzen Welt. Gute religiöse „Gebrauchskunst“ ist rar. Woran liegt das?

Glettler: Sie haben recht. Leider gibt es in der religiösen Praxis, oft auch bei religiös sehr Engagierten, kein Gefühl für ästhetische Fragestellungen. Die spirituelle Grundidee hinter dem Bild vom barmherzigen Jesus ist folgende: Durch seine Herzwunde wurde der ganzen Welt eine Quelle von Versöhnung  und Barmherzigkeit geschenkt. Deshalb die vielfärbigen Lichtstrahlen. Die dazugehörige Anrufung „Jesus, ich vertraue auf dich“ ist nicht nur für mich eine wertvolle Kurzformel christlichen Glaubens. Zugegeben, mit dem Bildnis allein habe ich auch mein Problem. Leider gibt es in einigen kirchlichen Aufbruchsbewegungen keinen wirklichen Sinn für eine religiöse Ästhetik. Kitsch liegt sehr nahe. Viele wären vielleicht froh, wenn man qualitätsvolle sak­rale Gebrauchskunst kaufen könnte. Da bleibt einiges zu tun. - Interview: Elisabeth Leitner