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„Wir werden neue Wege mutiger gehen müssen“

Foto: Wolfgang Zarl

40 Jahre lang stand Maximilian Fürnsinn an der Spitze des Stiftes Herzogenburg. Bei der am 9. April durchgeführten Wahl trat er nicht mehr an. Seinen Rückzug begründete Fürnsinn mit den großen Aufgaben, die schon in den vergangenen Jahren angestanden seien. „Es wartet jede Menge Arbeit“, so Fürnsinn im Hinblick auf seinen Nachfolger.

Im Gespräch mit Kirche bunt hielt der längstdienende Propst in der 900-jährigen Geschichte des Stiftes Herzogenburg und der längstdienende Abt Österreichs Rückschau, sprach über die Rolle der Stifte und Klöster in der Diözese St. Pölten, über zukünftige Herausforderungen, sein langjähriges Engagement für die Christen im Orient und was er selbst im Ruhestand vor hat.

Sie waren 40 Jahre lang Propst von Stift Herzogenburg – schwingt da beim Abschied von diesem Amt Wehmut mit?

Maximilian Fürnsinn: Würde das nicht so sein, dann hätten mich diese 40 Jahre nicht bewegt. Ich bin 79 Jahre alt und habe ganz bewusst entschieden, jetzt nicht mehr zur Wahl anzutreten. Ich wollte dieses Amt auch in andere Hände übergeben und ab­schließen. Es gibt einen spirituellen Grundsatz und der lautet: Wenn es aus ist, ist es aus.

 

Wenn Sie auf diese 40 Jahre zurückblicken, welches Gefühl überwiegt da?

Fürnsinn: Ich bin unglaublich dankbar für diese Zeit, weil mir in diesen Jahren so wahnsinnig viel geschenkt worden ist, weil ich so viele Möglichkeiten gehabt habe – sowohl nach innen wie auch nach außen. Es ist vieles aufgebrochen und vieles gelungen. Ich habe mein Amt immer sehr gerne ausgeübt und ich habe es auch immer intensiv gelebt. 

 

Sind Sie heute stolz darauf, wie das Stift dasteht?

Fürnsinn: Das müssen andere beurteilen. Ich meine, es ist sicher viel geschehen – aber da sage ich immer sofort dazu, das ist nicht mein alleiniges Werk, sondern das Werk von uns allen. Ich stehe vielleicht vorne, aber es ist die tolle Arbeit vieler Mitbrüder. 

 

Was waren die einprägendsten Momente in all den 40 Jahren – im positiven wie im negativen Sinne?

Fürnsinn: Die Aufnahme neuer Mitbrüder ist schon ein besonderer Moment. Auch die Begleitung dieser Menschen – ich war selber immer Novizenmeister. Das war für mich immer eine spannende und aufregende Situation – im positiven Sinn. Natürlich, wenn einer dann wieder weggegangen ist, dann war das schon immer schmerzlich. 

 

Hatten Sie als junger Propst eine Vision nach dem Motto: Das will ich erreichen?

Fürnsinn: Ich hatte natürlich eine Sehnsucht, dass es mit der Gemeinschaft gut geht, dass man im Stift vieles entfaltet und macht, aber ich hatte keinen großen Plan entworfen, sondern es galt zu tun, was zu tun war. Natürlich ist vieles gelungen, was heute selbstverständlich ist. Wie z. B. das Kinderfest NÖKISS, die Gesprächsforen, die wir lange im Stift gehabt haben, das Symposion im Stift Dürnstein und vieles andere mehr.

 

Sie waren 27 Jahre lang auch Vorsitzender der NÖ Ordenskonferenz. Wie wichtig sind die Stifte für die Diözese St. Pölten?

Fürnsinn: Ich denke, dass die niederösterrei­chischen Stifte schon eine gewisse Marke entwickelt haben. Sie sind ein geistliches Koordinatensystem und ein ganz starker pastoraler Faktor, denn wir haben ja viele Pfarreien in der Diözese, die von den Stiften aus betreut werden. Die Klöster sind mit ihrer Kultur, mit ihren Kunstschätzen, ihren Ausstellungen, mit den Bibliotheken und mit ihren Bauten heute ganz wichtige Kanzeln. Und sie sind wichtige Verkündigungsorte, denn wo sonst kommen Menschen heute so intensiv mit Religion, Glaube und Kultur in Berührung? Ich habe einmal gehört, dass mehr Menschen die Stifte und Klöster besuchen, als es Besucher bei Fußballspielen gibt. Das, was da in den Stiften geschieht, ist eine moderne und offene Art der Verkündigung. Was mir auch immer ein gro­ßes Anliegen war, ist, dass Stifte Orte des Gesprächs sind – über Kunst, über die Ökumene oder auch mit politischen Akzenten.

 

Wie sehen Sie heute die Herausforderungen für die Klöster im Speziellen und die Kirche im Allgemeinen?

Fürnsinn: Natürlich merken wir gewisse Mangelerscheinungen, aber noch mehr spü­ren wir, dass wir in einer Zeit des Umbruchs leben. Sorge um die Kirche habe ich nicht. Ich glaube nur, wir werden neue Wege mutiger gehen müssen. Das betrifft speziell die Pfarrseelsorge. Und ich denke, dass damit auch die Klöster in Zukunft vielleicht eine neue Funktion bekommen werden. Wir werden neue Formen der Leitung von Pfarren suchen müssen. Ich habe schon vor Jahrzehnten geschrieben, dass aus den Gemeinden selber die Priester herauskommen sollen, mit welchen Zugangsbestimmungen für das Pries­tertum auch immer. Wenn sich das durchsetzt, dann meine ich, dann brauchen wir eine Pastoral geistlicher Zentren. Es werden gerade die Menschen, die dann in der Seelsorge leitend sind, Orte brauchen, wo sie auftanken können, wo sie zugeordnet sind, wo sie Ermutigung bekommen, wo die spirituelle Vertiefung geschieht, wo sie Gemeinschaft auf der Führungs- und Leitungsebene erleben. Ich glaube, es werden die Stifte da umdenken müssen und diesen Menschen mehr Anteil geben müssen, die dann vielleicht in der Pfarre konkret arbeiten. 

 

Was muss ein Kloster tun, um junge Menschen für das Ordensleben interessieren zu können?

Fürnsinn: Wir haben momentan drei junge Männer in Ausbildung und zwei haben ihr Studium abgeschlossen. Meine Erfahrung ist, es geht nur über persönliche Kontakte. Es gibt keine Methode oder keinen Schmäh, wo man sagt, da gewinnt man jemanden. 

 

Sie hatten viele Funktionen außerhalb des Stiftes – auffallend ist Ihr langjähriges Engagement für Christen im Orient.

Fürnsinn: Was mich unglaublich fasziniert hat, war meine Funktion als Vizepräsident bei der Stiftung „Pro Oriente“ – ich muss sagen, das hat mir einen anderen Blick auf Kirche und Weltkirche vermittelt. Die Stiftung ist ja dazu berufen, den Kontakt zwischen den katholischen, den orthodoxen und den altorientalischen Kirchen zu halten und wir hatten viele Patriarchen der autokephalen Kirchen hier im Stift oder in Dürnstein zu Besuch. In Sachen Ökumene ist im Stift Herzogenburg sehr viel bewirkt worden. Papst Johannes Paul II. hat da sehr genau hingeschaut und uns ermutigt. Einmal sagte er zu mir: „In Wien ist in der Ökumene mehr möglich als in Rom.“

 

Sie waren auch zwölf Jahre Großprior der Ritter vom Heiligen Grab zu Jerusalem.

Fürnsinn: Was da von den Grabesrittern weltweit für die Christen im Heiligen Land getan wird, ist bewundernswert. Immerhin unterstützen die Ritter dort über 40 Schulen, 70 Pfarren oder das Priesterseminar in Beit Jala. Für die Christen dort ist gesorgt – nicht nur finanziell, sondern auch durch das Gebet und die Verbundenheit. Man wird politisch tätig, wenn es einmal nicht so gut geht. Solche Pat­ronate würde ich mir auch für Christen in anderen Ländern in der Region wünschen.

 

Haben Sie je bereut, diesen Weg gegangen zu sein?

Fürnsinn: Nein, überhaupt nie. Ich würde nicht sagen, dass es keine Krisen gegeben hat, aber die machen einen reifer und entscheidungsfähiger. Ich gestehe schon, dass es gut war, dass wir zwei, drei Mitbrüder gewesen sind in der Alterslage, in der Ausbildung. Das war schon wichtig, alleine wäre es vielleicht nicht so leicht gewesen. 

 

Was wünschen Sie Ihrem Nachfolger?

Fürnsinn: Dass er die Geschlossenheit, die Einheit der Gemeinschaft gut weiterformen kann. Ich bin überzeugt, er wird es anders machen und ich meine, dass das gut ist.

 

Was haben Sie sich persönlich für den Ruhestand vorgenommen?

Fürnsinn: Ich werde hier im Haus weiter in der Gemeinschaft mitleben und zur Verfügung stehen. Ich möchte hinter meinem bisherigen Leben keinen Punkt, sondern einen Doppelpunkt setzen. Das heißt für mich: Geh einen anderen Weg, schau, wo du gebraucht wirst und wo du einen Beitrag leisten kannst. Ich werde jetzt sicherlich mehr Zeit für die Seel­sorge haben, für Firmungen, Taufen, Hochzeiten oder Begräbnisse. Ein Ruheständler im herkömmlichen Sinn werde ich bestimmt nicht – das passt nicht zu mir.
Interview: Sonja Planitzer

 

 

Zur Person

Maximilian Fürnsinn wurde am 5. Mai 1940 in Herzogenburg geboren. Er entstammt einer Fleischhauerfamilie und absolvierte nach dem Besuch der Volks- und Hauptschule im väterlichen Betrieb eine Fleischerlehre. Nach der Matura in Horn trat er in das Stift Herzogenburg ein und begann 1966 ein Philosophie- und Theologiestudium an der Ordenshochschule in Klosterneuburg und in Wien. Nach der Priesterweihe 1972 war er zunächst als Kaplan in Herzogenburg tätig, wurde dann am 18. April 1979 zum 68. Propst des Stiftes Herzogenburg gewählt und am 2. Juni desselben Jahres zum Abt geweiht. Die Benediktion spendete der St. Pöltner Bischof Franz Zak.

Maximilian Fürnsinn ist der längstdienende Propst in der 900-jährigen Geschichte des Stiftes Herzogenburg und zugleich der längstdienende Abt Österreichs. 27 Jahre war er Vorsitzender der Niederösterreichischen Äbtekonferenz und 15 Jahre lang – von 1998 bis 2013 – Vorsitzender der Superiorenkonferenz der Männerorden in Österreich. Unter Fürnsinns Leitung wurden in Herzogenburg viele kulturelle Akzente gesetzt, wie Gesprächsforen, die Neugestaltung des Tourismusbereiches oder auch die Kindersommerspiele „NÖKISS“, zu denen jährlich über 15.000 junge Besucher nach Herzogenburg kommen. 

Zudem war er u. a. von 1989 bis 1993 Vizepräsident der ökumenischen Stiftung „Pro Oriente“. Beim Ritterorden vom Heiligen Grab zu Jerusalem war Fürnsinn u. a. von 1996 bis 2008 Großprior, seit 2009 ist er Ehrengroßprior.