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„Wir bauen am Big Data der Vergangenheit“

Interview mit Dr. Thomas Aigner, Leiter des Diözesanarchivs. Er ist federführend beteiligt am Archiv-Netzwerk ICARUS und dem Technologieprojekt „Time Machine“, das von der EU eine Million Euro an Anschubfinanzierung erhalten hat.

Am „Tag der offenen Tür“ zum Internationalen Tag der Archive wurden Menschen eingeladen, historische Fotos, Briefe, Dokumente … mitzubringen, damit sie Experten bewerten und einschätzen. Kann es dabei Überraschungen geben?

Dr. Thomas Aigner: Im Privatbesitz sind oft die kuriosesten und spannendsten Dinge, wie alte Fotos oder Filme. Das wird oft als unbedeutend wahrgenommen, weil es eben privat ist, aber häufig wurden diese Aufnahmen im öffentlichen Raum aufgenommen und darauf sind mitunter Gebäude zu sehen, die es heute nicht mehr gibt. Insofern kann privates Material wirklich sehr wertvoll sein und die historische Überlieferung, die wir in den Archiven haben, wunderbar ergänzen. 

Warum ist es eigentlich so wichtig, dass Dinge archiviert werden und die Archive sich miteinander vernetzen?

Aigner: Da geht es zum einen schon darum, dass der Umgang mit Geschichte und Kultur für den Menschen einfach wichtig ist. Ohne Geschichte wäre z. B. ein alter Dom nur ein Steinhaufen. Es geht aber auch darum, zu verstehen, wie das Heute und Jetzt entstanden ist. Dazu braucht man Geschichte, Entwicklungsstränge und Quellen, die man nachvollziehen kann. Das ist etwas, was heute viel zu kurz kommt. Vieles wird einfach aus dem Kontext gerissen – ohne die entsprechenden Hintergrundinformationen zu betrachten. Wenn man z. B. die aktuellen politischen Entwicklungen sieht oder wie die Landkarte Europas heute ausschaut, dann ist das nicht das Ergebnis weniger Jahre, sondern die Wurzeln dafür liegen viele Jahrhunderte zurück. Es geht darum, Dinge nicht in Vergessenheit geraten zu lassen und somit geht es auch um den Frieden in der Welt.

Sie meinen, dass Archive dazu beitragen können, den Frieden zu sichern? Aber die Menschheit hat ja noch nie aus der Geschichte gelernt, oder?

Aigner: Ich denke, dass der Mensch sehr wohl aus der Geschichte lernen kann, das zeigt die Europäische Union. Ich bin der festen Überzeugung: Hätte es so etwas wie die EU 1914 gegeben, dann hätte es keinen Ersten Weltkrieg und auch keinen Zweiten Weltkrieg gegeben.

Sie haben Anfang der 2000er-Jahre das Projekt ICARUS federführend mitinitiiert, in dem sich mehrere Archive zusammengeschlossen haben. Welches Ziel verfolgt ICARUS?

Aigner: Ursprünglich war unser Ziel am Anfang der 2000er-Jahre, die Urkunden in den NÖ Stiften zu digitalisieren und ins Netz zu stellen. Das war eine ziemlich bahnbrechende Geschichte, weil es gab nichts Vergleichbares. Wir haben dann mit Archiven in anderen Ländern Kontakt aufgenommen und 2008 ICARUS gegründet – das ist ein kollaboratives, solidarisches Netzwerk, das heute aus knapp 200 Archiven und Universitäten aus zehn Ländern besteht. Wir tauschen Wissen und Erfahrungen aus, helfen einander Projekte zu realisieren und Geld zu lukrieren. Wir haben in der Zwischenzeit eine ganze Reihe von EU-Projekten umgesetzt.

Die EU hat an ein anderes Projekt, an dem Sie federführend beteiligt sind, nämlich das „Time Machine“-Projekt, eine Million Euro als Anschubfinanzierung vergeben. Was ist „Time Machine“?

Aigner: „Time Machine“ ist ein Technologieprojekt, das auf all dem, was es bisher im Bereich Digitalisierung kulturellen Erbes gegeben hat, aufsetzt und dafür einen Quantensprung bei der Gewinnung und Verarbeitung von Informationen ermöglichen möchte. Das bedeutet, dass Geräte entwickelt werden, die das Scannen von Schriften, Fotos, aber auch von 3D-Projekten wie Gebäuden sehr schnell und billig machen. Es sollen Technologien entwickelt werden, die automatisch diese Dinge lesen können, die Handschriften transkribieren, die aber auch verstehen, was darin steht und die dann mittels künstlicher Intelligenz Beziehungen herstellen zwischen den Informationen in den Dokumenten und dann auch verschiedenste Werkzeuge ermöglichen, um die historischen Inhalte weiterzuverarbeiten bzw. zu visualisieren. Unser Ziel ist, das „Big Data“ der Vergangenheit zu schaffen. D. h. es geht darum, dass alles, was wir an historischer Information haben, ins Digitale verwandelt und dann auch verknüpft werden kann.

Wer macht bei dem Projekt mit?

Aigner: Es sind bisher 400 Institutionen aus der ganzen Welt mit im Boot. Darunter neben unserem Diözesanarchiv weitere Archive, Universitäten, wissenschaftliche Einrichtungen, Forschungsinstitute, aber auch die Industrie. So ist der zweitgrößte Spieleproduzent der Welt, UBISOFT, mit dabei. Durch die Anbindung an Indus­trie und Wirtschaft werden jetzt mit der Digitalisierung des kulturellen Erbes auch völlig neue technologische Möglichkeiten und Finanzwege eröffnet.

Was erwartet man sich von „Time Machine“?

Aigner: Es wird kein Stein auf dem anderen bleiben in der digitalen Welt des kulturellen Erbes. Man wird z. B. durch die Vernetzungen von Daten erkennen, was welche politischen oder gesellschaftlichen Ereignisse in der Regel noch nach Jahren an Folgewirkungen auslösen können. Es wird auch eine ganz neue Art von historischer Spiegelwelt entstehen. Man wird z. B. mit einer Brille durch St. Pölten gehen und, wenn man dazu Lust hat, sich z. B. ins Jahr 1880 versetzen können. Das wird in zehn, 20 Jahren schon möglich sein.

Kann dieses „Big Data“, wenn es in die falschen Hände gerät, nicht große Gefahren in sich bergen?

Aigner: Ja, aber das sind Gefahren, die sowieso auf uns zukommen. Ziel des Projektes ist es nicht nur, die großen technologischen Herausforderungen zu bewältigen, sondern auch die philosophischen, ethischen und wissenschaftlichen Aspekte des digitalen Zeitalters anzugehen und sich z. B. zu fragen, welche Herausforderungen dieses im Umgang mit sensiblen Daten, mit Urheberrechten usw. in sich birgt und wie man damit verantwortungsvoll umgeht.

Gibt es etwas, das Sie als Leiter des Diözesanarchivs in diesem Zusammenhang erreichen möchten?

Aigner: Bis zu meiner Pension in etwa 20 Jahren soll das gesamte Archiv digitalisiert sein. Dadurch werden Arbeitswege in der diözesanen Verwaltung effektiver und schneller. Man muss dann z. B. nicht mehr lange nach einem handgeschriebenen Akt suchen, sondern kann innerhalb von Sekunden darauf zugreifen. Das Big Data der Diözesanverwaltung stellt dann etwa für eine Kirchenrenovierung innerhalb kürzester Zeit alle relevanten Informationen zur Verfügung, die dann Grundlage für verschiedenste weitere Entscheidungen sein werden. Von den 6000 Meter langen Archiv-Regalen haben wir bislang 1,5 Kilometer digitalisiert. Sonja Planitzer