Widersprüche in der Bibel?

Glauben verstehen - Eine Reihe von „Kirche bunt“ in Zusammenarbeit mit den THEOLOGISCHEN KURSEN der Erzdiözese Wien und der Österreichischen Bischofskonferenz:

Widersprüche in der Bibel?

Wer einmal begonnen hat, sich eingehender und sorgfältiger mit biblischen Texten zu beschäftigen, wird immer wieder auf Widersprüche stoßen, die Fragen aufwerfen (hier zwei Beispiele, stellvertretend für viele andere: vgl. Ex 33,11 mit Ex 33,20 oder Apg 9,8 mit Apg 22,9). Waren die Verfasser der Texte unaufmerksam, oder waren es verschiedene Verfasser, die zu unterschiedlichen Zeiten schrieben und deren Texte dann nachträglich zusammengefügt wurden? Ich möchte hier den Blick auf eine andere Möglichkeit lenken: Möglicherweise sind etliche Wi­der­sprü­che den Verfassern oder Herausgebern der Texte nicht einfach wie ein Fehler passiert, sondern wurden von ihnen bewusst eingesetzt, um die Lesenden absichtlich darüber stolpern zu lassen. Ein schönes Beispiel dafür ist für mich Spr 26,4-5: 4Antworte dem Toren nicht, wie es seine Dummheit verdient, damit nicht auch du ihm gleich wirst!  5Antworte dem Toren, wie es seine Dummheit verdient, damit er sich nicht einbildet, ein Weiser zu sein!

Beide Verse widersprechen sich – und genau das ist die volle Absicht des Textes! Die eigentliche Aussage bekomme ich aber nur, wenn ich beide Verse zusammen beachte. Die Frage, die hier behandelt wird, lässt sich gut in unserer Gegenwart stellen: das Internet – und hier vor allem die angeblich Sozialen Medien – sind auch voll von Falschmeldungen, Verschwö­rungs­theorien oder einfach unbeschreiblichen Dummheiten. Wie reagieren? Setze ich mich online zur Wehr, breche ich die alte Regel „don’t feed the troll“ – Internet-Trolle nicht „füttern“, indem man sie beachtet. Lasse ich alles unwidersprochen, geht der Wahnsinn munter weiter. Der weisheitliche Bibeltext will zeigen, dass es hier keine einfache Antwort gibt und man den Nutzen nicht ohne den Schaden haben kann.

Meiner Erfahrung nach werden Widersprüche in biblischen Aussagen sehr oft gezielt eingesetzt, um uns zu einem tieferen Nachdenken zu bringen. Sie stellen daher keine Schwäche des biblischen Textes dar, sondern sind eine seiner Stärken. - Mag. Oliver Achilles