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Wer sein lässt, wird gelassen

Die innere Haltung der Gelassenheit war eines der zentralen Anliegen von Meister Eckhart. Seine Ansichten haben heute, da viele Menschen nach „immer mehr“ im Leben streben, wieder eine neue aktuelle Brisanz.

Die Leute, die den Frieden suchen in äußeren Dingen, sei es an bestimmten Stätten oder in Verhaltensweisen, bei Leuten oder in Werken (…) – wie eindrucksvoll es auch sein mag, das gibt keinen Frieden. (…) Sie gehen wie einer, der den Weg verfehlt. 

Auf diese Weise äußerte sich Meister Eckhart in seinen „Reden der Unterweisung“. Dem mittelalterlichen Philosophen und Universitäts­professor ging es offenbar nicht nur um theoretische Erkenntnisse, sondern um konkrete Lebensgestaltung, und er war überzeugt: Die Menschen finden ihr Glück und ihren Frieden nicht in den äußeren Dingen, im „Haben“, wie Erich Fromm es viel später formulierte, sondern in ihrer inneren Haltung, ihrem „Sein“.

Lassen, was mich aus der Ruhe bringt

Das Wort „Gelassenheit“ gilt als Erfindung Eckharts. Er predigte oft über „gelâzenheit“ – eine Wortschöpfung aus dem Verb „lassen, loslassen“. Es geht dem Dominikermönch um das Loslassen von allem, was die Seele aus der Ruhe bringt: das Ich mit seinen Wünschen und Zielen, das Sichselbstbehauptenmüssen, das Streben nach Besitz und Ansehen. Der Mensch solle die Fesseln seiner Vorstellungen lösen – und der Erwartungen, wie etwas abzulaufen hat. Kurz: Er soll sich selbst nicht zu wichtig nehmen. So gelangt er, meint Eckhart, zu innerer Freiheit. Diese Gelassenheit sei nichts, was der Mensch ein für allemal erringen könne. Es sei vielmehr nötig, diese Haltung immer wieder einzuüben – ein lebenslanges Lernen.

Am ehesten gelangt der Mensch zur inneren Freiheit in der Abgeschiedenheit, meint Meister Eckhart. Dafür müsse er sich nicht unbedingt zurückziehen oder sich seiner Verpflichtungen entledigen. Eckhart selbst stand mitten im Leben: Er war Prior eines Konvents, Professor an der Universität Sorbonne in Paris, Seelsorger und Prediger, Beauftragter der Ordensprovinz Saxonia … Auch unter „Abgeschiedenheit“ versteht Eckhart eine innere Haltung: Der Mensch muss (…) eine innere Einsamkeit lernen, wo und bei wem er auch sei. So wie sich die Tür nur bewegen kann, weil die Türangel bewegungslos ist, so verhalte es sich mit dem gelassenen Menschen: Während er im Äußeren tätig ist, ruht er im Inneren. 

In der Welt tätig sein und bei Gott zu sein, das ist für Eckhart kein Gegensatz. Der Mensch solle – „von Gottes Gegenwart durchdrungen“ – schöpferisch tätig werden. Alles Gute fließe aus diesem inneren Frieden: Die Leute brauchen nicht so viel nachzudenken, was sie tun sollen. Sie sollten vielmehr bedenken, was sie sind. 

Tätig und aktiv zu sein – und dabei auf Gott ausgerichtet sein –, das ist dem Mönch Eckhart wichtig: Wäre der Mensch so in Verzückung, wie’s Sankt Paulus war, und wüsste einen kranken Menschen, der eines Süppleins von ihm bedürfte, ich erachtete es für weit besser, du ließest aus Liebe von der Verzückung ab und dientest dem Bedürftigen in größerer Liebe.

Wer sich auf ein inneres Leersein einlasse, der könne Gott wahrnehmen, sagt Eckhart. Gott sei immer gegenwärtig: wie die Sonne, die manchmal von Wolken verborgen wird.  Erst wenn die Wolkendecke aufreißt, kommt die Sonne zum Vorschein. Eckhart rät, in sich Platz zu schaffen, damit Gott Platz hat. - ph

 

Meister Eckhart

Eckhart von Hochheim, geboren um 1260,  war ein vielbeschäftigter Mann. Der Dominikanermönch war Magister (eingedeutscht „Meister“) der Theologie, Universitätsprofessor in Paris und Köln, ein beeindruckender Prediger und Autor zahlreicher Schriften. Obwohl einige seiner Aussagen als Irrlehren eingestuft wurden, übte sein Gedankengut großen Einfluss aus – und tut es bis heute.