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„Welttag der Armen“ am Elisabethsonntag

Am Elisabethsonntag, der in der Diözese St. Pölten schon seit vielen Jahren traditionell im Zeichen der Nächstenliebe steht, wird auf Initiative von Papst Franziskus seit zwei Jahren der „Welttag der Armen“ begangen. Der Papst bittet rund um diesen Tag, konkrete Taten zur Bekämpfung von Armut zu setzen. Die Caritas der Diözese St. Pölten ist am Elisabethsonntag mit zirka 50 „Botschaftern der Nächstenliebe“ in den Pfarren präsent, um über ihr Engagement zu berichten und um Unterstützung zu bitten, damit sie armen Menschen im Inland beistehen kann. Denn Armut gibt es auch bei uns – nur ist sie meist nicht sichtbar und sie ist  vielschichtig, wie Caritasdirektor Hannes Ziselsberger im Interview mit „Kirche bunt“ zu bedenken gibt.

Ist der Welttag der Armen am Elisabethsonntag ein notwendiger Tag?

Hannes Ziselsberger: Ja, wir brauchen diesen Tag und das Anliegen von Papst Franziskus ist ein ganz wichtiges, weil auch im westlichen Europa viele Menschen leben, die von Armut betroffen sind. Da gibt es Menschen, die ganz wenig haben, die materiell arm sind. Aber diese materielle Armut ist nur eine Form der Armut, mit der wir es zu tun haben. Eine andere Form ist die Einsamkeit, das ist eine besondere Form der Beziehungsarmut.

Ist die Armut – sowohl die materielle wie auch jene der Einsamkeit – sichtbar?

Hannes Ziselsberger: Ich denke, dass Armut in vielen Fällen nicht sichtbar ist. Wir wissen, dass viele von materieller Armut betroffenen Familien das gut verbergen. Aber auch die Einsamkeit der Menschen ist in vielen Fällen nicht sichtbar: Vielfach kommen die Betroffenen nicht so leicht aus ihren Wohnungen oder Häusern raus, und dann nimmt man sie nicht oder zu wenig in ihrer Umgebung wahr, weil man sie nicht sieht.


Werden die betroffenen Menschen in Österreich allein gelassen?

Hannes Ziselsberger: Nein, aber es ist wichtig, wachsam zu bleiben. Grundsätzlich muss man sagen, dass wir in Österreich ein unglaublich gutes Sozialsystem als Basis eines guten Miteinanders haben. Aber das System steht ein bisschen auf wackeligen Beinen, da gilt es wachsam zu bleiben. Wenn wir nicht immer wieder dafür werben, dass wir in der Gesellschaft diese Solidarität mit den Armen brauchen, dann sehe ich schon die Gefahr, dass wir wesentliche soziale Aufgaben aufgeben – und das würde sofort die Menschen betreffen.


Was kann jede Bürgerin, jeder Bürger für die von den verschiedenen Arten der Armut Betroffenen tun?

Hannes Ziselsberger: Ich denke, dass es sehr wichtig ist, dass auch wir – auch in der Nachbarschaft – sehr achtsam und wachsam sein sollten, wie es den Menschen in unserer Umgebung geht. Das ist oft wirklich nicht sofort sichtbar, denn Armut ist doppelt schambesetzt: Die Betroffenen haben die Scham, darüber zu sprechen und die, die es bemerken, haben die Scham, das anzusprechen. Wichtig ist, sich beim Helfen nicht selbst zu überfordern. Allein kann man nicht die Welt retten, aber wenn viele zusammenstehen, dann kann viel Gutes entstehen.


Wie hilft die Caritas?

Hannes Ziselsberger: Die Caritas ist an vielen Orten, wo es Armut gibt, tätig. Und das oft in Spezialgebieten, wo sich Armut noch einmal sehr manifest zeigen kann, z. B. für Menschen mit Behinderungen, mit psychischen Erkrankungen oder mit Pflegebedarf … Die Caritas ist auch dort, wo es noch kein staatliches Sozialsystem gibt.
Wir helfen in akuten Notlagen mit Lebensmittelgutscheinen, unseren „soma“-Sozialmärkten oder mit den „carlas“, den Caritas Second-Hand-Läden. Wir können dies tun, weil es in unserem Land Menschen gibt, die mit ihrer Spende einen wichtigen Beitrag leisten, damit Menschen in schwierigen Lebenssituationen unterstützt und begleitet werden können.


Wie greift die Caritas den Welttag der Armen am Elisabethsonntag auf?

Hannes Ziselsberger: Wir nutzen diesen Sonntag, um in möglichst vielen Pfarren über die Arbeit der Caritas zu erzählen: In fast 50 Pfarren berichten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Caritas  im Gottesdienst über die Arbeit der Caritas. Das ist wichtig, ganz konkret in den Pfarren präsent zu sein. Caritas ist eine Grundfunktion der Kirche und Kirche passiert in den Pfarren.


Wann ist der Welttag der Armen ein Erfolg?

Hannes Ziselsberger: Ich glaube, wenn wir alle zusammen das Bewusstsein und die Aufmerksamkeit für die Menschen am Rande der Gesellschaft wach halten. Wenn nicht einfach übersehen wird, sondern hingeschaut wird. Wenn nicht überhört, sondern hingehört wird. Wir werden nie eine perfekte Welt haben, aber vielleicht eine Welt, die in ihrer Nichtperfektion auf jene Acht gibt, die auch nicht perfekt sind.    Interview: Sonja Planitzer