Warum Erntedank feiern?

Erntedank ist in den Pfarren der Diözese St. Pölten fest verankert. Eine gute Ernte ist immer ein Grund zum Feiern. Das Fest ist angesichts rapider globaler Veränderungen ein Anlass, um über Grundfragen unserer Existenz nachzudenken.

Das entscheidende Heilsereignis liegt für uns Chris­ten in der Menschwerdung Jesu, in seinem Tod und seiner Auferstehung. Doch welchen Platz hat Erntedank? Im Neuen Testament jedenfalls ist von einem solchen Fest nicht die Rede. Was hat Erntedank also mit unserem Glauben zu tun? Erst in jüngster Zeit ist ein wichtiger Aspekt des Erntedanks besonders dringlich geworden. Das Fest wird meistens im September oder Anfang Oktober gefeiert und fügt sich damit in die „Schöpfungszeit“ ein, die von den christlichen Kirchen zwischen dem 1. September und dem 4. Oktober begangen wird. Sie geht zurück auf einen Appell des orthodoxen Patriarchen Dimitros I. im Jahr 1989, den 1. September, der gleichzeitig der erste Tag des orthodoxen Kirchenjahrs ist, zum Tag des Schöpfers, der Bewahrung der Schöpfung und der Umwelt zu erklären. Die ökumenische Versammlung in Sibiu im Jahr 2007 hat diese Anregung aufgegriffen. Der ab­schlie­ßende Gedenktag des heiligen Franz von Assisi gibt dieser Zeit eine ökumenische Note. Wie kaum jemand sonst hat der Heilige aus Assisi die Verbundenheit von Naur und Gott auch praktisch gelebt. Eindrucksvolles Zeugnis dieser Haltung ist der Sonnengesang, den er gegen Ende seines Lebens verfasste. Die Schöpfungszeit könnte – ähnlich wie der Advent und die Fastenzeit – für Christen im 21. Jahrhundert eine Zeit bewusster Lebensgestaltung werden. Papst Franziskus hat mit seiner Enzyklika „Laudato si’“ eindringlich zur Bewahrung der Schöpfung aufgerufen. Erntedank ist so gesehen aktueller denn je – ein Fest des Dankens und des Bedenkens.

Das Erntedankfest in der Form, wie wir es heute kennen, ist kaum mehr als hundert Jahre alt. Es steht in Verbindung mit einer neuen Besinnung auf Grund und Boden, aber auch mit dem Bemühen der volksliturgischen Bewegung um lebensnahe Feiern, selbstverständlich in der Sprache des Volkes. So ist es auch kein Zufall, dass der Hauptproponent des Festes, der in der Landjugendbildung tätige katholische Pries­ter Leopold Teufelsbauer, die liturgische Feierordnung im Verlag des Stiftes Klosterneuburg veröffentlichte, wo ja zu dieser Zeit der Klosterneu­burger Chorherr Pius Parsch ein Vorkämpfer für diese liturgischen Neuerungen war. Doch auch die Natio-nalsozialis­ten eigneten sich das Fest an – bis hin zu großen Reichs­ern­te­dankfesten – und machten so der kirchlichen Feier Konkurrenz.

Erntedank ist eng mit dem christlichen Verständnis von Schöpfung und Erlösung verbunden. Im Alten Testament ist sogar von mehreren Erntefesten die Rede. Vom ersten Ertrag des Feldes musste ein Anteil als Opfergabe Gott dargebracht werden. Dabei handelt es sich weniger um Erntedank als um die für die Bibel so selbstverständliche Verpflichtung, Gott das Erstlingsopfer darzubringen. Egal ob bei Feldfrüchten, Tieren oder menschlicher Nachkommenschaft: Der Erstling gehört Gott. – Ein weiteres Erntefest ist nach Exodus 23,14-16 das „Fest der Lese am Ende des Jahres, wenn du den Ertrag deines Feldes eingebracht hast“.
Auch Jesus spricht oft von der Ernte. Sie ist stets ein Bild für das Gottesreich, das unter den Menschen wächst, ganz von selbst, so wie die Erde ihre Frucht hervorbringt (Mk 4,28). Man kann auch sagen: Es geht dabei stets um den Menschen, der Frucht bringt, wenn er den Geboten Gottes folgt, der aber auch sein Leben verfehlen kann und umgehauen wird wie der Feigenbaum, der keine Frucht bringt (vgl. Lk 13,6-9).    Schlager