Unentdeckte Schätze in den Musikarchiven der Stifte

Klöster waren immer schon Orte der Musik. Heute bergen die Musikarchive unserer Stifte und Klöster hunderte Jahre alte Schätze, die nur darauf warten, gehoben zu werden. So entstand eine Frühform des heutigen Gotteslobs im Stift Göttweig. Das „Groß Catholisch Gesangbuch“ erschien im 17. Jahrhundert in zahlreichen Auflagen und war weit verbreitet.

Bei klösterlichen Schätzen denkt man zunächst an Bauwerke, an Fresken, prächtig verzierte Messgewänder und wertvolle Kelche. Vielleicht kommen uns auch die umfangreichen Bibliotheken in den Sinn mit ihren großformatigen Bänden und den mittel­alterlichen Handschriften. An Musik­archive denken wir dabei kaum.
Kein Wunder, sie sind der Öffentlichkeit in der Regel nicht zugänglich, sondern Wissenschaftlern vorbehalten. Und zumeist sind Musikarchive auch eher praktisch als prunkvoll eingerichtet. Und dennoch bergen sie hunderte Jahre alte Schätze, die nur darauf warten, gehoben zu werden.

Ein Vorläufer des aktuellen Gotteslobs

Klöster waren immer schon Orte der Musik, an denen Musikgeschichte geschrieben wurde. So entstand etwa eine Frühform des heutigen Gotteslobs in Göttweig. In der Zeit der Gegenreformation verfasste Abt David Gregor Corner (1585–1648) das sogenannte „Groß Catholisch Gesangbuch“, das im  17. Jahrhundert in zahlreichen Auflagen erschien und weit verbreitet war. Das Layout von Noten und Texten ähnelt in verblüffender Weise dem aktuellen Gotteslob.

In der Regel begannen die Sammlungstätigkeit und das damit verbundene Aufbewahren von nicht mehr in Gebrauch stehenden Noten im 18. Jahrhundert. Ab jener Zeit ist in vielen Klöstern ein Großteil der Musikalien erhalten. Häufig sind das einige tausend Stück. Manchmal gingen jedoch auch Teile oder gar komplette Sammlungen verloren. So kam es im Stift Göttweig während und nach dem Zweiten Weltkrieg zu größeren Verlus­ten, im Stift Altenburg wurde gar die gesamte Sammlung zerstört.

Was findet sich im Musikarchiv eines Stiftes?

Kernbestand der Musiksammlungen ist natürlich Kirchenmusik: Messen, Psalmen, Hymnen, Motetten. Es mag allerdings überraschen, dass manchmal sogar die „weltliche“ Musik überwiegt. Besonders gern hat man in Göttweig und Melk Kammermusik von Joseph Haydn gespielt. Vermutlich hat man Kompositionen auch getauscht bzw. vom Nachbarkloster abschreiben lassen. Neben der Kammermusik ist es erstaunlich, was sich sonst an weltlichen Werken findet. Besonders überraschend scheinen umfangreiche Opern, mit allen Stimmen, dem kompletten Aufführungsmaterial. Häufig ist es heute schwierig zu rekonstruieren, in welchem Rahmen solche Werke in Klös­tern aufgeführt worden sind. Heute kurios doch damals sehr verbreitet waren Opern in kleinen Streich­ensemblefassungen, Don Giovanni für Streichquartett etwa. Schließlich wollte man die populären Werke auch zu Hause hören und hatte nicht immer ein großes Orches­ter zur Verfügung.

Musiziert haben natürlich nicht nur Mönche. Auf einem Melker Umschlag werden neben einigen Profimusikern – etwa dem Thurnermeister, einer Art „Stadtblasmusikant“ – auch Angestellte des Stifts genannt. So spielte etwa ein Gärtner namens Leopold im frühen 19. Jahrhundert die Klarinette. Eine wichtige Musikergruppe waren auch die Schüler oder Sängerknaben, die zumeist eine umfassende musikalische Ausbildung erhielten. Im Rahmen von Schulveranstaltungen führte man auch größere Bühnenstücke auf. Manche sind geradezu Komödien mit Musik­einlagen, andere veritable Opern.
Zumeist wurde auch im Stift selbst komponiert. Vor allem Chordirektoren, die die Stiftsmusik leiteten, und Organis­ten hinterließen häufig ein großes Oeuvre. Der in Melk tätige Franz Schneider (1737–1807) war jahrzehntelang äußerst populär und das nicht nur in Melk, sondern auch in Kremsmüns­ter oder Seitenstetten. Georg Donberger CanReg (1709–1768, Herzogenburg), Johann Georg Zechner (1719–1768, Göttweig) oder Anton Komenda (1795–1879, Kloster­neuburg) sind auch zu nennen. Bereits im März vermeldete man aus Heiligenkreuz den Fund einer bislang als verschollen geglaubten Oper des Barockkomponisten Giovanni Battista Sammartini.

Auch in Melk, Göttweig und Klos­terneuburg gibt es Neues zu entdecken. Unlängst erklangen im Rahmen eines Konzerts in Melk nahezu vergessene Werke von Johann Georg Albrechtsberger und Abbé Stadler, beide in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts im Stift tätig. In Klosterneuburg rätselt man über den Komponisten einer großen Oper, die im Musikarchiv erhalten ist. Wer war es? Woher stammt das Werk? Wie alt ist es? Spektakulär erwies sich die Entdeckung eines Musik-Inventars in Göttweig. Es stammt aus dem Jahr 1597. Die darin genannten Werke sind heute alle verschollen. Daher ist das Objekt ein einzigartiges Dokument für die Musikpflege im Kloster jener Zeit und zeigt, welche Musik im ausgehenden 16. Jahrhundert in Klös­tern aufbewahrt wurde.

Forschungsprojekt und Kooperationen

Die Stifte Melk, Göttweig und Klosterneuburg haben mit einem durch das  Land NÖ finanzierten Forschungsprojekt begonnen, ihre Sammlungen zukünftig durch eine online-Datenbank besser zugänglich und zugleich für die Öffentlichkeit sichtbarer zu machen. Neben den Arbeiten dieses Forschungsprojektes gibt es eine Vielzahl an Kooperationen der Klöster mit wissenschaftlichen Institutionen, wie etwa in Göttweig, wo im Musikarchiv auch mit der Universität Würzburg zusammen gearbeitet wird. Das Motto dieser Unternehmungen: alte Musik bewahren und wieder zum Klingen bringen. Am 17. Oktober um 17 Uhr wird das Projekt sowie ein Streichquartett-Band des Melker Klosterkomponisten Marian Paradeiser (1748–1775) im Niederösterreichischen Landesarchiv (mit Musik!) präsentiert. Der Eintritt ist frei.
Autoren: Johannes Prominczel, Musikarchiv Stift Melk, und Bernhard Rameder, Sammlungen Stift Göttweig.

Link zum aktuellen klösterübergreifenden FTI-Forschungsprojekt: https://klostermusiksammlungen.at/

 

Stiftsbibliotheken

Anlässlich der Aktionswoche „Österreich liest. Treffpunkt Bibliothek“, die vom 14. bis 20. Oktober stattfindet, lädt der Verein Klösterreich in seine Klosterbibliotheken ein.

In den Klöstern waren einst die ersten Schreibschulen, in denen großartige Handschriften entstanden sind. Aus den mittelalterlichen Schreibschulen entwickelten sich barocke Bibliotheken, wo wertvolle Inkunabeln (mit beweglichen Lettern gedruckte Bücher und Einblattdrucke) und Handschriften aufbewahrt werden. Die Bibliotheken in den Klöstern Österreichs zählen heute zu den bedeutenden Kulturdenkmälern, wo rund 1.800.000 Werke in prachtvollen Bücherschränken Rücken an Rücken stehen. Für großes Aufsehen sorgten in den vergangenen Jahren Funde von Fragmenten oder Handschriften in den Klosterbibliotheken von Melk, Zwettl oder Admont, die bis zu 1.200 Jahre zurückreichen. Die Klosterbibliotheken in Altenburg, Geras, Göttweig, Herzogenburg, Lilienfeld, Melk, Seitenstetten und Zwettl gehören zu den spektakulärsten in Österreich. Bei Bibliotheksführungen werden die Besucher eingeladen, in die hochinteressante Welt des überlieferten Wissens einzutauchen. Nähere Informationen unter: www.kloesterreich.com.