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Stift Göttweig: Von Mauern umgeben, mit Türmen bewehrt

Vor 300 Jahren – am 2. Juli 1719 – fand die feierliche Grundsteinlegung für das Barockstift Göttweig statt, doch die Geschichte des Stiftes reicht bis ins Jahr 1070 zurück, als Bischof Altmann von Passau eine burgartige Anlage auf dem Göttweiger Berg anlegen ließ. Die heurige Sonderausstellung im Stift Göttweig widmet sich der wechselvollen Baugeschichte der Festung Göttweig.

In Anwesenheit des kaiserlichen Delegaten Graf Gundacker von Althan wurde am 2. Juli 1719 der Grundstein hinter der Apsis der Stiftskrypta positioniert. Damit nahmen die Arbeiten am Stiftsneubau ihren Anfang. Mit einer Gedenkveranstaltung am 2. Juli heurigen Jahres gedachte man im Stift des 300-Jahr-Jubiläums der Grundsteinlegung.

Doch die Geschichte des Stiftes reicht viel weiter zurück. Nach außen hin baulich abgeschlossen, als sicherer Zufluchtsort in exponierter Lage, so präsentiert sich das Stift Göttweig seit Jahrhunderten. Die heurige Sonderausstellung im Stiftsmuseum Göttweig widmet sich unter dem Titel „Stift Göttweig als Wehrbau. Befestigt und verteidigt im Sturm der Zeiten“ der wechselvollen Baugeschichte der Festung Göttweig. 

Burgartige Anlage

Bereits um 1070 entstand auf dem Göttweiger Berg vermutlich eine burgartige Anlage, die Bischof Altmann von Passau (1065-1091), dem Gründer des Stiftes Göttweig, als Residenz und Zufluchtsort in den Jahren des Inves­titurstreites diente. Als Unterstützer des Paps­tes wurde Bischof Altmann zunächst aus Passau vertrieben, die Amtsenthebung durch Kaiser Heinrich IV. erfolgte 1085. In Göttweig dürfte sich Bischof Altmann einen sicheren, auf einer Felsenkuppe gelegenen Wohnsitz geschaffen haben, das Zent­rum bildeten die 1072 geweihte Erentrudis-Kirche und ein unmittelbar anschließendes Gästehaus. Bis in die jüngste Zeit basierte das Wissen über die Göttweiger Residenz Bischof Altmanns auf zwei mittelalterlichen Schriftquellen, den beiden Lebensbeschreibungen Altmanns von Passau und Bischof Adalberos von Würzburg (Vita Altmanni und Vita Adalberonis). Der bisherige Kenntnisstand erweiterte sich allerdings 2018 aufgrund von Bauforschungen: Es besteht die Annahme, dass der Bischofssitz Altmanns im Südwesten des heutigen Klos­ters zu lokalisieren ist und durch einen Saalgeschoßbau nach Westen hin abgegrenzt wurde.

Nordöstlich der Residenz Bischof Altmanns entstand seine Klostergründung Göttweig, die Bauarbeiten hatten bereits vor dem offiziellen Stiftungsjahr 1083 eingesetzt. Im Verlauf des Mittelalters entwickelte sich das Stift Göttweig zu einer weithin sichtbaren, durch Außenmauern und Wachtürme geschützten Klosteranlage. Mit der Errichtung einer viertürmigen Festung – die heutige „Burg“ hat sich als Restgebäude erhalten – wird ab der Mitte des 15. Jahrhunderts eine weitere Ausbaustufe der Göttweiger Befestigung verwirklicht. Diese Festung mit umlaufendem Graben wird strategisch günstig im Süden des Klosters, gleich neben dem Zugangstor gebaut und bewährt sich 1529 beim Ansturm osmanischer Streitscharen auf Göttweig als Bollwerk – dem Feind gelingt es nicht, das Stift zu erobern. Unter dem Eindruck der Ersten Wiener Türkenbelagerung 1529 und ihrer negativen Auswirkungen auch auf das Stift und seine Pfarren findet in Göttweig bis ins frühe 17. Jahrhundert eine enorme Aufrüstung statt. Das Waffendepot befindet sich in der viertürmigen Festung.

Große Brandkatastrophen

Der Stiftsbrand von 1580 fügt dem Stiftsgebäude massive Schäden zu und bedingt Adaptierungs- und Umbauarbeiten, die sich auch auf die Wehrbauten erstrecken. Die Kleinräumigkeit des alten Klosters wird stellenweise zugunsten neuer, großzügiger Strukturen aufgebrochen.

Das äußere Erscheinungsbild der Stiftsanlage sollte sich im 18. Jahrhundert nochmals und diesmal grundlegend ändern und zwar in Folge der zweiten großen Brandkatastrophe 1718, die gewaltige Zerstörungen verursachte. Angesichts des enormen Schadensausmaßes, entschieden sich Abt Gottfried Bessel (1714-1749) und das Stiftskapitel für einen Neubau des Stiftes Göttweig. Als Architekt wurde Johann Lucas von Hildebrandt bestimmt, der hochfliegende Pläne verfolgte. Es lag in Hildebrandts Absicht, ein Barockstift zu verwirklichen, das aufgrund von mächtigen Vorwerken und Bastionen sowohl als repräsentatives also auch als wehrhaftes Gebäude wahrgenommen wird. Das Können und die Erfahrung Hildebrandts als Militäringenieur sind an seinen Plänen für Göttweig deutlich abzulesen, freilich wurden diese nur zum Teil umgesetzt.

Französische Fremdherrschaft 

Im Jahr 1809 standen napoleonische Truppen vor dem Stift Göttweig. Nachdem die Bauarbeiten am Barockstift 1783 eingestellt worden waren, sahen sich die feindlichen Soldaten einer unvollendeten Klosteranlage gegenüber, deren Südseite baulich völlig ungeschützt war – lediglich die alte Festung hatte sich zur Hälfte erhalten, stellte für die feindlichen Soldaten aber kein Hindernis dar. Zum ersten Mal in der Stiftsgeschichte wurde Göttweig eingenommen, der militärischen Übermacht Frankreichs war nichts entgegenzusetzen. 

Von Mai bis Oktober 1809 diente das Stift Göttweig als Militärstützpunkt, im Kloster hielten sich wechselnde Kontingente auf, und es galt, innerhalb eines kurz bemessenen Zeitraumes mehrere hundert Soldaten zu versorgen. Um eine Rückeroberung Göttweigs durch österreichische Truppen zu verhindern, musste im Süden des Klosters eine große Erdschanze gebaut werden. Bis zu 300 Personen waren mit der Errichtung dieses Schutzbaues beschäftigt, der tatsächlich ein Vordringen österreichischer Truppen verhinderte. 

Über den Alltag unter Fremdherrschaft führten die Göttweiger Patres Friedrich Blumberger (1778–1864) und Odilo Clama (1779–1858) Tagebuch; ihre Aufzeichnungen eröffnen einen sehr unmittelbaren Blick auf die Geschehnisse während der Besatzungszeit. Erst vor wenigen Monaten wurde ein weiteres Zeugnis aus dem Jahr 1809 in Göttweig wiederentdeckt: In Kel­lerräumen unter der Foresterie, im Wes­ten des Klosters, befinden sich an den Wänden Graffiti, die mit Rötel gezeichnet und teils mit deutschen Beschriftungen versehen wurden. Einige der Motive lassen einen deutlichen Bezug des unbekannten Zeichners zum Militär erkennen, karikaturistisch anmutende Darstellungen von Soldaten finden sich mehrfach. Graffiti aus napoleonischer Zeit können für Niederösterreich als Besonderheit gewertet werden. Ihre Bedeutung für Göttweig besteht darin, dass sie ein dramatisches Kapitel der Stiftsgeschichte thematisieren und illustrieren. - Angelika Kölbl

 

  

Die Autorin:

Mag. Dr. Angelika Kölbl. Geboren 1971 in Tulln, aufgewachsen in Furth bei Göttweig, studierte Deutsche Philologie und Ethnologie an der Universität Wien, seit 2008 ist sie Archivarin im Benediktinerstift Göttweig.