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„Schöpfungsgerecht und nachhaltig arbeiten“

Foto: Kirche bunt

Interview mit Mag. Johannes Schmuckenschlager, NÖ Landwirtschaftskammerpräsident. Die christlichen Kirchen in Österreich feiern zwischen dem 1. September und dem 4. Oktober, dem Fest des heiligen Franziskus, die „Schöpfungszeit“. Dass diese Zeit gerade im Herbst gefeiert wird, ist kein Zufall: Es ist die Zeit der Ernte und des Dankens. So ist die „Schöpfungszeit“ eine Zeit, die eng mit der Landwirtschaft verbunden ist. „Kirche bunt“ sprach mit dem nieder­österreichischen Landwirtschaftskammerpräsidenten Mag. Johannes Schmuckenschlager über die Verbindung der Landwirte zu Glauben und Kirche, über den Klimawandel und Vorwürfe von Klimaschützern gegen die Landwirtschaft sowie über aktuelle Herausforderungen.

Am 4. Oktober endet die „Schöpfungszeit“. Was bedeutet diese Zeit für die Landwirtschaft?
Mag. Johannes Schmuckenschlager: Der bäuerliche Jahreskreis ist eng mit dem Glauben und dem kirchlichen Jahreskreis verbunden. Die Bauern insgesamt sind eine der wenigen Berufsgruppen, die sich permanent und täglich mit der Schöpfung auseinandersetzen – nicht nur in der ,Schöpfungszeit‘, sondern das ganze Jahr über – und das über Jahrzehnte und Jahrhunderte. Beim Betreiben eines landwirtschaftlichen Betriebes geht es natürlich um die Frage, einen gewinnbringenden Nutzen in der Produktion zu finden. Es geht aber vor allem auch darum, werterhaltend – also schöpfungsgerecht und nachhaltig – zu arbeiten. Schließlich sollen unsere Betriebe für die nachfolgenden Generationen weiterbestehen.

Sie sprechen von der Weitergabe von Generation zu Generation. Da gibt es ja auch Änderungen. Haben Sie Sorge um die landwirtschaftlichen Betriebe?
Schmuckenschlager: Diese Sorge habe ich nicht. Wenn Betriebe auslaufen, ist das in den meisten Fällen Jahre vorher abschätzbar, weil es keinen Übernehmer gibt oder weil keine Inves­titionen mehr in den Betrieb getätigt wurden. Wenn das gut aufgestellte Betriebe mit einer entsprechenden Perspektive sind, dann gibt es meistens einen Übernehmer. Was wir aber auch sehen ist, dass das Pachtwesen stark ansteigt. Fast die Hälfte der Bewirtschaftung im Ackerbereich ist gepachtet. Die Betriebe werden also weitergeführt, nur anders.

Was tut die Landwirtschaftskammer, dass die Betriebe von den Jungen übernommen werden?
Schmuckenschlager: Als Landwirtschaftskammer NÖ legen wir ein Hauptaugenmerk darauf, dass die Rahmenbedingungen so gestaltet sind, dass eine Übernahme für die Jungen attraktiv, aber auch wirtschaftlich möglich ist. Wir schauen einerseits, dass das soziale Gefüge in den Gemeinden erhalten bleibt. Das ist ein wesentlicher Faktor dafür, ob ein Betrieb bleibt oder nicht. Eine wichtige Rolle nimmt hier unter anderem die Landjugend ein, eine Spitzenorganisation der Landwirtschaftskammer und eine wichtige Gemeinschaft der Jungen im ländlichen Raum. Außerdem muss man heutzutage damit umgehen, dass auch im bäuerlichen Umfeld die Familien bunter werden, weil es auch Scheidungen oder Patchwork-Familien gibt. Für Leute, die übernehmen oder zuheiraten, die keine spezifische landwirtschaftliche Ausbildung haben, bieten wir unterschiedliche Aus- und Weiterbildungen an. Darüber hinaus bieten wir verschiedenste Lehrgänge sowie die Bäuerinnen- und Bauernschule an. Und natürlich beraten wir auch bei der Übergabefrage.

Wo sehen Sie generell die großen Herausforderungen für die Landwirtschaft in den nächsten Jahren?
Schmuckenschlager: Meines Erachtens stehen wir vor zwei großen Herausforderungen: Da ist einerseits die Frage des Wassers. In Österreich haben wir genug Wasser, aber wir haben es oft nicht in den Bereichen, wo wir es brauchen. Es gibt Gebiete, wo die Betriebe schon seit einigen Jahren betriebswirtschaftliche Einbußen hinnehmen müssen, weil es einfach zu wenig regnet. Als Landwirtschaftskammer sind wir gerade dabei, für Fragen rund um das Wasser eine eigene Beratungsperson einzurichten – da soll auch viel über die Bezirksbauernkammern laufen, weil diese die regionalen Gegebenheiten kennen. Die zweite große Herausforderung ist die Frage der Pflanzengesundheit, wo wir einerseits mit immer mehr neuen, invasiven Insekten und auch Pflanzenarten konfrontiert sind. Da geht es darum, die Felder und den Acker sauber zu halten, denn man kann ja nicht einfach alles mitdreschen – weil das dann irgendwo in den Lebensmitteln drinnen wäre.

Aber gerade der Pflanzenschutz gerät ja immer mehr unter Druck. Was sagen Sie Kritikern?
Schmuckenschlager: Die Gesellschaft ist da sehr kritisch, aber leider nicht immer genügend informiert. Man muss grundsätzlich sagen, dass wir mit dem mechanischen Pflanzenschutz schon sehr weit sind – durch die Automatisierung und Präzisierung ist vieles möglich. Aber ganz ohne chemischen Pflanzenschutz wird es nicht gehen, denn da würden heute ganze Kulturen nicht mehr gedeihen. Da stellt sich für uns die Frage: Kümmere ich mich um das oder nicht? Ein Beispiel dafür ist heuer der Mais. Der Maiswurzelbohrer machte den Landwirten enorm zu schaffen und hat massive Schäden verursacht. Es wurde ein Nahrungsmittel zerstört, weil man es aufgrund des gesellschaftlichen Druckes nicht entsprechend behandeln durfte.

Ist es nicht gut, wenn die Menschen da eine Sensibilität für Lebensmittel entwickeln?
Schmuckenschlager: Es ist sehr gut, dass sich die Menschen mit den Lebensmitteln auseinandersetzen, aber leider haben wir es in der heutigen verkürzten Medienwelt damit zu tun, dass man nicht in die Tiefe geht. Man diskutiert oft mit unzureichenden Informationen, das ist ein Problem. Als Landwirtschaftskammer liegt uns sehr viel daran, die Konsumenten in diesen Belangen aufzuklären. Es gibt Bilder in den Köpfen der Leute, die so nicht stimmen. Eines davon ist, dass durch Pflanzenschutzmittel Ackerland zerstört wird. Wenn wir aber die Realität anschauen, dann sehen wir einen Ackerbau in Österreich, der extrem vielfältig ist, wo viel Leben ist und dass auch die eingesetzten Mittel weiterentwickelt wurden.

Das Klima verändert sich. Welche Antworten gibt es darauf in der Landwirtschaft?
Schmuckenschlager: Auf den Klimawandel wird auf mehrfache Weise reagiert: Im Ackerbau sieht man, dass ein gewisser Kulturwechsel im Gange ist, Soja z. B. kann mit höheren Temperaturen sehr gut umgehen. Da geht es also in Richtung klimaangepasster Sorten. In der Forstwirtschaft sehen wir, dass aufgrund der Klimaveränderung und wegen des Borkenkäfers gewisse Standorte für die Fichte einfach nicht mehr optimal sind. Hier ist es erforderlich, sich neu auszurichten und wie etwa Mischwälder oder im Nadelholzbereich Douglasien oder Tannen zu forcieren. Insgesamt machen wir dort, wo es Sinn macht, auch Mut, etwas Neues zu probieren: In der Fischzucht sehen wir z. B. ein Riesenpotenzial. Eine Zahl dazu: Wenn sich Österreich selbst mit Fisch versorgen müsste, dann könnten wir uns – auf das Jahr aufgerechnet – gerade einmal 22 Tage selbst versorgen. Der Rest muss aus dem Ausland zugekauft werden.

Was sagen Sie Kritikern, die die Landwirtschaft als Klimasünder bezeichnen?
Schmuckenschlager: Man könnte darauf salopp antworten, dass wir dann halt die Landwirtschaft abstellen. Der Mehrfachnutzen der Landwirtschaft wird oft nicht gesehen. Vielen ist nicht bewusst, welche CO2-Bindung generell durch den Wald oder durch den Pflanzenbau stattfindet. Einer der größten CO2-Speicher ist z. B. die Zuckerrübe. Oder: Ein Rind in Österreich verursacht viermal weniger CO2-Ausstoß als ein brasilianisches Rind. Bei uns in Österreich ist das Bewusstsein für Klimaschutz und eine nachhaltige Lebensweise auf der einen Seite sehr hoch, schauen wir uns aber auf der anderen Seite an, wie viele Menschen jeden Tag am Flughafen Schwechat abgefertigt werden. Ein anderes Beispiel ist das Formel-1-Wochenende in Spielberg, wo mehr als 200.000 Besucher dafür bezahlen, um zu sehen, wie fossile Energieträger im Kreis verfahren werden. Da stellt sich dann schon die Frage, wie man die Landwirtschaft als großen Klimasünder darstellen kann. Man kann immer etwas verbessern, aber die Landwirte sind nicht die Klimakiller.

Auch die Massentierhaltung wird vielfach kritisch gesehen.
Schmuckenschlager: Tatsache ist, dass jeder unter Massentierhaltung etwas anderes versteht. Es ist eigentlich ein Begriff, den die Medien geprägt haben. Wir unterscheiden eher zwischen Extensiv- und Intensivtierhaltung. Grundsätzlich ist gegen große Bestände nichts einzuwenden, wenn die Haltung passt – und da haben wir in Österreich eine ganze Anzahl von Vorschriften und Bestimmungen, die es einzuhalten gilt. Es gibt fast kein Land in Europa, das im Durchschnitt weniger Kühe pro Betrieb hat als wir in Österreich. Bei uns gibt es eher die kleinstrukturierte Viehwirtschaft, das schaut in anderen Ländern ganz anders aus.

Wie sehr sorgt man sich in der Landwirtschaft, dass der Brexit kommen wird?
Schmuckenschlager: Die Sorge ist da und auch die Frage, welche Auswirkungen das haben wird. Es geht nicht in erster Linie darum, dass wir nicht mehr so viele österreichische Produkte nach England verkaufen können. Es geht vielmehr darum, dass in der Folge mehr irisches Rindfleisch, Milch oder Butter auf den europäischen Gesamtmarkt drängen und den Preis extrem drücken könnte  – und das sehen wir kritisch.

Gibt es beim Mercosur-Abkommen, dem geplanten Freihandelsabkommen zwischen der EU und Südamerika, ähnliche Sorgen?
Schmuckenschlager: Das Mercosur-Abkommen würde für uns ein Riesenproblem bedeuten. Einerseits schränkt es die heimische Produktion durch viele Auflagen ein, andererseits gäbe es beim Import praktisch keine Kontrollen mehr, was zur vermehrten Einfuhr von ausländischen Lebensmitteln führt und unsere heimischen Standards absenkt. Meines Erachtens ist der Bauer dabei nur ein kleines Rädchen. Wird dieses Abkommen getroffen, dann ist für uns wichtig, dass eine klare und verpflichtende Herkunftskennzeichnung entsprechend etabliert wird, weil wir wissen, dass der Konsument unser stärkster Verbündeter ist, der österreichische Qualität schätzt.

Also nur mehr österreichische Produkte für den österreichischen Konsumenten?
Schmuckenschlager: Natürlich ist es hilfreich und gut, wenn der Konsument auf Produkte aus der eigenen Region greift. Das ist auch unser Anliegen und Wunsch. Das Bewusstsein dafür steigt glücklicherweise auch immer mehr. Das soll nicht heißen, dass Importe verboten werden sollen, denn es geht ja auch um Vielfalt und nicht darum, dass man z. B. keine Bananen mehr isst. Wenn aber in meinem Land entsprechende Standards festgelegt sind und mir diese   auch wichtig sind, dann sollte mir das bei Produkten aus anderen Ländern ebenso wichtig sein. Man kann nämlich durchaus darauf schauen, was man kauft, ob das z. B. Äpfel aus Chile sein müssen. Und man sollte auch hinterfragen, wie die Produktionsbedingungen in diesem Land sind. Die Divergenz ist, dass man heute noch naturnaher und noch höhere Standards haben will – die es in Österreich auch gibt – aber bei der wirklichen Entscheidung im Regal schaut es ganz anders aus. Letztlich entscheidet der Konsument beim Regal, wie es mit der österreichischen Landwirtschaft in Zukunft weitergeht. Interview: Sonja Planitzer