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Rut – eine Geschichte von Liebe und Treue

Rut und Noomi sind als Vornamen wieder häufiger anzutreffen. Die beiden Frauen sind die Leitfiguren eines kleinen, aber feinen Buches im Alten Testament.

Mit gerade einmal vier Kapiteln gehört das Buch Rut zu den kürzesten des Alten Testaments, und doch ist es literarisch wie theologisch ein Meisterwerk – eine Liebesgeschichte, die auch in der Ahnenreihe Jesu eine wichtige Rolle spielt. Fast könnte man meinen, Rut kam in die Bibel wie Pontius Pilatus ins Credo: eine Frau, eine Außenseiterin aus dem Volk der Moabiter, wird Davids Urgroßmutter und damit eine Vorfahrin Jesu.

Die Geschichte ist ebenso kurz wie kompliziert: Aufgrund einer Hungersnot verlässt Noomi mit ihrem Mann und ihren beiden Söhnen ihre Heimat Betlehem und geht in das Grünland von Moab. Noomis Mann stirbt, die Söhne heiraten moabitische Frauen. Doch nach zehn Jahren sterben auch die Söhne – das Unglück ist perfekt. Ohne Mann hat Noomi keine soziale Absicherung. Sie kehrt in ihre Heimat zurück und will nicht mehr Noomi, „die Liebliche“, sondern Mara, „die Bittere“, genannt werden. Ihre Schwiegertöchter will sie zur Rückkehr nach Moab bewegen. Orpa geht, doch Rut bleibt unbeirrt an ihrer Seite.

Im zweiten Kapitel kommt Boas ins Spiel. Sein Name bedeutet „in ihm ist Kraft“. Er ist ein Verwandter von Noomis verstorbenem Mann Elimelech. Die Initiative geht freilich von Rut aus. Sie bittet, bei der Ernte hinter den Schnittern Ähren auflesen zu dürfen. Dieses Recht war in den Sozialgesetzen Israels vorgesehen. Auf dem Feld begegnet Rut Boas, der sie unter seinen Schutz nimmt und ihr rät, bei seinen Mägden zu bleiben. Seine Knechte sollen sogar eigens für sie etwas aus den Bündeln ziehen und liegen lassen. In die Erzählung eingebettet sind Segenssprüche wie jener von Noomi über Boas, die zugleich die Spannung erhöhen: „Gesegnet sei er vom Herrn, der seine Güte den Lebenden und Toten nicht entzogen hat“ (Rut 3,20). Boas könnte nämlich ein „Löser“ sein und so die Not der Frauen wenden.

Löserpflicht und Leviratsehe

Für den Fortgang der Erzählung ist die Kenntnis rechtlicher Regelungen wichtig: das Institut des (Er)Lösers und die Leviratsehe. Die Löserpflicht war eine bereits in Lev 25,25f festgelegte Verpflichtung, den nächsten Angehörigen beizustehen, wenn sie in wirtschaftliche Not geraten waren. Die Leviratsehe sollte das Recht der Witwen stärken: Starb ein Mann 

ohne männlichen Nachkommen, so war dessen Bruder verpflichtet, die Frau zu sich zu nehmen, um mit ihr einen Sohn zu zeugen.

Nach dem Dreschen auf der Tenne legt sich Rut als Braut geschmückt zu Füßen des Boas nieder. Der erwacht und sagt ihr zu, sie zu „lösen“, falls dies nicht ein anderer, näherer Verwandter tun werde. Noch vor Tagesanbruch schickt Boas sie mit reichlich Gerste zurück zu ihrer Schwiegermutter.

Im vierten „Akt“ kommt es zur Verhandlung um das Grundstück des Elimelech, zu dessen Verkauf sich Noomi gezwungen sieht. Tatsächlich tritt ein zweiter „Löser“ auf. Der anonym bleibende „Herr Soundso“ ist auch sofort bereit, das Grundstück freizukaufen – bis ihm Boas sagt, dass er damit auch die Moabiterin Rut „erwirbt“. Das würde aber seinen Ruf ruinieren. So tritt er zugunsten des Boas zurück. Da der Anonymus nicht bereit ist, dem verstorbenen Elimelech („Mein Gott ist König“) den Namen zu erhalten, fällt sein eigener dem Vergessen anheim.

Der Schiedsspruch der Versammlung schließt mit dem Satz: „Dein Haus gleiche dem Haus des Perez, den Tamar dem Juda geboren hat, durch die Nachkommenschaft, die der Herr dir aus dieser jungen Frau geben möge“ (Rut 4,12). So nimmt die Geschichte ein Happy End: Rut bringt einen Sohn zur Welt – Obed („Knecht“). Die Frauen Betlehems aber preisen Noomi: „Gepriesen sei der Herr, der es dir heute nicht an einem Erlöser hat fehlen lassen“ (Rut 4,15).

Die Erzählung beginnt mit einer Hungersnot in Betlehem. Nun, am Ende, gibt es reiche Ernte, der Herr hat Brot gegeben. Dazu passt auch die – etymologisch nicht korrekte – Deutung von Betlehem als „Haus des Brotes“.

Die Handlung des Buches Rut spielt zur Zeit der Richter, als es in Israel keinen König gab und „jeder tat, was in seinen Augen recht war“ (Ri 21,25). Die Geschichte steht am Übergang von der Richter- zur Königszeit und schafft so einen Lückenschluss in der Genealogie Davids, wie sie am Schluss der Rut-Erzählung aufgelistet ist: von Perez, dem Sohn der Tamar, bis hin zu Boas, Obed, Isai und David.

Bedeutsam ist der Umgang mit dem Fremden. Den Nachkommen der Moabiter sollte es bis in die zehnte Generation nicht erlaubt sein, zum Volk Israel zu gehören. Die Sprache der Moabiter war jener der Israeliten sehr nahe verwandt. Israels Könige führten aber zahlreiche Feldzüge gegen die Moabiter. Das Buch Rut ist ein Korrektiv zu einer Auslegung alter biblischer Texte, wie sie gerade in der nachexilischen Restauration von manchen Kreisen betrieben wurde. In dieser Zeit (5. Jhdt. v. Chr.) entstand das Buch Rut in seiner heutigen Gestalt.

Sich eine Weile für dieses kleine Buch der Bibel (das achte im Alten Testament) Zeit zu nehmen und dabei auch auf die feinen Nuancen, die Bedeutung der Namen und vor allem den Ernst der Situation für die zwei Frauen zu achten kann ein durchaus lohnenswerter Einstieg in die Lektüre der Heiligen Schrift sein. – Schlager

 

Fachtagung zum Buch Rut

Eine Bibelfachtagung zum Buch Rut unter dem Thema „Aufbrechen“ findet am 30. und 31. 8. im Bildungszentrum St. Benedikt in Seitenstetten statt. Es referieren Univ.-Prof. Dr. Dr.h.c. Irmtraud Fischer und Univ.-Prof. ret. Dr. Martin Jägg­le, dazu gibt es vertiefende Workshops. Anmeldung bis 7. 8. unter Tel. 07477/42885 (vorm.) bzw. E-Mail: .