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„Rituale sind für den Menschen da“

Rituale sind nicht passé, im Gegenteil, sie boomen. Das ist auch eine Herausforderung für sakramentale Feiern, zeigte der Wiener Pastoraltheologe Univ.-Prof.Dr. Johann Pock in einem Gastvortrag an der Phil.-Theol. Hochschule St. Pölten auf.

Das rituelle Handeln der Kirche ist wahrlich eine Erfolgsgeschichte und zählt noch immer zu den großen Pluspunkten“, betonte Univ.-Prof. Dr. Johann Pock, Professor für Pastoraltheologie und derzeit Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien. „Rituale sind in – aber verändert.“ Das stelle auch die Feier von Sakramenten vor große Herausforderungen, zeigte Pock in seinem Vortrag an der Praxis von Beichte und Hochzeit auf.

Menschen suchen Halt in rituellen Formen, „bei uns, bei anderen, oder sie zimmern sich eigene“, so der Pastoraltheologe. Rituale seien die „Architektur“ einer Religion, z. B. als Gegenwärtigsetzung des Ursprungs oder Abwehr böser Mächte. Es gehe stets um „Segen“, was auch immer die Menschen damit verbinden. Der Alltag wird überschritten. Doch diese Rituale ändern sich nun.

„Rituale sind weiter gefragt, aber wir als Kirche(n) haben das Monopol auf Rituale verloren“, sagte Pock und verwies auf entsprechende gesellschaftliche Veränderungen. So hätten sich Ritualbegleiter als neuer Berufszweig etabliert. Da werde beispielsweise mit dem Slogan geworben, dass bei der Trauung niemandem langweilig sein werde. Die Außenwahrnehmung kirchlicher Rituale ist also: ernst, feierlich – ergo langweilig. Durch eine Banalisierung verlieren Rituale aber an Bedeutung.

In der Begleitung von Ehepaaren zeige sich, dass diese „immer weniger die liturgischen Formen erfahren wollen, sondern sie bringen immer mehr ihre eigenen Vorstellungen mit“. Da gehe es einmal darum, den Hund mit einzubeziehen, ein andermal um die Feier an einem ausgefallenen Ort oder einfach um die Auswahl bestimmter Lieder. Wenn ein junges Paar seine eigenen Liedwünsche mitbringt, dann müsse man das Gespräch suchen und schauen, wie man das in den Gottesdienst einfügen kann, lautet der Rat des Pastoraltheologen.

Beichte – das „wichtigste Sakrament“

Dem Thema Beichte stellte Univ.-Prof. Dr. Johann Pock eine pointierte Aussage voraus: „Ich finde es extrem schade, dass die Beichte einen so schlechten Ruf hat, denn eigentlich müsste sie das wichtigste Sakrament sein. Denn wo wird einem mit einem Bekenntnis der Schuldschein zerrissen?“, so Pock. Die Buße sei einer der großen Schätze der Kirche. Über Jahrhunderte hinweg seien Buße bzw. Beichte identisch mit Seelsorge gewesen. Die Menschen seien auch heute nicht dem Unschuldswahn verfallen, sie gehen nur woanders hin – vom Psychiater bis zur Talkshow. 

Es sei ein „fataler Fehler“, die Buße als Vor­aussetzung für die Eucharistie zu vermitteln. Pock plädierte für eine Aufteilung der Sakramentenkatechese auf zwei Jahre. Im ersten Jahr sollte die Einübung der Versöhnung im Zent­rum stehen, im zweiten die Erstkommunion.

Pock verwies auf neue Modelle der Beichtpastoral, wie sie beispielsweise in der Schweiz praktiziert werden. Beim vielfach ökumenisch durchgeführten „Versöhnungsweg“ steht die Kirche für einen oder zwei Tage offen. Es gibt viele Stationen, darunter natürlich auch den Beichtstuhl. Und es gibt einen „Beichtpaten“, den sich die Kinder selber aussuchen können. Die Versöhnung steht in einem gemeinschaftlichen Rahmen.

„In der Postmoderne sind die Biografien der Menschen verschiedener geworden. Menschen trennen sich, gehen in Pension – ohne kirchliche Begleitung“, so der Pastoraltheologe. Die Kirche sei herausgefordert, sich auf die veränderte Lebenssituation der Menschen einzustellen, gerade indem sie Riten anbiete, wo sich die Menschen wiederfinden können – vor allem dort, wo Menschen das Herz aufgeht, bei Liebe und Geburt.

Pock plädierte für „eine Liturgie, die den Menschen mit allen Sinnen einbezieht“ und – unter Hinweis auf den „Vorhof der Heiden“ im Jerusalemer Tempel – Schwellen überschreitet. Die Kirchenschwelle sei für viele zu hoch.

Das gelte auch für die Liturgie, die oft viel zu „durchgestylt“ sei. Nötig sei in der Liturgie die grundlegende Offenheit für Gott und sein Handeln; das kann vor einem reinen Aktivismus bewahren. Es brauche den Raum der Stille, dass Gott auch Handelnder sein kann.

Sakramente seien „immer gratis, nie umsonst“, zitierte Pock den Tübinger Pastoraltheologen Ottmar Fuchs, und sie bewirken etwas. Sakramente müssten „schöpfungstheologisch“ verstanden werden. Sie sind „Heilsmittel im Dienst am Menschen, Abbilder des Liebesbundes Gottes mit den Menschen“, so Pock – ein Geheimnis, das nicht aufgelöst werden soll. Unmissverständlich hob Pock den Dienstcharakter der Rituale hervor: „Die Rituale sind für die Menschen da und nicht umgekehrt die Menschen, damit es Sak­ra­mente geben kann.“ Es braucht immer den gemeinschaftlichen Aspekt. Schlager