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Pfarrkirche Zuggers überwindet Grenzen

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden aus dem grenznahen Zuggers Hunderte Österreicher vertrieben, das Dorf wurde dem Erdboden gleichgemacht, die Kirche von Soldaten als Kino verwendet. Jetzt bemühen sich Tschechen und Österreicher um eine Revitalisierung des baufälligen Gotteshauses.

Bis zum Fall des „Eisernen Vorhangs“ 1989 wurde von tschechischen Grenzsoldaten öfters auf Flüchtende geschossen, die versucht haben, nach Österreich zu kommen. Das hat man schon mitgekriegt“, erzählt der Schremser Dechant Herbert Schlosser über die schreckliche jüngere Geschichte. An der tschechisch-österreichischen Grenze stehen heu­te noch die Warntafeln „Achtung Staatsgrenze!“ Es gebe gerade unter Älteren noch Ressentiments, bei den Jüngeren dagegen keine, so Schlos­ser. Doch natürlich überwiegt die Freude über die gewonnene Freiheit und es gibt ein gutes Miteinander.

Dafür steht symbolhaft die Kirche von Zuggers (tschechisch: Krabonoš), die nach einer wechselvollen Geschichte am Grenzort neues Leben erhält. Ursprünglich war dort eine Jagdkapelle als Holzbau. Um 1400 wurde ein Steinbau mit Kreuzwölbung im gotischen Stil errichtet, dann kam ein barocker saalartiger Zubau dazu. 

Nach dem Ende der Monarchie kam Zuggers 1920 zur Diözese Budweis, zwischen 1940 und 1945 gehörte die Pfarre zur Diözese St. Pölten und ab 1945 wieder zur Diözese Budweis. Am 28. Mai 1945 wurden die österreichischen Zuggerser – die Volkszählung von 1930 ergab 424 Einwohner – von Partisanen vertrieben, sie durften nur 30 Kilo Gepäck mitnehmen. 

Ringsherum entstanden Kasernen für die Grenzbeamten, das Dorf wurde dem Erdboden gleichgemacht. Die Pfarrkirche, die laut Pfarrer P. Tomaš Vyhnálek OMI, nie entweiht wurde, wurde von tschechischen Soldaten zweckentfremdet: als Wachturm, Turnhalle und Kino. Noch heute ist das Loch zu sehen, von dem aus die Filme gezeigt wurden. Nach der Wende 1989 wurde die Kirche an die Diözese Budweis zurückerstattet, sie bekam ein neues Holzdach, einige Stellen wurden renoviert, ringsherum entfernten Freiwillige den Wildwuchs. Aber: Die Kirche ist baufällig und bedarf einer Sanierung. Versuche von tschechischer Seite, Gelder über die EU zu erhalten, sind bislang gescheitert. Neben der Kirche steht das einstige Pfarrhaus, das nicht der Diözese zurückgegeben worden ist. Es stürzte ein, die neuen Besitzer wollen auf dem Grund Gartenhäuschen errichten. 

Für die Kirche besteht dringender baulicher Handlungsbedarf, das ist augenscheinlich. Überall bröckelt es herab, es braucht Fenster, um die Witterungsschäden einzudämmen. Andererseits wolle man die Schäden als Art Mahnmal belassen. Erste Schritte wurden vom Bauamt der Diözese St. Pölten gesetzt: es gab eine Bestandsaufnahme, eine Kostenschätzung und eine statische Begutachtung. Das Bauamt wird das Projekt in Zuggers weiter logistisch unterstützen. Vorrangig gilt es, die Kirche sicher zu machen und als Treffpunkt zu etablieren. Ein Gesamtkonzept und die notwendigen Einreichpläne sollen aus Genehmigungsgründen von einem tschechischen Planungsbüro erarbeitet werden, die Gesamtkosten schätzt man auf mehrere Hunderttausend Euro. 

Die Kirche erfährt seit 2015 eine Renaissance. Viermal im Jahr gibt es heilige Messen, die zweisprachig gefeiert werden: zu Neujahr, am Ostermontag, am Patroziniumsfest (24. 6.) – die Kirche ist Johannes dem Täufer geweiht, von dem es im Altarraum ein Fresko gibt –, sowie am Gedenktag der Enthauptung von Johannes (29. 8.). Zu jedem Gottesdienst finden sich 50 bis 80 Gläubige ein. Meist zelebriert P. Tomaš, der hervorragend Deutsch spricht und früher Kaplan in Gmünd-Neustadt war. Zusätzlich zu den heiligen Messen gab es schon Konzerte in der Kirche, angedacht sind auch Veranstaltungen für die Jugend oder vielleicht die „Lange Nacht der Kirchen“.

Neben Dechant Schlosser und Pfarrer P. Tomaš gehört Franz Illetschko dem „Verein für die Rettung der Kirche in Zuggers“ an. Ohne Herrn Illetschko, der in Brand wohnt, ginge es nicht, betont Schlosser. Illetschko sagt: „Hier herrscht eine besondere Atmosphäre. Die Gottesdienste sind sehr stimmungsvoll und kommen bei den Feiernden gut an!“ Wöchentlich würden sich mehr und mehr Nachfahren der 1945 Vertriebenen bei ihm melden. Illetschko weiter: „Wir haben hier ein kulturelles Juwel, das trotz des erbärmlichen Zustands von einer überwältigenden Ausstrahlung ist. In einem geeinten Europa muss die Kirche auch kommenden Generationen als spiritueller Ort zur Verfügung stehen.“