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Notre-Dame wird wieder erstrahlen

Wolfgang Zehetner ist Dombaumeister des Stephansdoms und Vorsitzender der Europäischen Vereinigung der Dombaumeister. Der gebürtige Viehdorfer glaubt im Gespräch mit „Kirche bunt“ an einen raschen Wiederaufbau des Pariser Wahrzeichens. 

Wie erging es Ihnen als Dombaumeister des Wiener Stephansdoms persönlich, als Sie vom Brand in Notre-Dame erfahren haben?

Wolfgang Zehetner: Mich hat eine Kollegin aus Deutsch­­land angerufen. Ich war richtiggehend schockiert und habe dann die Ereignisse im Fernsehen mitverfolgt. Die Reaktionen waren beeindruckend: von europäischen Spitzenpolitikern bis hin zu US-Präsident Donald Trump.

Wie erklären Sie sich die große Bestürzung über die Katastrophe von Paris und die anschließende große Solidarität mit Notre-Dame? Frankreich gilt doch als sehr säkular. 

Wolfgang Zehetner: Notre-Dame ist eines der berühmtesten Bauwerke Frankreichs und der ganzen Welt. Ich glaube aber auch, dass da eine Sehnsucht nach Spiritualität mitschwingt. Die Kirche hat ja schon einiges mitgemacht, während der Französischen Revolution wurde dort eine „Göttin der Vernunft“ hineingesetzt. Erst ab dem 19. Jahrhundert wurde Notre-Dame auf Geheiß von Napoleon wieder als Kirche genutzt. Es ist gewiss eine emotionale Bindung mit der Bevölkerung vorhanden und sie liegt im Zentrum der Hauptstadt. Was auch wichtig ist: Die Kirche steht für ein Stück überragender Qualität der Gotik. Ich würde sagen: Notre-Dame ist eine der größten Kulturleistungen der Menschheit. Sie ist die „Mutter aller Kathedralen“.

Werden Sie sich am Wiederaufbau beteiligen oder Ihre Fachleute nach Paris entsenden?

Wolfgang Zehetner: Gerne biete ich an, mitzuhelfen. Hochqualifizierte Steinmetze und Bildhauer gibt es nicht im Übermaß. Wir haben in der Europäischen Vereinigung der Dombaumeister bereits darüber gesprochen, auch dort ist eine große Bereitschaft da, am Wiederaufbau mitzuwirken. Allerdings haben die Franzosen selbst sehr viel Expertise auf diesem Gebiet. 

Ist es für Sie realistisch, dass Notre-Dame innerhalb von fünf Jahren wiederhergestellt wird, wie es Präsident Emmanuel Macron angekündigt hat?

Wolfgang Zehetner: Wenn die Unterstützung von den Medien, der Gesellschaft und Präsident Macron anhält, dann halte ich das durchaus für möglich. Innerhalb dieser Zeit könnte es wieder so weit sein, dass man Notre-Dame als Kirche nutzt. Notre-Dame wird wieder erstrahlen. Die Pläne zu dieser Kirche sind erhalten und vor allem digitalisiert. Nach den Zerstörungen des Stephansdoms im Zweiten Weltkrieg war es so, dass innerhalb weniger Jahre wieder Gottesdienste gefeiert werden konnten. Doch Ausbesserungsarbeiten haben sich dann über Jahrzehnte bis in die 1980er-Jahre hingezogen.

War Notre-Dame schlecht abgesichert, was den vorbeugenden Brandschutz betrifft?

Wolfgang Zehetner: Dazu maße ich mir kein Urteil an. Wir haben vom Brand des Stephansdoms während des Zweiten Weltkrieges viel gelernt, beim Dom kann ich mir so eine Katastrophe nur schwer vorstellen. In den Jahren 1949 und 1950 wurde der stählerne Dachstuhl anstelle der verbrannten, 500 Jahre alten Holzkonstruktion auf das Langhaus gesetzt, die Brandgefahr ist dadurch deutlich geringer. Zudem gibt   es im Stephansdom eine Brandwarnanlage, zahlreiche Feuerlöscher und regelmäßige Übungen mit der Feuerwehr. Brände in den Kirchen sind bei uns in Österreich freilich nicht auszuschließen. Große Sorgfalt ist bei Bauarbeiten immer notwendig. In Deutschland brennt jede Woche im Durchschnitt eine Kirche.

Wird Notre-Dame wieder so sein, wie sie vor der Zerstörung war?

Wolfgang Zehetner: Aus Sicht der Denkmalpflege sollte es so originalgetreu wie möglich wieder hergestellt werden. Allerdings könnte für den eingestürzten Turm aus dem 19. Jahrhundert auch ein Architektenpreis ausgeschrieben werden.

Als gebürtiger Viehdorfer kennen Sie die Bauwerke der Diözese sehr gut. Welche imponieren Ihnen am meisten?

Wolfgang Zehetner: Es gibt in der Diözese St. Pölten viele kleine Kirchen, die großen Charme haben. Dazu kommen Weltmonumente wie die Stifte Melk oder Göttweig. Aber auch der St. Pöltner Dom oder die Stiftskirche Zwettl möchte ich hier erwähnen.

 

Interview: W. Zarl