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Niederösterreich – Land der Burgen

Mag. Dr. Thomas Kühtreiber ist Burgen-Experte und Geschäftsführer des Kremser Instituts für Realienkunde des Mittelalters und der frühen Neuzeit (IMAREAL), das unlängst sein 50-jähriges Bestehen feierte. Thomas Kühtreiber kennt sie alle: die 348 erhaltenen Burgen Niederösterreichs – die berühmten und die meist zu Unrecht übersehenen.

Die Burgruine von Aggstein mit ihrem wunderbaren Blick über die Wachau, die Rosenburg mit Turnierhof sowie die Schallaburg mit ihren baulichen „Schmankerln“ von der Romanik bis zur Renaissance – sie alle sind beliebte (Touristen-)Magnete. Doch auch die Burgruine Falkenstein im nördlichen Weinviertel mit einem großenartigen Ausblick über die Grenze, das Schloss Roggendorf in Pöggstall oder die Wiener Neustädter Burg sind absolut sehenswert. Ein Mann kennt sie alle, die Burgen Niederösterreichs: Thomas Kühtreiber, Mittelalter-Archäologe und Geschäftsführer des Instituts für Realienkunde (IMAREAL) in Krems. Er hat die Niederösterreichische Burgendatenbank „NÖ Burgen online“ mit aufgebaut, die die Besitz- und Baugeschichte von 2.600 Burgen erläutert (www.imareal.sbg.ac.at/noe-burgen-online), und erforscht anhand von erhaltenenen Objekten (Öfen, Küchengeräten, Werkzeug …) das Leben auf mittelalterlichen Burgen.

348 Burgen in NÖ

Die meisten hiesigen Adelssitze wurden zwischen dem 11. und dem 15. Jahrhundert errichtet. Wenn man davon ausgeht, dass hinter jeder Benennung eines Adeligen nach einem konkreten Ort auch einmal ein mehr oder weniger befestigter Sitz steckt, dann kann man von ca. 2.700 Objekten auf dem Gebiet des heutigen Niederösterreich ausgehen. Davon waren nicht alle befestigt und somit „Burgen“; gut die Hälfte waren eher so genannte „Herrenhöfe“ und besaßen oft nur einen Turm und eine hölzerne Palisade. Erhalten geblieben sind immerhin 348 ehemalige Burgen sowie 218 nicht oder schwach befestigte Herrenhöfe.

Die größten und ältesten

Die flächenmäßig größten Burgen entstanden in Niederösterreich im 14. und 15. Jahrhundert, als man versuchte, etwaige Angreifer durch weitläufige und gestaffelte Mauerringe und Vorhöfe auf Distanz zu halten. Schöne Beispiele dafür sind die Burg Hardegg an der niederösterreichisch-tschechischen Grenze, wo die Burg annähernd gleich groß war wie die darunter gelegene Stadt.
Die höchstgelegene Burg Nieder­österreichs befand sich auf dem Weinsberg, Gemeinde Bärnkopf im Bezirk Zwettl, auf 1.042 Meter Seehöhe. Sie war im 13. Jahrhundert Teil eines kleinen Rodungsaufschlusses im Weinsberger Wald, das raue Klima dürfte ihr aber als dauerhaftem Wohnsitz ein baldiges Ende bereitet haben. 
„Echte“ mittelalterliche Burgen  – als exklusiver Sitz einer Adelsfamilie oder einer geistlichen Herrschaft – lassen sich seit dem 11. Jahrhundert nachweisen. Zu den ältesten Burgen zählen Persenbeug an der Donau und die Burg Raabs an der Thaya.

„Kirchliche“ Burgen

Bekannte Burgen-Errichter und -Besitzer waren hierzulande die Kuenringer mit Besitzungen vom südlichen Niederösterreich bis in das nördliche Waldviertel sowie im Spätmittelalter die aus dem heutigen Ober­österreich stammenden Herren von Puchheim. Auch kirchliche Herren und Institutionen besaßen Burgen: Dem Bistum Freising gehörten beispielsweise die Burgen Waidhofen an der Ybbs und Ulmerfeld.
Da die Herrschaft des Adels im Mittelalter auch religiös legitimiert war, waren die Adeligen als Vögte die Schutzherren kirchlicher Institutionen. Insbesondere im Früh- und Hochmittelalter findet dies seinen Ausdruck u. a. in der räumlichen Nähe von Burg- und Kirchenbauten. Derartige Burg-Kirchenanlagen finden sich heute teilweise noch im Waldviertel, so z. B. in Stiefern am Kamp oder Gars am Kamp, wo die Pfarrkirchen im befestigten Vorhof der jeweiligen Burg errichtet wurden.

Leben in einer Burg

Für die Wohnqualität ungünstig war meist die Lage einer Burg: Entweder musste man steile Zustiege und Ausgesetztheit für Wind und Wetter in Kauf nehmen oder sich mit feuchtem Untergrund und Mauern herumplagen. „Speziell im Winter mag mancher Bauernhof und das Wohnen in der Stadt weitaus gemütlicher gewesen sein“, erklärt Thomas Kühtreiber. Auf der anderen Seite gingen zahlreiche Innovationen in Sachen Wohnkomfort auf das Konto adeliger und geistlicher Burgherren. So lassen sich mit Kachelöfen beheizte und mit Holz innen ausgekleidete Wohnstuben zuallererst auf Burgen nachweisen.
Als Verwaltungs- und Wirtschaftszentren ihrer Grundherrschaften waren viele Burgen mit Schreibstuben und Archiven sowie Ställen, Scheunen, Kellereien, Brauereien und vielem anderen mehr ausgestattet. Essentiell für jede Burg war die Wasserversorgung durch Brunnen, Zisternen – Sammeltanks von Regenwasser – oder auch durch Wasserleitungen.
Nach der Blütezeit im Hochmittelalter ging die Ära der Burgen langsam zu Ende. Im Spätmittelalter wurden viele kleinere Burgen aufgegeben und an ihre Stelle traten vielfach die schwach oder nicht befestigten Herrenhöfe, zum Teil Amtssitze für größere Grundherrschaften. Dahinter steckte ein tiefgreifender gesellschaftlicher Wandel: Bis ins 13. Jahrhundert war das Erschließen immer neuer Räume durch Rodung und Burgenbau möglich; mit dem Ende des Wachstums bildete man größere Herrschaften auf Kosten der kleinen Einheiten.

 

IMAREAL

Am 7. November feierte das Institut für Realienkunde des Mittelalters und der frühen Neuzeit (IMAREAL) sein 50-jähriges Bestehen. Das zur Universität Salzburg gehörende Institut befindet sich in Krems und widmet sich der Erforschung der materiellen Kultur, also der Objekte, mit denen Menschen ihre Welt gestaltet haben. www.imareal.sbg.ac.at

 

Kleine Burgen-Kunde

Was macht eine Burg zur Burg? Ein nahezu unabdingbares Bauelement ist der Turm: Er ist bei kleinen Adelssitzen oft das einzige Gebäude, das alle Funktionen in sich vereinigt: Wohn- und Arbeitsräume, Vorratslager, Wehrhaftigkeit. In größeren Burgen kommen eigenständige Wohngebäude dazu, in diesen Fällen verliert der Hauptturm, der sogenannte „Bergfried“, mitunter jegliche Wohnlichkeit und wird zum Wehrbau und Repräsentationssymbol.

Bergfried: Hauptturm der Burg, zu Repräsentations- und Verteidigungszwecken errichtet, manchmal bewohnbar.

Bering, Ringmauer: die Umfassungsmauer einer Burg, die mitunter zu komplexen Anlagen ausgebaut wurde und auch Vorburgen und Zwinger einschließen kann.

Halsgraben: Grabensicherung an der engsten, zugangsseitigen Stelle einer Burg.

Meierhof: der zumeist angeschlossene oder nahegelegene Wirtschaftshof zur unmittelbaren Versorgung des Sitzes.

Palas: das für Wohn- und Repräsentationsaufgaben vorgesehene Hauptgebäude einer mittelalterlichen Burg.

Poterne: eine meist von der Zugangsseite abgewandte Nebenpforte im Bering; im engeren Sinne eine versteckte Flucht- oder Ausfallspforte einer Burg.

Rondell: niedriger, gerundeter Geschützturm, meist bastionsartig vor dem Bering situiert.

Vorburg: durch eigenständige Befestigungen von der Hauptburg getrennter Abschnitt der Burg, zumeist mit einem Hof und Gebäuden.

Zwinger: ein von Mauern umschlossener, enger Bereich zwischen zwei Burgtoren oder inneren und äußeren Mauerzügen, der Eindringlinge kontrollieren bzw. in eine bestimmte Richtung „zwingen“ sollte.