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Musik zwischen Himmel und Erde

Kritik von Mag. Sylvia Kummer über das Konzert „Menschen, Engel und der siebte Himmel“ der Choralschola der Wiener Hofburgkapelle im Stift Lilienfeld.

Im vierten Konzert des Festivals „Musica Sacra“ ließ die Choralschola der Wiener Hofburgkapelle im Stift Lilienfeld mit dem Titel „Menschen, Engel und der siebte Himmel“ aufhorchen. Wie aus dem Nichts kommend und von sehr weit her vernahmen wir am Anfang die leisen Klänge des Dies Irae, erst einstimmig, dann mehrstimmig, mehrere verschiedene langanhaltende Töne, darüber die einstimmige Melodie in lateinischer Sprache. Langsam wurden die Klänge lauter, intensiver und direkter, bis die einzelnen Sänger zu sehen waren. Umso größer war das Erstaunen, dass es sich bei diesem imposanten Chorklang nur um sechs Männer handelte, die in ihrem schwarzen Talar dahin schritten. Der Leiter Daniel Mair führte seine fünf Sänger sehr behutsam, wodurch ihre Stimmen durch variable Besetzungen sehr gut zur Geltung kamen, diese aber trotz ihrer Vielfalt eine Einheit bildeten.


In den Texten und der Musik begegnen sich Himmel und Erde, wobei die Gestalt des Engels zwischen den beiden Sphären vermittelte, zwischen Gott und dem Menschen, wie in der Verkündigungsszene aus dem Lukasevangelium. Das Programm spannte einen Bogen von einstimmigen Propriumsgesängen im Gregorianischen Choral über Beispiele früher Mehrstimmigkeit – das vierstimmige „Viderunt Omnes“ vom Pariser Meister Perotinus war das „modernste“ Werk des Konzertes – bis hin zu einer eigenen Improvisation: Das vom Kantor vorgesungene Alleluja wurde von den anderen kanonartig nachgesungen, langsamen Schrittes verließen sie singend den Altarraum und verteilten sich seitlich, vorne und hinten in der ganzen Kirche, immer in Bewegung bleibend – der Klang begann zu schweben, teilweise waren die einzelnen Stimmen zu hören, bis sie zu einem Klang verschmolzen. Das Alleluja schwoll an, wurde höher angesetzt und jeder sang sein Alleluja in seinem eigenen Tempo. Ein riesiger Klangteppich ertönte in den verschiedensten Tonhöhen, so dass sich der Himmel „öffnete“!  Beim Altar fanden sich die Sänger in der Einstimmigkeit wieder ein. Die Antiphon „In Paradisum“ beendete dieses einzigartige Hörerlebnis, während die Sänger den Kirchenraum singend wieder verließen, doch der „siebte Himmel“ umschwebte uns.

Mag. Sylvia Kummer ist diplom. Gesangspädagogin, Sängerin und Unterrichtende am Konservatorium für Kirchenmusik der Diözese St. Pölten.