Mit der KA im Gespräch - MMag. Dr. Gudrun Kugler, ÖVP

Foto: ÖVP-Klub

Mit der Reihe „Mit der KA im Gespräch“ sollen unsere Leserinnen und Leser vor den Nationalratswahlen über die Positionen der Parteien zu Themen wie Glaube, Religion, Familie oder Kreuz im öffentlichen Raum informiert werden. In dieser Folge interviewt Mag. Armin Haiderer, Präsident der Katholischen Aktion der Diözese St. Pölten, MMag. Dr. Gudrun Kugler, Nationalratsabgeordnete der ÖVP.

Früher waren katholische Wähler fast automatisch auch ÖVP-Wähler. Das hat sich ein Stück weit verändert. Warum?

MMag. Dr. Gudrun Kugler: Das hat mit gesellschaftlichen Umbrüchen und der stark fortschreitenden Säkularisierung zu tun. Der Kirchenbesuch ist zurückgegangen. Die Gesellschaft ist insgesamt pluraler geworden. Das hat natürlich Einfluss darauf, welche Partei man wählt. In diesem Prozess hat sich selbstverständlich auch die ÖVP verändert.

 

Der Arbeitsfreie Sonntag war noch bis vor einigen Jahren in der ÖVP in Stein gemeißelt. Mittlerweile hört man von einigen ÖVP-Granden, allen voran Gernot Blümel, dass daran massiv gerüttelt werden soll. Muss man mit einer ÖVP-Regierung um den Sonntag fürchten?

Kugler: Nein. Die ÖVP vertritt als Volkspartei verschiedene Gruppierungen, deren Interessen sich manchmal auch widersprechen. Aber all diese verschiedenen Interessensgruppen eint die katholische Soziallehre, heute oft als das „Christlich-Soziale“ bezeichnet. So bin ich - wie die überwiegende Mehrheit innerhalb der ÖVP - der Meinung, dass der freie Sonntag unbedingt geschützt werden muss. Die Gesellschaft braucht einen gemeinsamen freien Tag! Aus unserer christlichen Geschichte und dem christlichen Bauplan unserer Gesellschaft heraus ist es sinnvoll, den freien Sonntag beizubehalten. Dafür setze ich mich ein!

 

Finden sich nicht etliche Feinde des freien Sonntags sogar mehr innerhalb der ÖVP als in anderen Parteien?

Kugler: In der Diskussion muss man die Anliegen des Handels und der Wirtschaft verstehen. Diese sind großem Druck vor allem aus dem Online-Bereich ausgesetzt. Der Handel ist in Not und manche denken, dass ihn vielleicht die Sonntagsöffnung retten könnte, weil da die Leute Zeit hätten zum Einkaufen. Die Not verstehe ich - aber die Lösung ist es sicherlich nicht die Aufgabe des freien Sonntags.

 

Welche Stellung nimmt der konfessionelle Religionsunterricht in der ÖVP ein?

Kugler:  Der Religionsunterricht ist uns sehr wichtig. Dabei geht es auch um das Verständnis dessen, was uns in unserer Identität und Geschichte ausmacht. Österreich hat sich für ein Miteinander von Staat und Religion entschieden und nicht für ein Nebeneinander oder gar Gegeneinander. Darum beinhaltet der öffentliche Bildungsauftrag, Wissen und Verständnis über die eigene Religion zu entwickeln. Der von uns geforderte Ethikunterricht soll die großen Fragen des Lebens auch jenen vermitteln, die vom Religionsunterricht abgemeldet sind. Seine Einführung wird den Religionsunterricht unterstützen, weil dieser dann nicht mehr mit einer Freistunde konkurriert.

 

Nach Jahrzehnten der Stagnation ist beim Religions- und Ethikunterricht endlich etwas weitergegangen. Doch gesetzlich geregelt ist er noch nicht. Im Parlament gab es zwar zahlreiche Beschlüsse, aber hier wurde nichts gemacht. Warum eigentlich nicht?

Kugler:  Die Weichen für den Ethikunterricht sind bereits gestellt: Der Ministerrat hat im März 2019 beschlossen, dass es diesen wichtigen Unterricht geben soll. An den inhaltlichen Umsetzungsschritten für diese zukunftsweise Maßnahme wird gearbeitet. Aufgrund des Rot-Blauen-Misstrauensantrags konnten viele geplante Reformen nicht mehr durchgeführt werden. Wenn die ÖVP gewählt wird und wieder mitgestalten kann, kommt der Ethikunterricht rasch!

 

Das Thema Abtreibung ist auch für die ÖVP sehr heiß und wird wenigen Vertretern überlassen. Die ÖVP unterstützte aber teilweise die Bürgerinitiativen „Fakten helfen“ um mehr statistische Daten zu Abtreibungen endlich zu bekommen. Was hat man von solchen Daten?

Kugler:  Wir zählen in Österreich beginnend mit Apfelbäumen alles. Sehr wichtig wäre eine anonymisierte Motivforschung, um zu wissen warum sich Frauen, bzw. auch Paare, für einen Abbruch entscheiden. Wenn man alle 2 Jahre einen entsprechenden Bericht dem Parlament vorlegen könnte, dann könnte das Parlament Maßnahmen überlegen, um die Menschen konkret zu unterstützen.

 

Einig sind wir uns auch bei der eugenischen Indikation. Auch die Katholische Aktion spricht sich massiv gegen Spätabbruche bei Behinderung und für ein Mehr an Beratungen und Unterstützung aus. Welche Schritte braucht es noch, bis hier etwas geschieht?

Kugler:  Wir haben in Österreich ein Gesetz, das seit 40 Jahren niemals evaluiert worden ist und doch viele Menschen in dramatischen Situationen betrifft. Antidiskriminierung wird heute groß geschrieben – es ist nicht mehr zeitgemäß zwischen ungeborenen Menschen mit oder ohne Beeinträchtigungen zu unterscheiden.

Wer einem ungeborenen Menschen das Leben aufgrund einer Behinderung abspricht, tut es indirekt auch beim Geborenen. „Hätte man dies nicht anders lösen können?“, werden die betroffenen Mütter dann gefragt.

Einem bekannten Paar sagte man im Krankenhaus, dass sie ihr Kind verurteilen würden zu einem Leben voller Leiden, wenn sie es nicht abtreiben. Sie wollten das Kind unbedingt, und sie hätten alles für das Kind getan – aber an seinem Leiden schuld sein – das wollten sie nicht.  Sie entschieden sich für eine Spätabtreibung. Menschlicher wäre es gewesen, wenn die Ärzte gesagt hätten: Es wird nicht leicht, aber wir werden für das Kind und für euch alles tun, was wir können.

Meistens denkt man bei der eugenischen Indikation an extreme Beispiele von Lebensunfähigkeit. Aber tatsächlich besteht die Möglichkeit zur Spätabtreibung bis zur Geburt auch bei Diagnosen, mit denen man recht gut leben könnte: dass etwa ein Unterarm fehlt, dass das Kind blind ist oder bei Down-Syndrom. Es gibt heute in Österreich fast keine Menschen mehr mit Down-Syndrom, erfahrungsgemäß trifft man sie am ehesten noch in gläubigen Familien an. Da muss man sich schon die Frage stellen, wie genau wir es damit nehmen, dass niemand aufgrund einer Behinderung schlechter gestellt werden, also nicht diskriminiert werden soll.

 

Es braucht also ein klareres Bekenntnis zum Leben in unserer Gesellschaft?

Kugler:  Unbedingt. Wir brauchen mehr Offenheit gegenüber Kinder und den Sinn uns über Kinder zu freuen, überhaupt braucht es mehr Liebe zum Leben! Wenn wir über Kinder nur mit dem Zusatz „-betreuung“ sprechen, stellen wir sie als Problem dar. Statt im Hamsterrad zu laufen, müssen wir lernen, was im Leben wirklich wichtig ist. Die junge Generation hat dafür ein gutes Gespür: Sie schreibt Work-Life-Balance, Familie und Freundschaft groß.

 

Sind mehr Aufklärung und ein besserer Zugang zu Verhütungsmittel eine Lösung?

Kugler:  Zugang zu Verhütungsmitteln ist heute keine Schwierigkeit. Wichtig ist ein gut gemachter Aufklärungsunterricht, der ideologiefrei die großen Fragen des Lebens und der Liebe aufgreift. Fast alle Jugendlichen wünschen sich für sich selbst eine Familie mit Kindern. „Bis dass der Tod euch scheidet!“ Im herkömmlichen Sexualkundeunterricht kommt das Thema Familie oft gar nicht vor, geschweige denn, was man selbst dazu beitragen kann, dass Familie gelingt. Wie geht man verantwortungsvoll mit der eigenen Sexualität um, wie deutet man die eigenen Gefühle und Sehnsüchte, wie schützt man sich vor Missbrauch? Wie funktioniert Fruchtbarkeit, u.s.w. Das geht weit hinaus über die Frage der Verhütung. Sexualkunde soll nicht mit politischen Agenden vermischt werden.

 

Bestimmte Kräfte im Parlament und in der Gesellschaft stellen das Sterbehilfe-Verbot infrage. Wie ist die Position der ÖVP dazu?

Kugler:  Die ÖVP tritt ganz klar für ein Altern in Würde ein und gegen die sogenannte Sterbehilfe. Unser Leitsatz ist die Formulierung von Kardinal König: Der Mensch soll an der Hand und nicht durch die Hand eines Menschen zu sterben. Der Schlüssel liegt darin, dass man die Menschen nicht alleine lässt, sondern die bestmögliche Begleitung und Versorgung sicherstellt. Hier braucht es ein umfassendes politisches Maßnahmenpaket. Pflege und das Altern in Würde wird gerade in der kommenden Legislaturperiode für uns ein sehr großes Thema sein.

 

Warum ist das Thema so schwierig?

Kugler:  Wenn es die Möglichkeit der Sterbehilfe gibt, steigt der Druck auf Betroffene. Man will ja die Menschen, die man liebt, nicht belasten. In Ländern, in denen die Sterbehilfe erlaubt ist (z. B. Belgien, Holland oder Kanada), ist der Dammbruch deutlich sichtbar: Es ist in einigen Ländern bereits möglich, depressive Menschen oder auch Kinder und Jugendliche zu „euthanasieren“, und ein hoher Prozentsatz der Menschen wird gar nicht gefragt. Berichten zufolge wurde sogar ein Häftling zur Euthanasie zugelassen, weil er eine längere Gefängnisstrafe absitzen musste. Und, kaum zu glauben, aber wahr: Euthanasie ist in Belgien auch möglich bei emotionalen Herausforderungen wie der Tod eines nahestehenden Menschen oder auch bei Minderwertigkeitsgefühlen.

Wo Euthanasie möglich ist, sparen Krankenkasse, Staat und Versicherungen viel Geld. Forschung im Palliativbereich wird weniger wichtig und dadurch mit weniger finanziellen Mittel ausgestattet. Das sind Zustände die wir in Österreich nicht haben wollen. Die Realität zeigt: Am Lebensende geht es nicht um Autonomie sondern darum, liebevoll begleitet zu werden.    

 

Die „Trennung von Kirche und Staat“ ist einer der häufigsten Slogans wenn es um Politik und Religion geht. Wie alle anderen Parteien bekennt sich auch die ÖVP dazu. Aber was heißt das?

Kugler:  Keine Berührung zwischen Staat und Kirche ist komplett unnatürlich, das stimmt mit der Lebensrealität der Menschen nicht überein. Trennung von Kirche und Staat bedeutet eine  institutionelle Trennung, also dass etwa der Kardinal von Wien nicht den Bundeskanzler bestätigt, Gesetze freigibt oder der Bundespräsident die Bischöfe einsetzt. In Österreich haben wir uns für ein Modell des Miteinanders mit den Religionsgemeinschaften, allen voran mit der Katholischen Kirche, entschieden. Das ist ein sehr gutes Modell. Dazu zählt auch das Konkordat!

De facto leisten die Kirchen ja einen extrem wertvollen Beitrag für Politik und Gesellschaft.

Würde man die Katholische Kirche aus dem Freiwilligensektor, aus dem Sozial- und Bildungsbereich wegdenken, würde vieles sofort zusammenbrechen. Dies muss von der Politik wahrgenommen und auch geschätzt werden. Die Positionen der Religionen und allen voran der Katholischen Kirche sind für die Politik eine sehr wichtige. Darum ist es essentiell, dass es eine gute Gesprächsbasis zwischen Kirche und Parteien gibt und dass sich gläubige Menschen in die Politik einbringen.

 

Soll die Kirche auf die Politik einwirken?

Kugler:  Auf jeden Fall. Kardinal König hat das Wort der Äquidistanz geprägt. Wir missverstehen es als gleiche Entfernung der Kirche zu jeder Partei. Aber in Wirklichkeit meinte Kardinal König, dass  die Parteien ihre Nähe zur Kirche selbst bestimmen. Das christliche Menschenbild ist für die Politik sehr wichtig sein, weil es die Eigenverantwortung, die Freiheit und die Menschenrechte groß schreibt und vor allem den Menschen in den Mittelpunkt stellt. 

 

Aber genau das wird oder ÖVP immer wieder zuletzt abgesprochen, nämlich die Abkehr von der Menschlichkeit.

Kugler:  Die, die der ÖVP vorwerfen „nicht christlich-sozial“ zu sein, sind oft jene, die selbst nicht mit Engagement für das christliche Menschenbild aufgefallen sind. Was die katholische Soziallehre zu einer aktuellen Fragen sagt, erlaubt manchmal einen Interpretationsspielraum. Nächstenliebe darf man nicht verwechseln mit „möglichst viel Geld verteilen“. Denn das schmälert Eigeninitiative auf der einen Seite und führt auf der anderen Seite dazu, dass sich Arbeit durch sehr hohe Abgaben nicht mehr lohnt. Arbeit und Selbsterhaltung sind im christlichen Menschenbild aber sehr hohe Werte, die mit Würde und Selbstbestimmung einhergehen. Die ÖVP ist dem christlich-sozialen Menschenbild zutiefst verpflichtet.

 

Die ÖVP spricht sich immer wieder für das Kreuz in öffentlichen Räumen und in den Schulklassen aus. Warum ist das der ÖVP so wichtig?

Kugler:  Das Kreuz ist gewissermaßen das Logo Europas und steht auch für Österreichs Identität. Wenn man ein Kreuz nun entfernt, so ist die weiße Wand dahinter auch ein politisches Statement. Nämlich: „Es gibt keine Antwort für euch, kein Woher, kein Wohin, keine Hoffnung, nichts das über das Jetzt hinausgeht.“

 

Manche Theologen tun dies dann eher abschätzig als „Kulturchristentum“ ab. Was antworten Sie diesen?

Kugler:  Selbst wenn das Kreuz in einer Schule oder einem Krankenhaus nur aus kulturellen Gründen hängen bleibt, regt es uns dennoch zum Fragen und Nachdenken an, es bietet Antworten an, mit denen man sich auseinandersetzen kann.

 

Die ÖVP tut sich beim Familienbild etwas schwer. Einerseits will man sich als moderne und aufgeschlossene Partei zeigen, andererseits gilt es auch das traditionelle Familienbild zu vertreten.

Kugler:  Wir haben ein Familien-Leitbild, nämlich jenes von Mann und Frau mit Kindern. Durch ein Leitbild schließen wir aber gleichzeitig niemanden aus, der anders lebt. Fast 80 % aller Kinder unter 18 Jahren leben bei ihren beiden leiblichen Eltern. Das ist ein erstaunlich hoher Prozentsatz. In vielen Statistiken zum Thema Lebenszufriedenheit kann man lesen, dass Familie ein gutes Lebensmodell ist, das wir ermöglichen wollen. Mit dem Familienbonus, der größten steuerlichen Entlastungen für Familien in der Zweiten Republik, nämlich 1500 Euro pro Jahr und Kind an echter Steuerentlastung fördern wir dies auch ganz gezielt.

 

Eine der unbekanntesten Tragödien der Gegenwart ist die Christenverfolgung. Je nach Schätzung werden zwischen 100 und 200 Millionen Christen weltweit diskriminiert, unterdrückt oder verfolgt. Sie weisen als ÖVP-Menschenrechtssprecherin immer wieder darauf hin. Ist das nicht deprimierend, immer gegen Windmühlen zu kämpfen?

Kugler:  Warum tut Europa nicht mehr gegen Verfolgung aufgrund von Religion, von der Christen am stärksten betroffen sind? Der frühere englische Außenminister Jeremy Hunt meinte, wir hätten vielleicht ein schlechtes Gewissen aufgrund der Kolonisation und dass es momentan einfach politisch nicht korrekt wäre, sich für Christen einzusetzen.

Man muss die Reaktionen von Politikern auf die Anschläge auf Moscheen in Christchurch und auf katholische Kirchen in Sri Lanka vergleichen: Sehr viele Politiker – so wie auch ich – haben auf Facebook die Anschläge Christchurch verurteilt. Auf Sri Lanka hat nahezu niemand reagiert. Selbst bei der Bezeichnung der Opfer hat man nicht Christen oder gar Katholiken gesagt, sondern „Easter worshippers“. (Ostern-Anbeter). Ich habe Betroffene kennengelernt, die dort selbst Freunde verloren haben. Der fehlende Aufschrei des Westens hat sie ziemlich verstört.

 

Gibt es hierzu irgendwelche Initiativen oder Maßnahmen von Seiten Ihrer Politik?

Kugler:  Ich freue mich sehr, dass Sebastian Kurz die Dringlichkeit erkannt und einige Kirchenobere aus betroffenen Regionen zum Gespräch eingeladen hat. Sie haben ihm berichtet und als Soforthilfe 1.000.000 Euro zugesagt bekommen. Eine direkte Hilfe für die Kirchen vor Ort ist leider ungewöhnlich aber sehr wichtig, weil diese am besten über die Notwendigkeiten Bescheid wissen. Die Patriachen sagten uns, dass Sebastian Kurz der erste westliche Regierungschef war, der sie empfangen hat.

Durch die direkte Hilfe schützt man die Ursprungsbevölkerung, die nun eine Minderheit ist, vor dem Aussterben. Man baut Zerstörtes wieder auf. Ich glaube, dass es besonders wichtig ist, christliche Schulen zu unterstützen, in die alle - auch Nichtchristen - gehen können. Wenn die Kinder aus verschiedenen Religionen gemeinsam in die Schule gehen, ist es ein langfristiges Friedensprojekt.

Ich würde mir außerdem wünschen, dass vor allem die Europäische Union das Thema vielmehr in ihrer Außenpolitik aufnehmen würde. So sollte bei Handelsverträgen, bei denen immer wieder politische Bedienungen geäußert werden, Religionsfreiheit als Bedingung vorkommen.

 

Und kann man als Einzelner eigentlich auch etwas machen?

Kugler:  Ich würde sehr schön finden, wenn es viele Patenschaften zwischen österreichischen Pfarren und christlichen Schulen in den betroffenen Ländern gäbe. Christen sollen das Thema auch immer wieder zur Sprache bringen. Wir müssen wissen, was dort geschieht! Es gibt auch einiges, was westliche Christen von verfolgten Geschwistern lernen können: ihr starker, treuer Glaube, ihr Mut dafür einzustehen und die Kraft zur Vergebung.

 

Die Katholische Aktion tritt für eine Ökosoziale Steuerreform mit Ökobonus für alle Haushalte ein. Unterstützen sie diesen Vorschlag, oder was sind ihre Pläne zur Erreichung der Klimaziele?

Kugler: Der Begriff der ökosozialen Marktwirtschaft wurde von einem früheren ÖVP-Chef, nämlich Josef Riegler, erfunden. Der Markt bewegt sich frei – in gewissen Grenzen, die einen Schutzzaun darstellen, für jene Menschen, die nicht mithalten können, sowie für die Umwelt.

Klima und Umweltschutz sind eine Frage des Respekts mit geliehenen Dingen - vor der nächsten Generation und vor der gesamten Schöpfung. Wir haben ein breites Konzept für die CO2-Reduktion und die Förderung von erneuerbaren Energien. Wir wollen in die Forschung rund um den Wasserstoff investieren. Höhere Steuern wollen wir nicht einführen, denn höhere Steuern auf CO2 belasten selbst bei einem Ökobonus vermehrt sozial Schwache, die sich z.B. eine moderne Heizung nicht leisten können, oder Pendler, die ohne Auto nicht in die Arbeit fahren können.

Klimaschutz braucht eine Verhaltensänderung hin zu mehr Bescheidenheit. Das versuche ich auch meinen Kindern beizubringen: Wir werfen kein Essen weg, geben Kleidung an Geschwister weiter, kaufen nicht andauernd neues Spielzeug oder gar neue Handys. Damit sind wir – leider – schon counter-culture!

 

Ist da die ÖVP nicht etwas schizophren? Gibt es nicht einige Einrichtungen, die bei Umweltmaßnahmen auf der Bremse stehen?

Kugler:  Es ist gut, dass sich innerhalb der ÖVP die Interessensgruppen, die das Leben abbilden, finden  und Diskussionen um Kompromisse schon im Vorfeld stattfinden. Daher der Name Volkspartei! Eine Partei nur für Bauern oder nur für Arbeitnehmer oder Unternehmer hätte es zwar leichter, aber es wäre nicht besser. Wir suchen notwendige Kompromisse bereits in der internen Diskussion. Natürlich hätten wir weniger CO2-Ausstoß, wenn es keine Kühe und keine Autos gäbe. Aber wäre das das Leben, das wir leben wollen? Wir stehen für Nachhaltigkeit - während zeitgleich Wirtschaft und Mobilität funktionieren. Dafür suchen wir nach Wegen.

 

Wir haben es zuvor kurz angesprochen: Gerade unter Theologen hört man immer wieder den Vorwurf an die ÖVP, diese hätte ihre Wurzeln verloren und verdiene das Prädikat „christlich-sozial“ nicht mehr. Vor allem die Migrations- und die Armutspolitik werden in diesem Zusammenhang genannt. Sind Sie noch christlich-sozial?

Kugler:  Absolut. Christlich-sozial ist unsere Identität. Wir versuchen, alle Vorschläge daran zu messen. Oft diskutieren wir darüber, was christlich-sozial in einer aktuellen Frage bedeutet. Da melde ich mich engagiert zu Wort. Manchmal braucht es dazu eine gehörige Portion Zivilcourage.

Es gibt Theologen, die manches kritisieren, aber auch sie haben die Wahrheit nicht gepachtet. Denn es ist wichtig, das Machbare und die Realpolitik nicht aus den Augen zu verlieren. Christlich-sozial heißt nicht, möglichst viel Geld zu verteilen. Erstens helfe ich den Menschen ja damit nicht, sich selbst zu helfen und zweitens nehme ich es immer jemanden weg, was auch gerechtfertigt sein muss. Uns ist es wichtig, den arbeitenden Menschen zu entlasten, damit sich Arbeit lohnt. Dass in der Arbeit Würde liegt, ist auch ein christlich-soziales Prinzip. Wir schicken niemanden ins Elend aber wir wollen, dass die Menschen motiviert sind, sich selbst zu helfen und Verantwortung zu übernehmen. In der Flüchtlingsfragen halten wir die Genfer Flüchtlingskonvention hoch. Auch qualifizierte Zuwanderung ist möglich. Unkontrollierte Migration wollen wir aber nicht zulassen. 

 

Für viel Aufregung sorgte die Großveranstaltung Awakening Europe mit der Segnung für Sebastian Kurz. Sie waren auch dabei involviert. War der Auftritt von Sebastian Kurz im Nachhinein ein Fehler?

Kugler:  Ich finde es gut, wenn Politiker an christlichen Großevents teilnehmen. Denn dort sind Menschen mit wichtigen Anliegen. In fast jeder katholischen Messe betet man in den Fürbitten für Politiker. Was mich verwundert ist, dass sich jene Leute, die sich so darüber aufregen, gerade jene sind, die mit dem Christentum am wenigsten zu tun haben. Dass bei einem überkonfessionellen Event anders gebetet wird als traditionell bekannt, damit müssen wir umgehen lernen. Gerade hier wäre Toleranz, die sonst überall eingefordert wird, auch angebracht. Die Freikirchen sind in Österreich als Religionsgemeinschaft gesetzlich anerkannt. 

 

Vor allem in linken Medien lese ich oft den Vorwurf, die ÖVP mache Sebastian Kurz zu einer religiösen Messiasgestalt. Ist Kurz Ihrer Meinung nach der Auserwählte?

Kugler:  Nicht „auserwählt“ sondern „gewählt“ von uns! Er ist ein Ausnahmetalent und hat ein sehr gutes Gefühl für das Wesentliche und für Modernität, ohne dabei Erprobtes aufzugeben. Der Reformkurs der letzten beiden Jahren wurde von sehr vielen Menschen gut geheißen. Ich glaube, dass Österreich unter seiner Leitung in guten Händen ist.

 

Aber viel Kritik findet sich ja auch in der Inszenierung die sehr ins Verklärende geht.

Kugler:  Jede Partei veranstaltet Wahlkampfevents mit möglichst viel Stimmung. In unserer medialisierten Gesellschaft ist eine gewisse Öffentlichkeitswirksamkeit unbedingt notwendig, um überhaupt wahrgenommen zu werden. Hinter diesen - für manche vielleicht zu strahlenden - Auftritten von Sebastian Kurz steht seriöse Sachpolitik. Das habe ich in den letzten Jahren als Nationalrätin auch persönlich erlebt.

 

Gerade durch den Slogan „Religion ist Privatsache“ mutet die nächste Frage etwas seltsam an, aber warum soll man nicht über den persönlichen Glauben sprechen: Also, wie leben Sie ihren Glauben? Was bedeutet Ihnen Religion, Kirche?

Kugler:  Für mich ist Glaube nicht nur Tradition sondern Beziehung, nämlich ein Unterwegssein mit Gott. Ich erlebe Gott als persönlichen und sehr pädagogischen Wegbegleiter. Ich lerne dabei sehr viel! Glaube beantwortet mir letztlich auch die Frage nach dem Sinn: Wenn man weiß warum und wohin, geht vieles leichter. Ich habe im Parlament z.B. einen Bibellesekreis gegründet. Einmal jährlich leite ich ein großes Gebetsfrühstück mit Vertretern vieler verschiedener Konfessionen und Religionen.

 

Sie machen aus Ihrem Glauben als eine der wenigen PolitikerInnen keinen Hehl. Dafür werden Sie von einigen Medien aber auch ganz gezielt angefeindet. Schmerzt Sie das?

Kugler:  Ich glaube, dass diese Anfeindungen in erster Linie nicht damit zu tun haben, dass ich sage „ich bin Christin“, sondern weil ich zu Themen Stellung nehme, die von manchen als nicht politisch korrekt empfunden werden, wie den Schutz der ungeborenen Kinder oder der Ehe oder die Verfolgung von Christen. Es gehört zu meiner persönlichen Verantwortung, zu solchen Themen auch dann Stellung zu beziehen, wenn es unpopulär ist. Ich argumentiere nie religiös, sondern immer vernunftbezogen und wissenschaftlich. Ich verstehe es, wenn jemand anderer Meinung ist. Was ich nicht verstehe, ist, dass mich politische Gegner diffamieren und diskreditieren wollen, anstatt redlich Argumente auszutauschen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen. In gesellschaftspolitisch herausfordernden Fragen gibt es oft für die christlich-inspirierte Position sehr wenig Toleranz. Umso wichtiger ist es, dass sich Christen verstärkt in die öffentliche Debatte einbringen.

 

 

Wordrap

Sonntag ist… eine Erinnerung an das Warum des Lebens und für Familien überlebenswichtig.

Leben ist… lebens- und in allen Stadien schützenswert

Glaube ist… das Entdecken einer großen Wahrheit

Religion ist… Identität, Motivation, Hoffnung

Kirche ist… Zuhause

Jesus ist… Freund

Der Teufel ist… intelligent

Gebet ist… Beziehung und Verstehen

Gott ist… Ursprung und Ziel