Mauer: Gedenken an 2.380 Ermordete

Im Landesklinikum Mauer bei Amstetten wurde ein Mahnmal gesegnet, das an die 2.380 ermordeten NS-Opfer erinnert. Ein Großteil von ihnen wurde von Mauer in die Tötungsanstalten Hartheim und Gugging gebracht, andere töteten Pfleger und Ärzte vor Ort. Die NS-Euthanasie wurde wohl auch aufgrund kirchlicher Proteste gestoppt, dezentral ging das Morden weiter.

Meine Gattin hat eine Tochter mit speziellen Bedürfnissen. Sie hätte die damalige Zeit wohl nicht überlebt.“ Der Amstettner Hans Koranda wurde eingeladen, am 8. Mai bei der Mahnmalenthüllung für die Opfer der NS-Euthanasie im Landesklinikum Mauer zu sprechen. Er berichtete über seine Großmutter, die 1941 als Patientin von Mauer von den Nationalsozialisten ermordet wurde. Sie wurde vermutlich, wie viele andere auch, nach Hartheim gebracht und dort vergast.

Mindestens 2.380 Patienten der Psychiatrieklinik Mauer-Öhling sind im Nazi-Regime ermordet worden. Zu diesem Ergebnis kommt eine Auswertung tausender Patienten­akten, diese erschütternde Zahl war vielen in der Region bislang nicht bekannt. Ein Mahnmal erinnert nun an die Opfer. Es ist weiters geplant, die Namen aller Getöteten auf einer Tafel aufzulisten. Lange sei das Thema verdrängt worden, berichtete Philipp Mettauer vom Institut für Jüdische Geschichte Österreichs. Er und die Direktorin des Instituts, Martha Keil, beschäftigten sich intensiv mit den Verbrechen in Mauer. Mettauer berichtet über die Interviews mit Angehörigen der Opfer und Pfleger: „Man hat gewusst, dass Menschen ums Leben gekommen sind und dass da auch Ärzte gekommen sind, die die Leute ausgesucht haben.“ Eine Zeitzeugin erzählt von einer Pflegerin, die damals zu den Kindern dort sagte: „Lauft weg, versteckt euch im Wald! Jetzt kommt wieder das Auto, das holt euch alle ab.“

Auch Schüler der Amstettner Franziskanerschule arbeiteten an diesem Thema. Mittels eines Films präsentieren sie Lebensgeschichten und Interviews. Die 60 Schülerinnen und Schüler sammelten die Erinnerungen der Menschen in ihrer Heimat und möchten so die Mauer des Schweigens brechen. 

„Aktion T4“ ist eine nach 1945 gebräuchlich gewordene Bezeichnung für die systematische Ermordung von über 70.000 Menschen mit körperlichen, geistigen und seelischen Behinderungen im NS-Reich von 1940 bis 1945 unter Leitung der Zentraldienststelle T4. Diese Tötungen waren Teil der Krankenmorde in der NS-Zeit mit über 200.000 Opfern. Nach Ansicht von Experten war der öffentliche Protest des Bischofs von Münster, Clemens August Graf von Galen, der entscheidende Anstoß für Adolf Hitler, die Aktion 1941 vorläufig einzustellen, jedoch nicht der alleinige Grund. Danach ging das Morden dezentral weiter. 

Schon bald nach dem „Anschluss“ Österreichs wurden in Mauer 350 Patienten nach dem „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ zwangsweise sterilisiert. Von Juni 1940 bis August 1941 wurden aus Mauer rund 1.300 Patienten im Rahmen von T4 nach Hartheim gebracht, vergast und eingeäschert. Dann ging das Morden anstaltsintern weiter. Bis 1943 verdreifachte sich die Sterblichkeitsrate durch Hunger, Vernachlässigung und überdosierte Medikamente. Von Februar bis Oktober 1943 überstellte man aus Mauer 320 Personen nach Gugging, wo 300 ermordet wurden. Während der Endphaseverbrechen brachten Ärzte und Pfleger nochmals 190 Patienten in Mauer um. Die Verantwortlichen wurden nie zur Rechenschaft gezogen.

Krankenhausseelsorger Manfred Heiderer segnete das Mahnmal des St. Pöltner Künstlers Florian Nährer. Heiderer sagte, man könne hinsichtlich der Erinnerung „nie genug tun“. In der Vergangenheit habe man diese Morde mehrmals thematisiert, etwa 2003 durch ein Theaterstück mit Melker Seminaristen.

Der Künstler nennt sein Werk „Himmels­treppe“, die dem Alten Testament entlehnt ist (vgl. „Jakobsleiter“). Nährer wollte etwas Beständiges aus Stein schaffen, das Mahnmal sollte nicht schön sein, sondern hässlich. Künstlerisches Vorbild seien auch die Bremer Stadtmusikanten, diese Tiere wurden ebenfalls ausgemustert. Aber sie taten sich zusammen, um gegen das Böse anzukämpfen. 

Niemals Nummer. Immer Mensch.

Landtagspräsident Gerhard Karner enthüllte das Mahnmal: „Es ist kein einfaches Gedenken, aber ein notwendiges. Danke für ein lebendiges und mahnendes Gedenken, das auch in Zukunft immer wach und hell bleiben muss.“ Er bekräftigte die Devise „Niemals Nummer. Immer Mensch.“ 

Neben Hans Koranda war Josef Hofer der zweite Opfervertreter. Hofers Cousine wurde in Mauer ermordet. Er warnte vor einem „gottlosen System der Herrenrasse“, die alles vernichte. Vorbild sei Jesus, der gelehrt habe, dass man andere so behandeln soll, wie man selber behandelt werden will. W. Zarl