Kreuze zwischen Himmel und Erde

Ob schlicht oder aufwändig gestaltet – Gipfelkreuze haben eine besondere Bedeutung. Wohl schon deshalb, weil sie hier bei uns in den Alpen das Ziel der Bergtour markieren und damit quasi zum „Gipfelerlebnis“ dazugehören. Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass sich die Bedeutung der Kreuze immer wieder verändert hat.

Auch wenn vielerorts in Europa der Abstand der Menschen zum christlichen Glauben beklagt wird – wenn man auf die Berge der Alpen steigt, hat man „das Gefühl in einer Hochburg des Christentums zu sein“,  schreibt der Autor Hans-Joachim Löwer in seinem Buch „Gipfelkreuze“ (siehe Infobox auf Seite 13). Niemand hat die Kreuze der Alpen zwischen der Grenze von Slowenien bis zum Mittelmeer gezählt.

Der Autor schätzt, dass es zwischen 3000 und 4000 sind. Zu hoch gegriffen ist die Zahl keinesfalls. Denn allein in Österreich gibt es wohl Tausende Gipfelkreuze. Hunderte davon finden sich auch auf den Erhöhungen im Gebiet der Diözese St. Pölten –  vom Ötscher und dem Hochkar, über die Berge nördlich von Mariazell wie die Gemeindealpe, den Eibel, über die Erhöhungen im östlichen Gebiet der Diözese wie den Hegerberg bis hin zum Waldviertel mit dem Nebelstein, dem Tischberg oder dem Arbesberg. 

Die Gestaltung der Gipfelkreuze und die Geschichten hinter ihnen sind mitunter sehr verschieden, aber sie sind wohl in den meisten Fällen der Höhe- und Endpunkt einer Wanderung. Unter ihnen wird gerastet, gesungen, gedankt, Messe gefeiert und vor allem gebetet.

Doch wie kam es, dass Kreuze auf Gipfeln aufgestellt wurden? Die Geschichte der Gipfelkreuze lässt sich auf das Jahr 1492 zurückverfolgen. Da wurde auf dem Mont Aiguille in Frankreich im Rahmen der Erstbesteigung ein Gipfelkreuz errichtet. Selbstverständlich war das aber in dieser Zeit noch nicht. Die große Zeit des Alpinismus und damit der Gipfelzeichen lag da noch in der Zukunft. Noch waren Berggipfel zumeist entrückte, manchmal auch heilige Orte. Mose empfing die Zehn Gebote auf dem Berg Sinai; Jesus predigte in Galiläa „am Berg“ und wurde auf einem Berg verklärt. 

Berge vermittelten das Gefühl der Nähe zu Gott. Erste Kreuze auf Bergen – noch gar nicht sosehr auf den Gipfeln selbst – hatten offenbar viel mit dem Gebet zu tun: An diesen Zeichen baten Menschen im 17. Jahrhundert zum Beispiel um Verschonung von der Pest, vom Dreißigjährigen Krieg oder von Naturkatastrophen. Die alpinistische „Eroberung“ der Berge durch die Menschen setzte ab dem 18. Jahrhundert ein. „Gipfelsiege“ muss­ten dokumentiert werden. Menschen ließen Gegenstände am Gipfel zurück – anonyme Spuren, wie der Volkskundler Martin Scharfe schreibt, der den Alpinismus untersucht hat. Dann wurden Namen in den Fels geritzt oder beschriebene Zettel in Flaschen gesteckt. 

Religiöses Symbol und Zeichen für Leistungsfähigkeit

Zur „Eroberung“ des Gebirges gehörte auch die Vermessung. Dafür kamen da und dort Fahnen und „Steinmänner“ auf die Gipfel. Als im Auftrag des damaligen Fürstbischofs von Gurk, Franz Xaver Salm-Reifferscheidt, der Klein- (1799) und der Großglockner (1800) „bezwungen“ wurden, stellten die Expeditionen jeweils ein Kreuz auf dem Gipfel auf. Es war zwar ein religiöses Symbol und doch war es auch ein Zeichen für die Leis­tungsfähigkeit der Menschen – wie viele andere Kreuze, welche an Gipfelerschließungen im 19. und frühen 20. Jahrhundert erinnern. Mit seiner Alpensinfonie hat Richard Strauss 1914/15 dem Alpinismus auch ein musikalisches Denkmal gesetzt.

Der Technik- und Fortschrittsgläubigkeit folgte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts der große Rückfall: Zwei Weltkriege verheerten Europa, Waffen und Menschheitsverbrechen vernichteten unzählige Leben. In Zeiten der Entbehrung, Vertreibung und Kriegsgefangenschaft hofften viele Menschen auf eine andere Welt. Es waren Heimkehrer, Friedenssucher, Versöhner und gläubige Menschen, welche nach 1945 die allermeisten Gipfelkreuze setzten. 

 Wer den Weg auf den Berg findet, weiß: Der Berg verschafft Abstand zu den im Tal verbliebenen Sorgen des Alltags. Der Ausblick lässt einen kleinen Teil der gewaltigen Schöpfung erahnen, der Himmel ist nahe. Der Berg kann für Menschen heute noch eine spirituelle Erfahrung bieten. Die Beliebtheit von Bergmessen, die auch in unserer Diözese gerade in den Sommermonaten zahlreich gefeiert werden, mag auch darin begründet sein. Doch das, was Menschen mit den Gipfeln verbinden, ist vielfältig – wie auch die Gründe, warum heute noch Gipfelkreuze errichtet werden: als Gedenkkreuze an Verstorbene, aus Dank, weil es dem Tourismus dienen kann oder einfach weil ein Kreuz auf den Berg „gehört“ – Kreuze, die ins Tal „schauen“ und gleichzeitig in den Himmel zeigen. Heinz Niederleitner/Red.