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Jugend hat ein Recht auf neue Wege

„Kirche bunt“ traf den österreichischen „Jugendbischof“, den Wiener Weihbischof Stephan Turnovszky, zum Gespräch über Herausforderungen und Möglichkeiten gegenwärtiger Jugendpastoral, Schöpfungsverantwortung und die Faszination des Christentums.

Herr Bischof, die Jugendsynode im Oktober 2018 beschäftigte die Kirche stark. Haben deren Überlegungen konkrete Auswirkungen für Jugendliche?
Stephan Turnovszky: Die Jugendsynode brachte zwei Ergebnisse: erstens ein Papier und zweitens eine Erfahrung. Das Abschlussdokument der Synode und das nachsynodale päpstliche Schreiben „Christus vivit“ haben enorme Reichweite, aber relativ geringe Wirkung auf den einzelnen. Mit der Erfahrung, welche die etwa 400 Teilnehmenden gemacht haben, verhält es sich umgekehrt: Es waren, bezogen auf die Welt, nur wenige Menschen, aber sie kamen verändert nach Hause. Nichts gegen Papiere, aber ich halte Erfahrungen für noch bedeutender. Bei der Nacharbeit der Synode in der Vollversammlung der Bischofskonferenz setzten wir deshalb auf das Stichwort „Erfahrung“: Wir Bischöfe luden junge Menschen aus ganz Österreich nach Mariazell, um ihnen zuzuhören, miteinander und füreinander zu beten, gemeinsam zu essen und so die Erfahrung eines gemeinsamen Weges zu machen. Ich würde mich freuen, wenn das in jeder Diözese fortgesetzt wird.

Bei der Aktion „Jesus in the City“ wurde Wiener Neustadt im Juni 2018 vier Tage lang mit offensiv gelebtem Glauben „überschwemmt“. Erkennen Sie jetzt, ein Jahr danach, positive Langzeitfolgen?
Turnovszky: Ja, gewiss. Es gibt Menschen, die Zugang zu einer kirchlichen Gemeinschaft gefunden haben, und manche Gruppen haben Berührungsängste untereinander abgebaut. Auch neue Freundschaften und Gebetsverbundenheiten haben sich gebildet. Ein nächstes „Jesus in the City“ wird im Juli 2020 in Klagenfurt stattfinden. Wir laden herzlich dazu ein, dort die Vielfalt gelebten Glaubens zu erfahren und das gemeinsame Hinausgehen zu den Menschen der Stadt mitzugestalten.

Ein schönes Beispiel für ein Hoffnungszeichen. Sehen Sie derzeit Aufbrüche einer jungen Kirche?
Turnovszky: Ja, aber nicht die große Masse. Vielmehr bin ich immer wieder frappiert über einzelne Menschen, deren Glauben und Engagement mich berühren. Beispielsweise denke ich an ein junges Ehepaar, das zehn Punkte für  seine Ehe formuliert hat. Einer davon ist: „Wir wollen den Glauben weitergeben“, und damit sind nicht nur zukünftige Kinder, sondern auch ihre Freunde und andere Menschen gemeint.

Viele schmerzt es, wenn Jugendliche am Sonntag den Gottesdienst nicht mitfeiern. Haben Sie Vorschläge, wie man darauf reagieren kann?
Turnovszky: Ich verstehe und teile den Schmerz jener, die sich oft viele Jahre in der Pfarre engagiert haben und merken: Die Jugend führt nicht weiter, was uns so wichtig ist. Hier reißt etwas ab, und es ist berechtigt, darüber zu trauern. Dennoch: Die Jugend hat das Recht, neue Formen und Wege zu finden. Es geht in der Jugendpastoral nicht darum, junge Menschen für die Fortführung des Gewohnten zu rekrutieren. Die Jugend darf ihre eigenen Wege zum Glauben finden, das tut sie z. B. in Jüngerschaftsschulen wie „Follow Me!“

Und konkret in den Pfarren?
Turnovszky: Da empfehle ich: Priorität der Ministrantenpastoral! Dabei ist die gute Betreuung das Wichtigste. Dazu gehört, dass der Pfarrer die Namen aller Minis kennt und dass die Minis eine verständnisvolle und verlässliche Bezugsperson haben (muss nicht der Pfarrer sein). Die Minis sollen in der Liturgie mitsingen können, ältere Ministranten sollen mehr Verantwortung übernehmen dürfen. Weiters empfehle ich, dass Pfarrer an Sommerlagern (zumindest teilweise) teilnehmen, weil man da unkompliziert gemeinsame Erfahrungen macht. Und: Pfarren müssen auch Innovation zulassen, jungen Menschen Platz geben, Interesse an ihren Ideen zeigen, ihnen Verantwortung übertragen und sie dennoch begleiten, was arbeits– und nervenintensiv ist.

Sie äußerten sich bereits positiv in Bezug auf die „Fridays for Future“-Bewegung. Was ist Ihre Meinung zu Greta Thunberg?
Turnovszky: Ich halte die Themen Schöpfungsverantwortung und Klimawandel für zentral. Es ist gut, dass sie ins öffentliche Bewusstsein gerufen werden. Das geht nicht ohne Personen, an denen sich das festmacht, und das ist in diesem Fall Greta Thunberg. Mir tut sie manchmal direkt leid, weil sie so jung ist und bereits vereinnahmt wird. Froh, stolz und dankbar bin ich uüber Papst Franziskus und seine Enzyklika „Laudato Si“. Die Österreichische Bischofskonferenz hat sich bereits auf ökologische Standards verpflichtet, was Umsetzungen bis auf die Ebene der Pfarren nach sich zieht. Gott sei Dank! Das Thema ist eminent wichtig, denn es geht um den Lebensraum für alle Geschöpfe, besonders aber für zukünftige Generationen.

Was sagen Sie Jugendlichen, was das Faszinierende und Schöne am Christentum ist?
Turnovszky: Unsere Religion weist den Weg zu einem Leben in Fülle an Gemeinschaft und Beziehungen: Sie führt zu Freundschaft mit Jesus, zu Gemeinschaft mit Gott und damit mit allen Menschen – das ist wunderbar. Ich fühle mich nie alleingelassen. An Gott kann ich mich immer wenden, und ich tue das auch. Ich freue mich, wenn ich andere Menschen um mich habe, die diesen Beziehungsreichtum auch kennen, das nennen wir „Kirche“.

Haben Sie noch eine abschließende Botschaft?
Turnovszky:  Ja: Liebe junge Menschen, achtet auf die tiefe Sehnsucht in eurem Herzen! Ich spreche nicht von oberflächlichen Wünschen, sondern von der Sehnsucht nach einem erfüllten Leben, nach Sinn, Entfaltung, Bedeutsamkeit, Gemeinschaft. Seid aufmerksam, wonach ihr ganz besondere Sehnsucht habt und sprecht mit Gott darüber im Gebet! Gott möchte diese Sehnsucht erfüllen und euch einen Weg dazu zeigen. Das nennen wir „Berufung“. Interview: Sarah Triml/Wolfgang Zarl