Kirche bunt ABO

Banner Kirche Bunt

 
 

Gotische Kirchen: dem Himmel entgegen

Der gotische Baustil schuf beeindruckende und weltberühmte Kathedralen. Auch hierzulande wurde der Baustil mit seinen Merkmalen Lichtdurchflutung, Spitzbögen und hohen Wänden prägend. Diesen Stil und weitere stellt „Kirche bunt“ in loser Folge vor.

Den höchsten Anlauf nahm die Menschennatur, als sie einen gotischen Dom in Vollendung dachte. Aber er ist ein Ideal geblieben und mit Recht, denn das Vollendete muss unvollendet bleiben. Die fertigen gotischen Dome sind nicht vollendet, und die vollendeten sind nicht fertig“, meinte einst der Schriftsteller Theodor Fontane. Wer den Wiener Stephansdom, den Mailänder Dom oder die bei einem Brand schwer beschädigte Notre-Dame-Kirche besucht hat, könnte mit Fontane trefflich streiten, ob diese nicht doch formvollendet sind.

Wolfgang Zehetner, Dombaumeister des Stephansdoms und gebürtiger Viehdorfer, sagt im Gespräch mit „Kirche bunt“ zur Gotik, ihn fasziniere die Idee der Lebendigkeit und Leichtigkeit des Baustils: „Statt dicker Mauern gab es nun schlanke Konstruktionen. Man ließ das Licht in die Kirche.“

Der gotische Stil fand von Frankreich ausgehend ab 1150 Verbreitung in Europa. Viele Einzelelemente des gotischen Systems sind bereits in der Romanik zu finden. Die gotische Architektur wird bestimmt von filigranen, hochstrebenden Bauwerken mit Spitzbogen, Maßwerk und Strebewerk.

„Gerade der Bereich der Dözese St. Pölten nimmt eine Sonderstellung ein, da hier idealtypische, den Verlauf der gotischen Kunst bestimmende Baudenkmäler geschaffen wurden“, erklärt der St. Pöltner Diözesankonservator Wolfgang Huber. Der entscheidende Durchbruch sei mit der 1230 geweihten Kirche des vom Babenberger-Herzog Leopold VI. 1202 gegründeten Stiftes Lilienfeld erfolgt. Neben den von den Landesfürsten geförderten großen Stiften war es laut Huber die Architektur der Bettelorden, deren hohe Hallenkirchen und tiefe Langchöre, eine neue, in die Zukunft weisende Konzeption vermittelten. Beispielhaft nennt der Diözesankonservator die Steiner Minoritenkirche sowie die Kirchen der Kremser Dominikaner und Imbacher Dominikanerinnen. Diese Bauweise wirkte auch auf die im späteren Mittelalter von der Bürgerschaft getragenen Pfarrkirchen in den aufstrebenden Märkten und Städten wie Scheibbs oder Waidhofen an der Ybbs. Hier treten Übergangsformen auf, die traditionelle Elemente mit fortschrittlichen Lösungen verbinden. Zu letzteren zählen die gegen Ende der drei Jahrhunderte währenden gotischen Periode auftretenden, für das Mostviertel typischen Gewölbe mit vielfältigen Rippenkonfigurationen, deren eindrucksvollstes wohl das Schlingrippengewölbe der Weistracher Kirche ist.

Länderspezifische Differenzen sind dadurch zu erklären, dass die französische Gotik zwar rezipiert, jedoch nicht einheitlich übernommen wurde. Die Zeit der Gotik war eine Zeit des wirtschaftlichen Aufbruchs, viele Menschen wanderten in die Städte ab und daher bedurfte es auch größerer Kirchenbauten. Gleichzeitig entwickelten die Städte die Kraft, um die aufwendigen Bauten der Gotik zu verwirklichen und zu finanzieren. Zeitgenossen, denen dieses Treiben unheimlich war, gaben diesem den Namen „Morbus aedificandi“, also „Kirchenbau-Krankheit“. Sie hat im 13. Jahrhundert große Ausmaße angenommen: Innerhalb von hundert Jahren wurden in Frankreich fast zwanzig riesige Kathedralen gebaut. In geringer Entfernung entstanden monumentale Sakralbauten in Paris, Chartres oder Rouen. Vom Kirchenbau im Mittelalter sind viele interessante Begebenheiten überliefert, etwa der „Karrenkult“. In dieser Bewegung lieferten einfache Bürger genauso wie Adelige Holz, Steine, Getreide oder Kalk zu den Baustellen.

Viel Symbolik in Baustil

In der gotischen Bauweise steckt tiefe religiöse Symbolik. Die Säulen und Pfeiler entsprechen den Apos­teln und Propheten, die den christlichen Glauben tragen, Jesus ist der Schlussstein, der eine Mauer mit der anderen verbindet. Kirchengebäude wurden als das Haus Gottes und als „gebauter Teil der Liturgie“ betrachtet und sollten die christliche religiöse Idee verkörpern. Um diesem Anspruch gerecht zu werden, wurden Kathedralen und gotische Kirchen als lichtdurchflutete Gotteshäuser gestaltet. Man strebte zum Himmel. Ein zent­rales Element der gotischen Baukunst war der Spitzbogen, der den typisch romanischen Rundbogen an Portalen und Fenstern ablöste. Durch die statischen Besonderheiten des Spitzbogens konnten die Wände extrem dünn gebaut werden. Durch aufragende Strebepfeiler und das charakteristische Kreuzrippengewölbe schafften die gotischen Baumeister das Öffnen der Außenwände. Dadurch konnte das Gotteshaus durch hohe, reich bemalte Glasfens­ter mit Licht geflutet werden.
Das Errichten von Gebäuden, die das „Himmliche Jerusalem“ verkörpern sollten, wurde als nationale Aufgabe gesehen – ähnlich der militärischen Zurückgewinnung des irdischen Jerusalems durch Teilnahme an den Kreuzzügen. Als biblische Vorlage für gotische Bauten diente wohl das Buch der Offenbarung, wo es heißt: „Die Grundsteine der Stadtmauer sind mit edlen Steinen aller Art geschmückt; der erste Grundstein ist ein Jaspis, der zweite ein Saphir, der dritte ein Chalzedon, der vierte ein Smaragd …“

(Ofb 21 ff). Der deusche Theologe Johann Claussen beschreibt es in seinem Buch „Gottes Häuser“ so: „Dieser Vision des Sehers Johannes eifern die gotischen Kathedralen nach und bekennen: Gott ist Licht, Gott ist Farbe, Gott ist schön, Gott ist da.“    W. Zarl

 

 

Grundwissen zum Baustil gotischer Kirchen


Name: Der Name „Gotik“ wurde in der Renaissance vom italienischen Baumeis­ter und Kunstschriftsteller Giorgio Vasari geprägt und hatte eine abwertende Bedeutung. Das Gotische wurde mit dem Barbarischen gleichgesetzt – vgl. den germanischen Stamm der Goten – im Gegensatz zur klassischen antiken Kunst.

Zeit: Die Gotik entstand um 1150 in Nordfrankreich und verbreitete sich von dort über ganz Europa, wobei sich in den einzelnen Ländern spezifische gotische Stile entwickelten. Im 15. Jhdt. löste die Renaissance zunächst in Italien die Gotik ab.

Merkmale: Spitzbögen, Skelettbauweise, mächtige Raumhöhe, Auflösung der Wände, Kreuzrippengewölbe, Bündelpfeiler, dreigeschoßige Hochschiffwand (Arkade, Triforium, Obergaden), rechteckiges Grundmaß, reichhaltiger Schmuck (Maßwerke, Wimperge, Kreuzblumen, Verzierungen durch Rippen, Strebewerke, Zweiturm- bzw. Einturmfassade, farbige Glasfenster (Fenstermalerei statt Freskomalerei).

Anwendung des Baustils: Klöster, Schlösser, Burgen, später auch Rat- und Bürgerhäuser übernahmen die Formen der kirchlichen Baukunst. Prägend sind die Kathedralen.

Beispiele für gotische Kirchen
Diözesangebiet: Imbach, Kremser Dominikanerkirche, Stift Lilienfeld, Scheibbs, Schönbach, St. Peter, Unserfrau, Weis­t­rach, Stift Zwettl.
Europa: Kölner Dom (D), Notre-Dame, Chartres (F), Mailand (I).