Kirche bunt ABO

Banner Kirche Bunt

 
 

Glauben verstehen - von Mag. Oliver Achilles

War der Apostel Paulus verheiratet? Was für eine Frage, mag man denken, wenn einem der Vers 1 Kor 7,8 geläufig ist, in dem Paulus sagt: Den Unverheirateten und den Witwen sage ich: Es ist gut, wenn sie so bleiben wie ich – nämlich unverhei­ratet.

Dennoch waren einige der griechischen Kirchenväter davon überzeugt, dass Paulus verheiratet gewesen sei. Den Grund dafür fanden sie in Phil 4,3: Ja, ich bitte auch dich, gne-sie syzyge, nimm dich ihrer an! Sie haben mit mir für das Evangelium gekämpft, zusammen mit Klemens und meinen anderen Mitarbeitern. Ihre Namen stehen im Buch des Lebens.

Der Ausdruck gne-sie syzyge wurde von mir be­wusst nicht übersetzt, denn auf seinem Verständnis beruht die Interpretation der griechischen Väter. Im klassischen Griechisch bezeichnet der Ausdruck syzygos die Ehefrau (etwa in der Alkestis des Euripides, Vers 341-342). Daher schrieb Clemens von Alexandria (ca. 150-215 n. Chr.): „Auch Paulus trägt kein Bedenken, in einem seiner Briefe seine Gattin (syzygon) anzureden, die er nur nicht mit sich herumführte, um in der Ausübung seines Amtes nicht gehindert zu sein. Er sagt daher in einem Brief: Haben wir nicht auch die Freiheit, eine Schwester als Gattin (gynaika) mit uns zu führen wie die übrigen Apos­tel? (1 Kor 9,5)“ (Stromateis III,53). Origenes und Eusebius von Cäsarea kannten diese Auslegung ebenfalls und schrieben darüber in ihren Schriften.

Andererseits wissen wir aus einem griechischen Papyrus aus dem Jahr 155 n. Chr., dass der fragliche Ausdruck syzygos auch für einen Freund gebraucht werden konnte. Sprachlich ist also auch die Fassung der revidierten Einheitsübersetzung vertretbar, die Paulus in Phil 4,3 einen treuen Gefährten ansprechen lässt. Ich finde es persönlich interessant, dass diese den griechischen Vätern noch geläufige Tradition – sie lasen das Neue Testament in ihrer Muttersprache – aus dem kollektiven Gedächtnis und den wichtigen Übersetzungen verschwunden ist: Nicht einmal die „Bibel in gerechter Sprache“ bietet sie.

Glauben verstehen ist eine Reihe von „Kirche bunt“ in Zusammenarbeit mit den THEOLOGISCHEN KURSEN der Erzdiözese Wien und der Österreichischen Bischofskonferenz