Kirche bunt ABO

Banner Kirche Bunt

 
 

Glauben verstehen – von Mag. Oliver Achilles

Das Reich Gottes annehmen wie ein Kind:

In Mt 18,3 heißt es nach der neuen Einheitsübersetzung: Amen, ich sage euch: Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht in das Himmelreich hineinkommen. Bedeutet das, dass das Chris­tentum einen kindlichen Glauben verlangt? Oder pointierter ausgedrückt: Muss man infantil sein, um zu glauben? Bemerkenswerterweise verwenden Markus und Lukas dieses Wort in ihrer Darstellung der Szene, die als „Rangstreit der Jünger“ (Mk 9,33b-37; Mt 18,1-5; Lk 9,46-48) bekannt ist, nicht. Es handelt sich also um Sondergut des Matthäus. Und es gibt noch ein zweite Szene, bei der Kinder im Mittelpunkt stehen: die Segnung der Kinder durch Jesus (Mk 10,13-16; Mt 19,13-15; Lk 18,15-17). Hier fällt bei Mk und Lk der Satz: Wer das Reich Gottes nicht 

annimmt wie ein Kind, wird nicht hineingelangen. (Mk 10,15 + Lk 18,17). Matthäus lässt diesen Vers aus. Auffällig ist, dass es sich bei Lukas in dieser Szene sogar um Säuglinge (griech. tà bréfe–) handelt, die gesegnet werden sollen.

Die Aussage ist im Griechischen wie im Deutschen doppeldeutig: ho–s paidíon – wie ein Kind kann Nominativ oder Akkusativ sein. Nominativ-Bedeutung: Wer das Reich Gottes nicht annimmt, so wie ein Kind das Reich Gottes annimmt, der kann nicht hineinkommen. Akkusativ-Bedeutung: Wer das Reich Gottes nicht annimmt, so wie er ein Kind annimmt, der kann nicht hineinkommen. Bei Markus wird aus dem Kontext deutlich, welche dieser beiden Varianten er bevorzugt: Wer ein solches Kind 

in meinem Namen aufnimmt, der nimmt mich auf; und wer mich aufnimmt, der nimmt nicht nur mich auf, sondern den, der mich gesandt hat (Mk 9,38).

Für mich folgt daraus: Ja, wir werden zu einem kindlichen Vertrauen zu Gott aufgerufen. Und gleichzeitig darf ich das Reich Gottes annehmen, wie ich ein Kind annehme. Durch meine Kinder bin ich zu einem erwachsenen Menschen geworden. Es geht beim Reich Gottes also nicht um Infantilisierung, sondern um eine Aufgabe und die Übernahme von Verantwortung.

 

Eine Reihe von „Kirche bunt“ in Zusammenarbeit mit den THEOLOGISCHEN KURSEN der Erzdiözese Wien und der Österreichischen Bischofskonferenz.