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Gegenwärtige Erinnerung

Foto: Diözesanmuseum St. Pölten

Wort zum Sonntag von Bischof Dr. Alois Schwarz. Viele von uns wissen den Ausgang der Geschichte von der Ankündigung der Geburt Jesu, wie sie in den Evangelien erzählt wird. Von dem bekannten Münsteraner Philosophen Josef Pieper († 1997) stammt das Wort: „Dem Menschen ist es mehr vonnöten, erinnert als belehrt zu werden. Er kommt nicht allein dadurch zu Schaden, dass er das Hinzulernen versäumt, sondern auch dadurch, dass er etwas Unentbehrliches vergisst und verliert.“ Das ist eine wichtige Erkenntnis, denn wir sind in der katholischen Kirche eine Gemeinschaft, die die Erinnerung wach und am Leben hält.

Das Wichtigste in der christlichen Liturgie wird als gegenwärtige Erinnerung gefeiert, nämlich die Erinnerung an Tod und Auferstehung Jesu, wobei die Erinnerung die Heilsereignisse vergegenwärtigt und so lebendig hält, dass Gott, der im Kind von Betlehem Mensch geworden und geboren ist, heute in uns geboren werden darf, dass Gott, der in Jesus von Nazaret gekreuzigt und auferstanden ist, in der Feier der Messe unter uns gegenwärtig ist, wenn wir seinen Tod verkünden und seine Auferstehung preisen.

Der Evangelist Matthäus berichtet uns, wie sich die Ankündigung der Geburt Jesu aus der Sicht des heiligen Josef darstellt. Ein junges Paar, das verlobt ist, erwartet ein Kind. Der Mann weiß noch nicht, von wem das Kind ist. Er ist „gerecht“ heißt es. Er muss annehmen, dass Maria das Gelöbnis gebrochen hat. So hat er zwei Möglichkeiten: Er kann einen öffentlichen Rechtsakt setzen und seine Frau vor Gericht bringen, oder er entscheidet sich für eine private Regelung in Form eines Scheidebriefes. Nach jüdischem Recht war die Verlobung eine rechtliche Verbindung der beiden Partner. „Josef, ihr Mann, der gerecht war und sie nicht bloßstellen wollte, beschloss, sich in aller Stille von ihr zu trennen“ (Mt 1,19).

„Fürchte dich nicht!

Josef, das heißt übersetzt „der Hinzugefügte“, wollte das Geheimnis nicht entweihen und beschloss, dem Handeln Gottes durch stilles Zurückziehen vom Zusammenleben mit Maria zu entsprechen. Dann erscheint ihm ein Engel des Herrn im Traum. Josef hatte eine große Fähigkeit der Unterscheidung. Er fragt sich natürlich, ob Gott wirklich gesprochen hat. Und hört den Engel sagen: „Josef, Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria als deine Frau zu dir zu nehmen; denn das Kind, das sie erwartet, ist vom Heiligen Geist“ (Mt 1,20).

„Fürchte dich nicht!“, hatte der Engel auch zu Maria gesagt. Engel sagen, dass wir uns nicht ängstigen sollen. Engel sind, so formuliert es der deutsche Priester und Lyriker Wilhelm Bruners, „Schwellenmächte“: „Sie wollen uns über die Schwelle in die Freiheit führen. Sie wollen uns den aufrechten Gang lehren.“ Und weiter rät er: „Wenn du nicht weißt, mit wem du es zu tun hast, höre, ob dieses Wort im Raum steht, wirklich im Raum steht. Du musst es stehen sehen. Mitten im Raum. Ängstige dich nicht. Du musst es nicht nur hören. Du musst es sehen.“

Nach der Zusage, dass Josef sich nicht fürchten soll, bekommt er den Auftrag, dem Kind, das Maria gebären wird, den Namen Jesus zu geben. Wenn ein Kind geboren wird, überlegen die Eltern, welchen Namen sie dem Kind geben werden. Viele fragen vorher, wie das Kind heißen wird. Wir erfahren jetzt schon den Namen des Kindes. Das ist bei der Geburt eines Kindes immer etwas Besonderes. Jesus soll er heißen, sagte der Engel zu Josef. Jesus bedeutet „Jahwe ist Hilfe“. Gott will also durch dieses Kind den Menschen helfen. Und dann wird im Evangelium noch ein zweiter Name genannt: Immanuel. Das heißt übersetzt „Gott ist mit uns“. Diesen Namen kennen alle, die mit der altbundlichen Bibel vertraut sind aus der Ankündigung des Propheten Jesaja an Ahas, den König von Juda: „Siehe, die Jungfrau hat empfangen, sie gebiert einen Sohn und wird ihm den Namen Immanuel – Gott mit uns – geben“ (Jes 7, 14). Dieses Wort, so schreibt Papst Benedikt XVI., „richtet sich nicht nur an Ahas. Es richtet sich auch nicht nur an Israel. Es ist an die ganze Menschheit gerichtet. Das Zeichen, das Gott selbst ankündigt, wird nicht für eine bestimmte politische Lage geboren, sondern betrifft den Menschen und seine Geschichte im Ganzen.“

Jesus wird zwar mit dem Namen „Immanuel“ nicht angesprochen, aber dieser Name ist sein Lebensprogramm. Er ist das Mitsein Gottes mit den Menschen. Wie dieser Gott mit den Menschen ist, wird dann im Evangelium entfaltet und am Schluss wird Jesus zu seinen Jüngern in Galiläa auf einem Berg sagen: „Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt“ (Mt 28,20). Also Gott ist mit uns. Jesus versichert es uns. Er erinnert uns daran.

Es ist diese Erinnerung, die Versicherung, die wir Menschen brauchen. Auch Josef wurde nicht belehrt, was richtig und falsch sei, sondern er wurde im Traum an die Verheißung erinnert: „Damit sich erfüllte, was der Herr durch den Propheten gesagt hat.“ Und Josef reicht diese Versicherung, um dem Herrn zu entsprechen. Wir feiern in der Heiligen Nacht, wir feiern zu Weihachten die Erinnerung an die Geburt unseres Retters, unseres Helfers, unseres Erlösers. Es ist die Versicherung und Erinnerung, dass Gott nicht nur mit uns ist, weil es ihn irgendwie und irgendwo gibt, und man von ihm berichtet, sondern Er kommt und ist mit uns, als Menschgewordener, als Jesus, als dieser Mann, als konkreter Freund, Lehrer, Erzähler, Mitmensch. Die Revolution im Stall von Betlehem, dass Gott ein Mensch wird, ist keine süßliche, rührselige Vanillekipferlgeschichte und gerade deshalb voller echter Ansprache, Botschaft, Emotionalität, Wirklichkeit. Es ist die Einlösung des Heilsversprechens mit uns Menschen. Wir glauben an einen Gott, der Mensch wird, Kind wird, ein Neugeborenes wird, für uns. Sprechen wir nicht verharmlosend von diesem Gott. Er kommt, um uns zu erlösen. Lassen wir uns, gegenwärtig wie Josef, vom Evangelisten Matthäus daran erinnern. Fürchten wir uns nicht davor, dass Gott uns Menschen meint, wenn er Mensch wird.