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Fastentücher: Auch die Augen sollen fasten

Fastentücher haben eine tausend Jahre alte Tradition, die in den letzten Jahren eine Renaissance erlebt – auch in der Diözese St. Pölten.

Als der Pfarrer von St. Valentin, Johann Zarl, am Aschermittwoch zur Früh-Messe in die Kirche einzog, war die Überraschung groß: Ein neues, künstlerisch gestaltetes Fas­tentuch verhüllte den Hochaltar  – es ist dies ein verfrühtes Geschenk zum 70. Geburtstag des Pfarrers im Herbst. Heimlich hatte ein Team rund um Diakon Manuel Sattelberger die St. Valentiner Siebdruck-Künstlerin Evelyn Grill beauftragt, ein Fas­tentuch mit zeitgemäßem Verkündigungsakzent zu schaffen. Die Finanzierung übernahmen etliche Vereine und Spender. Das neue Fastentuch möchte zur Meditation einladen. Es steht unter dem Motto „durchKREUZtesLeben“. Damit will die Künstlerin sagen, dass das Kreuz viel Erlebtes und Zugemutetes im Leben beschreibe. Jeder trage sein Kreuz. Grill will dazu ermutigen, das eigene Kreuz anzuschauen, ­ aber im Lichte der Auferstehung.

Wie in St. Valentin sind in vielen Pfarren der Diözese St. Pölten Fas­tentücher aufgehängt. Das „Velum quadragesimale“, also das Tuch der 40 Tage, ist seit über 1000 Jahren bezeugt. Fastentücher gehören somit zu den ältesten Zeugnissen von Glaube, Kultur und Brauchtum. Die fast ein Jahrtausend alte Tradition geht auf den jüdischen Tempelvorhang zurück, der im Neuen Testament im Zusammenhang mit dem Kreuzestod Jesu mehrfach erwähnt wird. Ursprünglicher Zweck war die Verhüllung, gleichsam ein „Fas­ten der Augen“.

Die ältesten Fas­tentücher in der Diözese St. Pölten stammen aus dem  19. Jahrhundert. Ältere Exemplare wurden durch Motten oder falsche Lagerung beschädigt und dann weggeworfen, erklärt Mag. Eva Voglhuber, Referentin für Kulturgüter in der Diözese St. Pölten. In manchen Pfarren geriet das Fastentuch beinahe in Vergessenheit. Das auch deshalb, weil über die Jahre das Wissen, wie die Tücher aufzuhängen sind, verloren ging. Etwa weil Männer, die das gemacht haben, gestorben sind, so  Voglhuber. 

Im 21. Jahrhundert  stieg die Zahl der Tücher im liturgischen Gebrauch wieder merklich an. Heute gibt es vielerorts eine Renaissance der Fas­ten­tücher. Freilich hat sich die Gestaltung verändert: Einst habe es auf den Tüchern viel mehr Motive gegeben, dann, im Barock, nur noch eine Szene der Passion, und in den letzten Jahren gibt es den Trend, von düsteren Fas­t­entüchern wegzugehen, hin zur Auferstehung, erzählt Eva Voglhuber.

Den Blick ganz auf Gott

In der Diözese St. Pölten sind heute ganz unerschiedliche Fastentücher zu finden: So hängt ein Exemplar aus dem 19. Jahrhundert beispielsweise in der Pfarrkirche Maria Anzbach. In der Pfarre Grünau gestaltete eine Volksschulklasse ein farbenprächtiges Tuch. Und im Vorjahr schuf der Künstler Helldenmut Fastentücher für die Kirchen in Dürnstein und Loiben. Ihm sei es dabei darum gegangen, nicht den Inhalt des Tuches in den Vordergrund zu rücken, sondern die Einfachheit, die es ermöglicht, den Blick ganz auf Gott zu richten, so der Künstler. Auch Eva Voglauer betont:  „Die Fas­tenzeit ist die Zeit der Umkehr und der Besinnung. Es ist die Zeit, in der wir reflektieren sollten und die Motive der Fastentücher mit unserem eigenen Lebensweg verknüpfen können.“ Wir sollten hungrig werden nach dem, was das Leben erfüllt: die Auferstehung und das ewige Leben.