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Fastenserie: Ruth Pfau – Tun, was wir können

Mag. Angela Lahmer Hackl über Ruth Pfau. Als katholische Ordensfrau hat Ruth Pfau im muslimisch geprägten Pakistan geradezu Unglaubliches geleistet und der Lepra den Schrecken genommen. Auch den Schwächsten der Gesellschaft vermittelte sie das Bewusstsein der Menschenwürde – getragen vom Glauben an einen Gott, der zur Freiheit beruft.

Wie begegnet man einer Frau, die so bekannt ist, von der ich schon lange tief beeindruckt bin und mit der ich eine Woche unter einem Dach leben werde? Das fragte ich mich bei meinem ersten Besuch bei Ruth Pfau in Pakistan. Sie beantwortete diese Fragen ganz einfach. Sie ließ mich und meinen Mann mitleben, so als wären wir immer schon da gewesen. Bei zwei Besuchen – 2008 und 2012 – war es mir möglich, Ruth Pfau, ihre Arbeit und viele wunderbare Menschen ihres Hilfsprojektes kennen zu lernen. 2017 starb die deutsche Ordensfrau und Ärztin nach einem erfüllten Leben in Karachi.

Einige Aspekte, die mich in den Begegnungen mit Ruth Pfau berührt haben, möchte ich mit Ihnen teilen.

Mystik oder Logos

Drin Ruth Pfau: „Wir haben in den letzten Jahrhunderten den Logos zu sehr betont. Die Mystik fehlt – das ist das Verkehrte an unserer Welt.“ Ich glaube, ohne Leben aus der Mystik wäre ihre Arbeit gar nicht möglich gewesen. Sie war für mich ein zutiefst mystischer Mensch. Bei ihr gab es keine Trennung zwischen Glauben und Leben. Die Liebe, die aus der Tiefe ihrer Got­tes­be­ziehung kam, war die Basis, wie sie den Menschen begegnete und wie sie die Arbeit organisierte. Sie nahm Anteil an jedem Menschen. Solange sie konnte, machte sie täglich Visite im Leprakrankenhaus, in dem sie bis zuletzt lebte.

Diese kleine, zähe Frau mit ihren wachen Augen und ihrer vollen Präsenz konnte schon auch mal mit einem tiefen Seufzer sagen: „Ich habe schon ‚soooviel‘ gesehen, dass es schon fast überläuft. Da muss man sich am Abend schon mal die schönen Sachen, die man auch gesehen hat, bewusst machen. Meine eschatologische Liste mit Fragen an Gott bei all dem Leid ist bis zum Rand voll.“ Die Antworten darauf konnte sie nun schon einfordern.

Weitermachen

Mich begleiten ein paar Aussagen von Ruth Pfau in meinem Alltag. Es sind für mich Aussagen, die an zentralen Erfahrungen meines Glaubens andocken.

„Weitermachen ist unsinnig. Aufhören ist noch unsinniger. Also machen wir weiter.“ Es ist jemand da, der/die in der Unfassbarkeit der Not oder in der totalen Hilflosigkeit da bleibt. „Ich bin da“ – diese Zusage Gottes an Mose hat Ruth Pfau sechzig Jahre lang in Pakistan bei der Bekämpfung der Lepra gelebt. ‚Wir machen weiter‘ ist für mich eine andere Formulierung für die Gegenwart Gottes durch Menschen wie Ruth Pfau.

Die Ärztin

Beim Besuch einer Familie in einem afghanischen Flüchtlingslager in Karachi mit 80.000 Flüchtlingen stand Ruth Pfau plötzlich als Medizinerin vor mir. Sie untersuchte, zog Schlüsse und ließ sich nicht von der Tragik der Situation, dass die Kinder fast verhungert waren, mitreißen. „Man muss handlungsfähig bleiben“, hat Ruth Pfau einmal gesagt. Dazu braucht es mit Sicherheit die professionelle Dis­tanz. Ihre gezielten Fragen machten allen schnell klar, was notwendig war. Ihr liebender und zugleich klarer Blick auf das unbedingt zu Geschehende macht sie für mich bis heute zu einer besonderen Leitfigur meines Lebens.

Kein Leben ohne Würde

Ruth Pfau verband mit vielen ihrer Mitar­beiterInnen und Hilfesuchenden, die in den Projekten leben eine persönliche Geschichte. Die Einzelschicksale, die ich bei den Auto­fahrten oder Gesprächen dazwischen kennen lernte, wurden für mich Fenster, durch die ich Einblicke in die Bedeutung ihrer Arbeit für Pakistan erhielt.

Manchmal wunderte sie sich offenbar selbst über ihre Erfolge, z. B. als sie bei einer der Auto­fahrten durch Karachi plötzlich sagte: „Wenn ich durch Karachi fahre, wundere ich mich immer wieder, wie es möglich war, die Lepra unter Kontrolle zu bringen.“

Einige entscheidende Punkte für gelingende Entwicklungsarbeit konnte ich in den Projekten für die ausgegrenzte hinduistische Minderheit kennenlernen. Das Aufbauen einer neuen und besseren Zukunft braucht viel Zeit und Geduld. Ruth Pfau: „Die­se Menschen haben bis vor wenigen Jahren weder Menschenwürde noch Wohnung gekannt. Die schwierigste Aufgabe war, ihnen zu vermitteln, dass auch sie Menschenwürde haben.“ Sie verglich diesen Prozess mit den vierzig Jahren Wüstenwanderung der Israeliten: „Die Hindus waren jahrhundertelang fremdbestimmt. Sie müssen erst lernen, in Freiheit zu leben und ihr Dorfleben selbst zu gestalten. Dreißig Jahre arbeiten wir schon mit ihnen. Entwicklung braucht Zeit.“

Besonders am Herzen lagen ihr in allem dabei auch die Frauen, ihre Selbstständigkeit und der Schutz vor Gewalt. 

Schlusspunkt

Zwei Zitate von Schülerinnen nach dem Besuch von Ruth Pfau in meiner Schule möchte ich an den Schluss setzen:

„Ich habe selten eine so starke, offenherzige und durchsetzungsfähige Frau gesehen.“ (Ma­riella)

„So stelle ich mir einen Menschen vor, der seine Ziele erreicht hat.“ (Karoline)

 

Leben im Überblick

1929 Ruth Pfau wird in eine jüdische Familie in Leipzig mit sechs Kindern geboren.
1949 Flucht nach Westdeutschland, Abitur, Beginn des Medizin­studiums.
1951 Taufe in der evangelischen Kirche, nach zwei Jahren Übertritt zur römisch-katholischen Kirche.
1957 Eintritt in den Orden der Töchter vom Herzen Mariä.
1960 Ausreise nach Karachi; Gründung des Leprakranken­hauses Marie-Adelaide-Leprosy Center im Zentrum von Karachi.
1965 Beginn der offiziellen Lehrgänge für Leprahelfer.
1979 Ernennung zur nationalen
1951 Beraterin im Rang einer Staats­sekretärin für das Leprakontrollprogramm der pakistanischen Regierung.
1988 Ernennung zur Ehrenbürgerin Pakis­tans.
1996 Ein Meilenstein in der Geschichte der Leprabekämpfung: Die Zahl der Neuerkrankungen befindet sich auf einem historischen Tiefstand, erstmals ist die Lepra in Pakistan unter Kontrolle. Entwicklung und Leitung von       Programmen gegen Tuberkulose und Augenerkrankungen. Zwischenzeitlich mehrere geheime Ausreisen zur Leprabekämpfung nach Afghanistan.
2017 Ruth Pfau stirbt am 10. August im Alter von 87 Jahren; sie erhält ein Staatsbegräbnis in Karachi.

 

Impulse

Einfach zum Nachdenken – Zitate von Ruth Pfau

- Ich glaube nun einmal, dass das Prinzip des Lebens Liebe ist.
- Die 5:1-Regel: erst einmal fünf schöne Dinge zu entdecken, ehe man sich dem einen, negativen stellt.
- Dass Muslime, Christen, Hindus in unserem Projekt so friedlich zusammenarbeiten, rührt mit Sicherheit daher, dass wir uns kennen gelernt haben.
- Warum? Das ist sicher die ungeeignetste aller Fragen. Obwohl sie die nächstliegende ist. Trotzdem: sie führt uns nicht weiter.
- Ich habe das Christentum immer für eine verrückte Religion gehalten und bin da zum Glück und offensichtlich nicht allein.
- Wir tun, was wir können, mehr können wir nicht tun.
- Tapferkeit: die Bereitschaft, sich um des größeren Gutes willen wehtun zu lassen.
- Es ist einfacher, wenn man sich auf das Notwendige beschränkt.
- Ich habe einmal im Leben eine Grundentscheidung getroffen: Ich bin nicht bereit zu verzweifeln.

 

Die Autorin

Maga Angela Lahmer-Hackl ist AHS-Lehrerin am BRG/ BORG St. Pölten für Katholische Religion und Ethik sowie Obfrau des Katholischen Bildungswerks der Diözese St. Pölten. In ihrer Heimatpfarre Haunoldstein ist sie Bildungswerkleiterin und engagiert sich bei „Willkommen Mensch Haunoldstein“ als Koor­dinatorin in der Flüchtlingsarbeit. Sie ist verheiratet, hat zwei Kinder und zwei Enkelkinder.