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Fastenserie: Madeleine Delbrêl – „Gott ist unterwegs zu finden“

Mag. Michaela Lugmaier über Madeleine Delbrêl. Als Sozialarbeiterin ging die frühere Atheistin in die Arbei­terstadt Ivry-sur-Seine bei Paris. Sie war aber weit mehr: Sie machte die Not der Menschen zu ihrem Schick­sal, lebte ihren Glauben im „Apostolat der Straße“. Ihr welt­offener Glaube beeindruckte Konzilsväter, im Engage­ment für Benachteiligte steht Papst Franziskus an ihrer Seite.

Erste Querverweise in Studienzeiten – ein Diplomarbeitsvater, der begeistert von ihren Werken sprach, gefolgt von einem Lesebuch … Sporadisch kreuzte der Name Madeleine Delbrêl meinen Weg. Erst die Lektüre ihrer Biographie führte zur näheren Beschäftigung mit der „Mystikerin der Straße“.

Weder Worte noch große Lehren prägen ihr Lebenswerk, sondern ihre missionarische Präsenz. Als überzeugte Christin lebte sie ihre Taufberufung als Laiin in der Welt, im Engagement für sozial Benachteiligte und Verfolgte. Lange vor dem Zweiten Vatikanum erkannte sie als eine der ersten, dass es angesichts zunehmender Säkularisierung neue Wege in der Verkündigung braucht. Ihr Vorhaben, Gott einen Ort im atheistischen Umfeld zu sichern, ist beispielgebend. Ihre Erfahrungen reflektierte sie in zahlreichen, lebensnahen Bildern und Meditationen, Gedichten und Schriften. 

Prophetin einer Kirche „im Aufbruch“

Bemerkenswert ist die Parallele zu Papst Franziskus! Viele seiner Herzensanliegen, die er u. a. in seiner programmatischen Schrift Evangelii gaudium näher entfaltet, decken sich mit dem, wofür Madeleine Delbrêl gelebt und leidenschaftlich gekämpft hat. Sie ist praktisch eine Prophetin einer Kirche „im Aufbruch“, die aus sich herausgeht, sich beständig erneuert und an die Ränder geht.

Ihre Lebensgeschichte macht deutlich, dass Glaubenswege – damals wie heute – nicht immer geradlinig verlaufen, biographische Einschnitte zum „Einfallstor Gottes“ werden können und Menschen, die den Glauben mit „Ansteckungsgefahr“ weitergeben, gefragt sind. Hatte Madeleine noch mit kindlichem Eifer an der Kommunionvorbereitung teilgenommen, so verstand sie sich in ihrer Jugend als entschiedene Atheistin. Es folgte eine tragische Liebesgeschichte, die ihr Leben radikal umkrempeln sollte. Ihr Verlobter trennte sich unerwartet von ihr, um ins Noviziat der Dominikaner einzutreten. Hinzu kamen familiäre Probleme. Mit dem Trennungsschmerz stellte sich die Sinnfrage neu. Sie rang nach Antworten, wollte verstehen. Ein intensiver Suchprozess begann. In dieser Zeit begegnete sie an der Pariser Universität jungen Christ(inn)en, die wie sie ein ganz normales Studentenleben führten, gerne diskutierten und tanzten. Fasziniert von deren authentischer Lebensweise, geriet ihr eigener Atheismus allmählich ins Wanken. Sie startete ein „Experiment“ – begann zu beten und wurde von Gott „überwältigt“. In einer Pfarrgemeinde trat sie einem Bibelkreis junger Frauen bei. Den Plan, ins Kloster zu gehen, verwarf die Neubekehrte dagegen wieder. Später gründete sie mit zwei Gefährtinnen eine kleine, christliche Laien-Gemeinschaft, die als „Leute gewöhnlichen Lebens“ – ohne Gelübde, ohne Klausur – mitten unter den Menschen leben wollte.

Die kleine Gruppe zog in die kommunis­tische Arbeiterstadt Ivry. Diese wurde für die Sozialarbeiterin zur „Schule angewandten Glaubens“. In konsequenter Jesusnachfolge – vom Dreiklang „Gebet – Evangelium – Zeugnis der ungeteilten Liebe“ getragen – lebte sie neben Kommunisten und Atheisten in einem „Haus der offenen Türen“ vor, wie Christsein geht. Gebet und Engagement, Gottes- und Nächstenliebe bestimmten dabei ihren Alltag. Vom Evangelium – ihrem Lebensbuch – holte sie sich täglich Kraft und Inspiration. Oft führte sie einen Satz im „Handgepäck“ mit, der sie durch den Tag begleitete und von dem her sie alle Ereignisse des Tages interpretierte.

Mit wachen Augen beobachtete sie die Vorgänge in der Stadt. Die Lage der Arbeiter war besorgniserregend. Diese schien die Christ(inn)en, die Minderheit in Ivry, nicht weiter zu berühren. Das aktive Pfarrleben wies kaum Berührungspunkte zum Arbeiter-Milieu auf. Die Kommunisten setzten sich als einzige wirksam für die Arbeiterrechte ein. Diese Situation wurde ihr zum Auftrag – ihre Mission. Als kirchliche „Grenzgängerin“ kooperierte sie mit der Stadtverwaltung und unterstützte diverse Anstrengungen um faire, gute Lebens- und Arbeitsbedingungen, sofern diese mit dem Evangelium und Liebesgebot vereinbar waren.

Das atheistische Umfeld ließ sie die Art und Weise, wie Kirche den Glauben in das Leben der Menschen hinein zu buchstabieren versuchte, hinterfragen und half ihr zugleich, zum Wesentlichen des Glaubens vorzudringen. Ihrem Urteil zufolge hatte der Glaube der ihr bekannten Christ(inn)en an Frische und Strahlkraft verloren; er war zur Gewohnheit geworden. Deren Zeugnis wirkte „freudlos“ und die religiös-kirchliche Sprache erreichte viele nicht mehr. Anstatt zu jammern, sich abzuschotten oder zu resignieren, nutzte sie jede Gelegenheit, um mit jenen, die den Glauben an Gott verloren hatten oder nie mit ihm in Berührung gekommen waren, in Austausch zu treten. Die Gespräche forderten sie heraus, Rede und Antwort zu stehen. Sie empfand es als großes Geschenk, Christin zu sein. Diesen Schatz wollte sie durch ihr eigenes Leben vermitteln: in Begegnungen auf Augenhöhe – ohne vereinnahmen, punkten oder mit frommen Sprüchen bekehren zu wollen. Die Sprache der Menschen sowie die Sprache Jesu sprechend. Im Wissen, dass Gott allein „den Glauben schenkt“.

Faszinierend ist ihre praktische und bodenständige Spiritualität, die ganz konkrete Alltagserfahrungen aufgreift (z. B. Fahrradfahren). Glaube und Alltag bilden für sie eine untrennbare Einheit. Alles ist von Gott durchdrungen. Jede Tätigkeit und Begegnung, jeder Ort bietet eine Chance, Gott und seinem Wort zu begegnen. Da der berufliche Alltag oft begrenzt Freiraum zum Innehalten, fürs Gebet bereithält, rät sie gezielt zu „Tiefenbohrungen“, um sich der Gegenwart Gottes zu vergewissern. Die vielen, kleinen Pausen untertags – sie nennt diese „Zeitstaub“ – können, wenn gut genutzt, zu kostbaren Gebetsmomenten werden. Als mutige „Stoßgebete“ helfen sie, sich in Gott zu verankern – kurzum: gehimmelt und geerdet zu bleiben.

 

Impulse


- Gottes Spuren in meinem Leben
Heute nehme ich ein leeres A4-Blatt zur Hand. Ich skizziere (zeichne) meinen
bisherigen Glaubensweg.
Welche Menschen, Begegnungen, Erlebnisse haben meinen Glauben geweckt und gefördert? Wo und wann fühlte ich mich Gott nahe/fern? Welche Menschen
sind/waren für mich Vorbilder im Glauben?

- Glaube bedeutet für mich…
Heute nehme ich mir eine halbe Stunde Zeit zum Nachdenken. Wie verstehe ich den Glauben? – Als Lehre? Als Lebensform? Was bedeutet es für mich zu glauben? Woran wird es sichtbar? Wie ist es um die Strahlkraft meines Glaubens bestellt?

- Der missionarische Funke in mir
Heute achte ich im Laufe des Tages bewusst darauf, was ich durch mein Leben verkündige. Dort, wo sich die Gelegenheit bietet, kann ich mit anderen über meinen Glauben ins Gespräch kommen.

- Gott wohnt in den Straßen dieser Welt
Heute mache ich einen Spaziergang und gehe durch meinen Wohnort. Hellwach und mit lebendigem Interesse nehme ich wahr, was mir begegnet und entgegen kommt … und lasse mich von Gott finden.

-Das Evangelium im „Handgepäck“
Am Morgen lese ich das Tagesevangelium (Te deum – https://www.maria-laach.de/ te-deum-heute/). Ich wähle einen Satz aus, der mich durch den heutigen Tag begleitet. Ich achte darauf, wie sich die Erlebnisse und Si­tuationen darauf beziehen – was mir alles geschenkt wird.

- Zeitstaub für Stoßgebete nutzen
Heute nutze ich bewusst die kleinen Pausen (z. B. Warteschlange, Zigarettenpause) für „Tiefenbohrungen“, um mich immer wieder in Gott zu verankern. Ich suche das Gespräch mit ihm – sage Danke … oder ich bitte ihn um/für …

 

Die Autorin:

Mag. Michaela E. Lugmaier, geb. 1977, studierte Theologie sowie Geographie und Wirtschaftskunde an der Universität Wien. Sie ist Regionalbegleiterin im Mostviertel West und Religionspädagogin an der Bildungsanstalt für Elementarpädadogik in Amstetten und Supervisorin/Coach.