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Fastenserie: Elisabeth von Thüringen – junge Begeisterung für Christus und seinen Ruf

Veronika Prüller-Jagenteufel über die heilige Elisabeth von Thüringen. Sie gehört zu den großen Heiligen der gelebten Nächstenliebe und ist eine Patronin der Caritas: Elisabeth von Thüringen. Bei allem äußeren Glanz und Reichtum, der ihr Leben umgab, blieb sie dem höfischen Leben gegenüber doch stets auf kritische Distanz. Sie suchte ein anderes Leben im Dienst am Nächsten – leidenschaftlich und radikal, missverstanden und abgelehnt.

Elisabeth von Thüringen, Patronin der Caritas, über Jahrhunderte hochverehrt für vorbildliche Nächstenliebe: Das ist für mich zunächst Grund genug, mich mit ihr zu beschäftigen. Dabei habe ich sie bislang als ambivalente Figur empfunden – ist sie doch eine von jenen Heiligen, die sich völlig verausgabt haben, nicht nur im Einsatz für andere, sondern auch durch eine sehr strenge Askese mit selbstzerstörerischen Aspekten wie Selbstgeißelung, Bußgürtel etc. Aus heutiger Sicht klingt da manches schlichtweg krankhaft oder wirkt zumindest schräg. Zugleich ist diese schonungslose Radikalität, mit der Eli­sa­beth Christus nachgefolgt ist und ihrer angeblich christlichen Umwelt einen harten Spiegel vorgehalten hat, auch faszinierend – auf jeden Fall zeigt sie ein provokantes Alternativprogramm zum Leben in der Komfortzone damals wie heute.

Die Eckpunkte der Biographie sind schnell erzählt: Geboren 1207 als Tochter des Königs von Ungarn wird Elisabeth dem künftigen Landgrafen von Thüringen versprochen und übersiedelt bereits als Vierjährige auf die Wartburg bei Eisenach. Mit vierzehn heiratet sie den um sieben Jahre älteren Ludwig. Sie haben drei Kinder. Ludwig stirbt 1227 auf einem Kreuz­zug. Elisabeth verlässt die Wartburg, um ganz nach den Idealen der neuen christlichen Armutsbewegung zu leben. Von ihrem Witwenerbteil lässt sie ein Hospital bauen und dient dort als Krankenschwester. Im November 1231 stirbt sie 24-jährig nach kurzer Krankheit.

Voller Leidenschaft

Ich bleibe an ihrem Alter hängen. Als sie starb, war sie nicht einmal halb so alt wie ich heute. Und ich denke: Ihre Jugend erklärt wohl ihre Radikalität. Ich war Anfang 20 auch heftiger und radikaler. Elisabeth sei gerne und wild geritten, heißt es z. B., und ich erinnere mich an mein Galoppieren über Stoppelfelder. Elisabeth hat sich begeistert an Franziskus und Klara von Assisi orientiert. Ich habe bei einem Jugendlager den Franziskus-Film von Franco Zeffirellli gesehen und war voller Sehnsucht nach dieser Freiheit in der Nachfolge Jesu. Eli­sabeth hat bewusst ihre Umgebung irritiert: Sie verweigerte z. B. Speisen aus ungerechtem Handel oder legte für Gottesdienste allen herrschaftlichen Schmuck und die wertvollen Gewänder ab und kam im einfachen rauen Wollkleid. In der Kath. Jugend haben wir bei Mess­ge­stal­tungen und anderen Aktionen bewusst die verbürgerlichte Kirche provoziert. Mit ihrem Mann Ludwig war Elisabeth für damalige Verhältnisse ungewöhnlich innig und liebevoll verbunden. Auch dazu kommen mir Bilder aus meinem Frühlingserwachen. Junges Leben, junge Liebe, junge Begeisterung für die Sache Jesu – und plötzlich ist mir Eli­sabeth nahe gerückt. So verschieden waren wir nicht. Und ich merke, dass ich nach doppelt so vielen Lebensjahren noch immer voller Leidenschaft echte Christusnachfolge leben will und andere damit anstecken möchte und immer noch so vieles in Kirche und Politik kritisch sehe und verändern will.

Ringen um Selbstbestimmung als Frau in der Kirche

Elisabeth entdecke ich dabei als Schwester und Verbündete – auch in Sachen Selbstbestimmung als Frau in der Kirche. Ihre Chris­tus­nachfolge war weit radikaler als damals für hochadlige Damen vorgesehen. Hätte sie gedurft, wie sie wollte, sie wäre wie Franz von Assisi bettelnd von Haus zu Haus gezogen. Doch das wurde nicht einmal dessen Mitstreiterin Klara erlaubt; sie und ihre Gefährtinnen mussten unbedingt in einem festen Haus leben. Auch Elisabeth wurden Grenzen gesetzt, besonders streng von ihrem Beicht­vater Konrad von Marburg, einem päpstlichen Inquisitor und Visitator. Es heißt, er habe versucht, ihren Eifer in akzeptable Bahnen zu lenken, und es heißt, er wollte sie bewusst zu einer Heiligen machen. Mit vielen seiner Anweisungen machte er ihr absichtlich das Leben schwer und war ihr gegenüber auch gewalttätig. Mir erscheint die komplexe Beziehung zwischen Konrad und Elisabeth heute als geistlicher Missbrauch.

Elisabeth hat den Berichten zufolge immer wieder kreativ und schlau die ihr gesetzten Grenzen missachtet und ausgedehnt. Mich be­rührt dieses widerständige Ringen um den eigenen Weg mit Gott. Es verbindet Elisabeth mit den Frauen, die auch heute noch um Freiheit und Möglichkeiten ringen müssen und allzu oft erleben, dass Männer ihre Kraft für sich ausnützen.

Nachahmerinnen

Wäre Elisabeths Leben anders verlaufen, wenn sie mit mehr Einfühlungsvermögen und weniger Eigen­interessen begleitet worden wäre? Vielleicht so wie das ihrer Zeit- und Standesgenossin, der böhmischen Königstochter Agnes? Die orientierte sich an Elisabeth, verweigerte sich der Ehe, gründete ein Hospital und ein Klarissenkloster, in das sie selbst eintrat. Agnes wurde in ihrem Dienst als Krankenschwester ca. 70 Jahre alt. Überliefert ist die Sorge im Hochadel, Elisabeth und Agnes könnten noch mehr Nachahmerinnen finden… Bei aller Distanz durch die Jahrhunderte verstehe ich doch, warum.



Zum Weiterdenken

  • Was ist in meinem Leben aus den Idealen meiner Jugend geworden?
  • Wofür setze ich mich heute mit ganzer Leidenschaft ein?
  • Woran könnte man bei mir merken, dass ich es mit der Nachfolge Jesu ernst meine?
  • Womit unterstütze ich andere, besonders Frauen, dabei, ihren eigenen geistlichen Weg zu gehen?

 

Die Autorin

Dr. Veronika Prüller-Jagenteufel war nach dem Theologiestudium Assistentin am Institut für Pastoraltheologie der Kath.-Theol. Fakultät der Universität Wien und promovierte 2001. Sie war Chefredakteurin von „Diakonia – Internationale Zeitschrift für die Praxis der Kirche“ und leitete ab 2011 das Pastoralamt der Erzdiözese Wien. Seit 2018 ist sie theologische Referentin in der Caritas der Diözese St. Pölten und darüber hinaus auch Seelsorgerin im Caritas-Pflegewohnhaus St. Elisabeth.