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Einander „Bruder“ sein

In der Bibel begegnen uns viele Geschichten über Brüder – leibliche Brüder und  auch „Brüder“ im Glauben. Die Theologin Dr. Johanna Friedl weiß, was die Bibel unter dem Bruder-Sein versteht und was das für uns Christen bedeutet.

Wo ist Abel, dein Bruder?“ – Das ist eine der vielen Fragen Gottes an die Menschheit, der wir ganz früh im Buch Genesis begegnen (Gen 4,9). Vorher musste Gott bereits nachfragen: „Adam, Mensch, wo bist du?“ (Gen 3,9). Diese beiden Fragen folgen direkt auf zwei tragische Ereignisse, von denen die Bibel berichtet: vom Essen der Frucht des Baumes (Gen 3,6), über den Gott ein Essensverbot ausgesprochen hatte (Gen 2,17), und vom ersten Mord, der gleich ein Brudermord ist (Gen 4,1–10).

Nein, die Bibel ist nicht ein Buch, das den Menschen mit Schuld belasten will, aber sie beschreibt die Not der Menschheit: dass wir von früh an mit Gott, mit uns selbst und mit unserem Nächsten hadern.

Frauen sind mit gemeint

Wer ist aber dieser „Bruder“, nach dem Gott fragt? Die erzählenden Teile des Buches Genesis enthalten viele „Bruder“-Geschichten – denken wir an Kain und Abel, an Jakob und Esau, an Josef und seine Brüder. Diese Erzählungen beziehen sich auf leibliche Brüder und ihre Auseinandersetzungen. Es gibt aber auch „Bruder“-Texte im Pentateuch – das sind die ersten fünf Bücher des Alten Testaments, die sogenannten fünf Bücher Mose, im Judentum „Tora“ oder „Weisung“ genannt –, in denen das Wort „Bruder“ in einem weiteren Sinn verstanden wird: Alle Israeliten sind einander „Brüder“. 

Zunächst können wir festhalten, dass im Wort „Bruder“ auch Frauen inkludiert sind. Deuteronomium 15,12 sagt deutlich: „Wenn dein Bruder, ein Hebräer – oder auch eine Hebräerin – sich dir verkauft …“ Es geht hier um Arme, die ihre Schulden abarbeiten müssen und dabei nicht hart behandelt werden dürfen.

Ferner lesen wir in Deuteronomium 15,7: „Wenn bei dir ein Armer lebt, irgendeiner deiner Brüder … dann sollst du nicht hartherzig sein und sollst deinem armen Bruder deine Hand nicht verschließen.“ Es gibt zahlreiche vergleichbare Abschnitte im Pentateuch (z. B. Lev 19,17-18; 25,25-55; Dtn 15,1-18; 24,10-15), in denen der wohlhabende Israelit ermahnt wird, dem armen „Bruder“ zu helfen. In anderen Textpassagen wiederum ist dieser Bruder nicht unbedingt ein Armer, sondern jemand, der aus anderen Gründen der Hilfe bedarf, etwa weil er etwas Kostbares verloren hat, das er nicht selbst wiederfinden kann, das aber von einem Mit-Israeliten aufgefunden und ihm zurückgegeben wird (vgl. Dtn 22,1-4). 

Dieser Bruder ist stets ein Mit-Israelit – jemand aus derselben Glaubensgemeinschaft, jemand, der auch an den Gott Israels glaubt. Der gemeinsame Glaube ist die Basis der untereinander zu leistenden Hilfe. Diese Art von „Bruder“-Sein setzt sich später im Neuen Testament fort, wenn innerhalb der Glaubensgemeinschaft von „Brüdern“ die Rede ist (vgl. etwa Mt 5,47; 12,47-49; 23,8; Apg 2,37; 6,3; 10,23b; Röm 1,13 u.v.m.).

Warum wählt die Bibel das Wort „Bruder“, um die Beziehung innerhalb der Glaubensgemeinschaft zu beschreiben, und nicht vielmehr „Nächster“, „Freund“, „Weggefährte“ oder „Volksgenosse“? Auch andere Völker kennen diese Wortwahl. So verwendeten beispielsweise einige Vertragstexte aus dem Kulturkreis der Hethiter (1400-1300 v. Chr.) den Bruderbegriff, um politische Verbindungen zwischen Königen zu verstärken. Auf ähnliche Weise benutzten neuassyrische Texte dieses Wort rund 700 Jahre später, ungefähr zur selben Zeit, als unsere Texte aus Levitikus und Deuteronomium aufgeschrieben wurden. Aber die Bibel denkt anders über Bruderschaft.

„Brüder“ sind einander nicht nur Hochrangige aus Adelskreisen. Nein, jeder Israelit, der glaubt, kann potentiell zum König werden. In Deuteronomium 17,14-20 heißt es, dass der ideale König in Israel einer dieser „Brüder“ – also einer aus dem Volk – sein soll (Vers 15). Seine Hauptaufgabe ist es, die Tora, die Weisung Gottes, jeden Tag zu studieren (Verse 18-19). Dadurch wird ihm stets bewusst sein, dass er „sein Herz nicht über seine Brüder erheben“ darf (Verse 20). Wie kann das Deuteronomium ein solch wagemutiges Projekt vorschlagen – dass einfach jeder potentiell König werden kann? 

Jeder Israelit enthält eine „Vorbildung“ dazu, indem jeder stets von Gott und über Gott lernen soll (Dtn 6,4-9) – eine gute Voraussetzung, um König zu sei. Dieser Text enthält das zentrale Glaubensbekenntnis Israels: „Höre Israel, der HERR, unser Gott, der HERR ist einzig“ (Vers 4). Und hier steht weiters geschrieben, dass die Familie eine Lerngemeinschaft sein soll: „Diese Worte … sollen auf deinem Herzen geschrieben stehen. Du sollst sie deinen Kindern wiederholen“ (Verse 6-7).

Wenn wir in Gemeinschaft mit Gott und daher in Gemeinschaft miteinander leben, können wir aus diesen Bibeltexten lernen, das schöne Wort „Bruder“ mit vertiefter Bedeutung auch innerhalb der Kirche auf die Lippen zu nehmen. – Dr. Johanna Friedl