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„Durch unsere Lieder heben wir Gott auf den Thron“

Die heilige Cäcilia ist bekannt als Nothelferin und seit dem Spätmittelalter auch als Patronin der Kirchenmusik. Rund um ihren Gedenktag am 22. November werden in vielen Pfarren die Gottesdienste von Kirchenchören besonders musikalisch gestaltet.

Die Kirchenchöre als „Laienchöre“, wie wir sie heute kennen, sind eine „jüngere Erscheinung“, weiß Mag. Johann Simon Kreuzpointner, Leiter des Kirchenmusikreferats der Diözese St. Pölten. Erst am Beginn des 19. Jahrhunderts entstanden diese allmählich in den Städten und Dörfern als so genannte „Bürgerchöre“. Sie waren ein Resultat aus dem Wunsch nach klassischen Orchestermessen, dem damals neu komponierten einfacheren geistlichen Liedgut, dem güns­tigeren Notendruck (Lithographie) und vor allem aus der Aufklärung und der josephinischen Ära mit ihren Res­triktionen gegen die Kirche.

Das Gesangsbuch Israels

Musiziert und gesungen wurde im Gottesdienst aber immer schon, stellt Kreuzpointner fest. Schon Jesus habe gesungen – „Nach dem Lobgesang gingen sie zum Ölberg hinaus“, Mt 26,30. Er war in der jüdischen Tradition zu Hause und diese ist stark von Musik geprägt. „Man kann sagen, dass die Psalmen des Alten Testaments das Gesangsbuch Israels waren“, so Kreuzpointner. Auch für die ersten Christen gehörte das Singen dazu, wie historische Schriften beweisen. Später waren es die Mönche, die gregorianische Choräle sangen. Und dann kamen auch bezahlte Sänger und Sängerknaben dazu, die in Klöstern und in den großen Kirchen zum Einsatz kamen.
Heute gibt es in vielen der 422 Pfarren der Diözese St. Pölten Kirchen-, Jugend- oder sogenannte Pro­jektchöre, die sich eigens für bestimmte Anlässe wie Hochzeiten oder Begräbnisse zusammenfinden. Eine genaue Anzahl der Kirchenchöre in der Diözese St. Pölten gibt es nicht. „Aber wir wissen“, sagt Johann Simon Kreuzpointner, „dass wir 451 Chorleiter haben“. Für sie, ihre Chöre und Organisten werden vom Kirchenmusikreferat regelmäßig Fort- und Weiterbildungen angeboten.

Freude am Singen und an der Gemeinschaft

Viele unserer Kirchenchöre gestalten rund um den Gedenktag der heiligen Cäcilia am 22. November musikalisch den Gottesdienst. Und viele von ihnen sind gerade im Advent bzw. zu den christlichen Hochfesten im Einsatz. So auch der Kirchenchor der Pfarre Haf­nerbach, der seit 1972 von Walter Oezelt geleitet wird. Rund 15 Mal jährlich tritt der Chor in der Kirche zu den verschiedensten Anlässen auf. „Geprobt wird einmal wöchentlich“, sagt der Chorleiter, der von frühster Kindheit an musikalisch geprägt ist – als Kind sang Oezelt bei den Wiener Sängerknaben mit und später war er 20 Jahre Mitglied des St. Pöltner Domchors. Zum Mitsingen brauche es einfach die Freude am gemeinsamen Musizieren und an der Gemeinschaft, aber auch das Können, betont der Chorleiter. Das sagt auch Mag. Anita Auer, die seit 30 Jahren „Cantores Dei“ in Allhartsberg leitet. „Der Chor ist eine Gemeinschaft, die bestärkend ist. Und Singen ist wie eine Befreiung“, verweist sie auf die vielen positiven Effekte des Singens. Auch Manuela Schürr, die den Kirchenchor der Stadtpfarre Zwettl seit acht Jahren leitet, spricht von der „belebenden Wirkung des Gesangs, der gemeinsamen Liebe zur Musik und der schönen Gemeinschaft“.

Gesellschaftliche Funktion

Mag. Christoph Maaß, der im Kirchenmusikreferat der Diözese für alle kirchenmusikalischen Belange der Region nördlich der Donau zuständig ist und den Kirchenchor der Pfarre Gmünd-Neustadt leitet, sieht den Kirchenchor als eine wichtige Einrichtung: „Es gibt heute kaum noch Orte, wo Menschen miteinander singen, insofern erfüllt der Kirchenchor auch eine wichtige gesellschaftliche Funktion.“ Denn unbestritten sei, dass das gemeinsame Singen und Musizieren die Gemeinschaft fördert, dem Körper und der Seele gut tut, sagt Maaß.

Eine Herausforderung, mit der heute viele (Kirchen-)Chöre konfrontiert sind, ist das fehlende Interesse vor allem von Männern und Jugendlichen am Mitsingen. Nach einer Erhebung von Prof. Kunibert Schäfer von der Hochschule für katholische Kirchenmusik und Musikpädagogik in Regensburg sind 72 Prozent der Mitglieder Frauen und der Altersdurchschnitt liegt bei 56 Jahren. Schäfer arbeitete in Deutschland an einem Forschungsprojekt über vorbildliche Kirchenchöre. In seiner Umfrage kam er zu Daten, die wohl auch auf die österreichische Situation umgelegt werden können: 72 Prozent der SängerInnen üben auch zu Hause, die meisten sind mindestens 20 Jahre Chormitglied und 47 Prozent spielen auch ein Instrument.

Die Grundlage für einen „guten Kirchenchor“ ortet Schäfer nicht nur darin, dass die Mitglieder ihre Talente einbringen dürfen, sondern u. a. auch darin, dass die Chorleiterin bzw. der Chorleiter eine gute Ausbildung hat. Eines aber, so Schäfer im Gespräch mit „Kirche bunt“, hatten alle „guten Kirchenchöre“ gemeinsam: „Zwischen Chorleiter und Pfarrer gibt es ein gutes Einverständnis.“ Dabei gehe es um ein „wertschätzendes Umfeld“ für den Chor. Schäfer: „Das bedeutet z. B., dass der Chor einen guten Ort zum Proben hat und auch etwas Geld zur Verfügung gestellt bekommt, damit etwa wieder einmal neue Noten angekauft werden können.“ Einen guten Chor mache aber auch eine aktive „Jugendarbeit“ aus. „Da kann man vieles veranstalten, wie z. B. offenes Singen oder sonst welche Aktionen, das wichtigste aber ist die persönliche Ansprache, dass man eben auf die jungen Leute zugeht und sie einfach fragt, ob sie mitsingen wollen.“

Musik, die Tiefe hat

Auch er selbst singt in einem Kirchenchor mit, sagt Schäfer, und wolle weder sein Engagement noch die Kirchenchöre in den Pfarren missen: „Das ist Musik, die Tiefe hat – durch unsere Lieder heben wir Gott auf den Thron.“ Ein Kirchenchormitglied drückte es einmal so aus: „Bei manchen Liedern geht es mir heiß und kalt den Rücken rauf und runter. Ich fühle das Leben und fühle: So will es Gott haben: Dass ich ihn spüre und erlebe, Gott, du bist da.“   

Sonja Planitzer