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„Die Mondlandung war ein Ausdruck des Menschseins“

Vor 50 Jahren, am 21. Juli 1969, betraten mit Neil Armstrong und Edwin Eugene „Buzz“ Aldrin die ersten Menschen den Mond. Worin die religiösen Aspekte dieses Ereignisses zu suchen sind, wie sie unser Denken verändert haben und warum man Gott im Weltall zwar nicht sehen, aber trotzdem etwas über ihn erfahren kann, erklärt Bruder Guy Consolmagno im Interview. Der US-amerikanische Jesuit ist seit 2015 Direktor der Vatikanischen Sternwarte.

Als die Landefähre „Eagle“ 1969 die Mondoberfläche erreicht hatte, bat Astronaut Buzz Aldrin über Funk um einen Augenblick der Stille: Man möge die Ereignisse überdenken und dafür danken, sagte er. Wofür können wir 50 Jahre später noch dankbar sein?

Bruder Guy Consolmagno: Heute wie damals ist die Mondlandung ein wichtiges Symbol dafür, was die Menschheit erreichen kann, wenn sie ihre kleinlichen Egos beiseite lässt und zusammenarbeitet. Die wirklichen Errungenschaften der Apollo-Missionen waren weniger technischer oder wissenschaftlicher Natur. Es mussten keine neuen wissenschaftlichen Grundlagen entdeckt werden, um eine größere Rakete zu bauen. Es waren vielmehr „politische“ Errungenschaften im besten Sinn des Wortes. Eine halbe Million Techniker und Zuarbeiter haben ein Ziel verfolgt, bei dem es zunächst nicht um direkten  Zugewinn an Geld oder Macht ging. Vielmehr wurden jene Träume angesprochen, die uns von den anderen Lebewesen dieser Erde unterscheiden: unser Streben nach Entdeckungen, Kenntniserwerb, Abenteuer und die Weitergabe von Wissen.

In der erwähnten Stille nahm Aldrin, ein gläubiger Presbyterianer, am Mond die Kommunion in Form von Brot und Wein zu sich. Ein gutes halbes Jahr zuvor hatte die Crew von Apollo 8 zu Weihnachten den Beginn der biblischen Schöpfungsgeschichte per Funk vorgelesen. Hatte das Mondprogramm einen religiösen Aspekt?

Consolmagno: Dass wir zum Mond gereist sind, hatte sicher eine religiöse Seite, auch wenn das nichts mit einer bestimmten Religionsgemeinschaft zu tun hat. Warum tun wir Menschen mehr, als uns selbst warm und satt zu halten? Weil wir einen Hunger nach etwas haben, das nichts mit dem Bauch zu tun hat. Der Mensch lebt nicht von Brot allein, heißt es in der Bibel. Dieser Hunger ist real und wichtig. Er treibt uns zu den wundervollsten (aber auch schrecklichsten) Dingen an, die wir in unserem Leben tun. Aus diesem Antrieb heraus entstehen großartige Musikstücke und Kunstwerke. Die Mondlandung muss genauso als Triumph der Kunst wie als Leistung der Technik gesehen werden. Sie ist ein allgemein verständlicher Ausdruck dessen, was es heißt, Mensch zu sein. 

Der Astronaut Bill Anders (Apollo 8) schoss das berühmte Bild von der aufgehenden Erde. Jahre später sinnierte er darüber: „Wir machten uns auf, um den Mond zu erforschen, doch was wir entdeckten, war die Erde.“ Inwieweit hat das Mondprogramm unser Denken verändert? 

Consolmagno: Es heißt ja, ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Das angesprochene Foto sagt sicher mehr als jeder Vortrag darüber, wie klein, kostbar und schön unser Planet verglichen mit dem Rest des Weltalls ist. Ich habe die Zeit seit damals miterlebt und kann bezeugen, dass dieses Bild die öffentliche Meinung zur Bewahrung dieser Erde völlig verändert hat. Dazu gehören auch Umweltschutzgesetze und die Entstehung von Umweltschutzministerien weltweit. 

Die Sowjetunion hat ihr Raumfahrtprogramm zur atheistischen Propaganda gebraucht, nach dem Motto: Wir haben im Weltall keinen Gott gesehen. Wie sollte ein Christ auf so etwas reagieren?

Consolmagno: Im Grunde hatten die Sowjets absolut recht: Ein „Gott“, den man an einem Ort im Weltall sehen und finden könnte, oder ein „Gott“, den ich brauche, um dieses oder jenes Stück Natur zu erklären, wäre ein „Naturgott“. Das wäre nicht der übernatürliche Gott, an den wir Christen glauben.

Wenn man Gott nicht sehen kann, wozu betreibt der Vatikan dann eine Sternwarte?

Consolmagno: Warum betreibt überhaupt jemand eine Sternwarte? Letztlich, um wie bereits besprochen die Seelen der Menschen zu nähren. Astronomie ist eine großartige Methode, uns daran zu erinnern, dass es da draußen ein Universum gibt, dass so viel größer ist als unser Alltag. Natürlich gibt es auch praktische Gründe für eine Sternwarte: Vor hundert Jahren war es ein Zeichen der Unabhängigkeit des Vatikan von Italien, dass man eigene Institutionen hatte. Die Sternwarte zeigt uns auch, wie die Kirche die Wissenschaft unterstützt. Wir erinnern Nicht-Astronomen daran, dass glaubende Menschen immer schon eine wichtige Rolle in der Wissenschaft spielen. Und wir erinnern die gläubigen Menschen in der Forschung daran, dass sie nicht alleine sind.

Der wichtigste Grund für die vatikanische Sternwarte ist für mich aber, Gott besser kennenzulernen über das, was er erschaffen hat. Ein weiser Mathematiker hat einmal gesagt, man verstehe Mathematik nie völlig, aber man wird mit ihr vertraut. So ist es doch mit vielen Dingen, die wir lieben: Wir sehen in unseren Freunden und Angehörigen ja keine zu lösenden Aufgaben, sondern Menschen, mit denen wir zusammen sein wollen. So empfinde ich es auch, wenn ich Gott im Universum kennenlernen will.

Als Wissenschaftler sammeln Sie Weltall-Daten. Was können wir insgesamt daraus lernen?

Consolmagno: Wenn Sie „insgesamt“ sagen, dann werden Sie kaum auf die lange Liste unserer wissenschaftlichen Veröffentlichungen abzielen, die man unter www.vaticanobservatory.va finden kann. Aber wir haben ja schon davon gesprochen, dass man Gott besser kennenlernen kann, wenn man das Universum studiert: Einmal davon abgesehen, dass dieses Universum, wirklich sehr, sehr groß ist – und sein Schöpfer noch viel größer –, habe ich gelernt, wie Gott es liebt, Dinge elegant zu machen. Ich meine Dinge, die eine sehr logische Struktur aufweisen, oft auf ganz simplen Prinzipien beruhen und zudem sehr schön funktionieren. Natürlich würde ein Universum ohne Logik nicht gut funktionieren, aber dass diese Logik auch noch schön ist, ist ein unerwartetes Geschenk. Das zeigt sich in der Forschung zum Beispiel dann, wenn es mehrere Erklärungsversuche gibt. Oft ist der eleganteste Erklärungsversuch, also eine Erklärung, die einem sprichwörtlich die Sprache raubt, am nächsten bei der Wahrheit. Gottes Zugang zu den Dingen ist viel geschickter als unsere Erklärungsversuche. Deshalb macht Wissenschaft Freude – und Freude ist für mich ein Zeichen für die Anwesenheit Gottes.

Der Mensch gilt als „Krone der Schöpfung“. Wäre es ein religiöser Schock, wenn es irgendwo im Weltall mit uns vergleichbares Leben gäbe?

Consolmagno: Sie spielen auf die Gottes­ebenbildlichkeit des Menschen an (z. B. Gen 1,26–27). Aber was ist damit gemeint? Sicher nicht das Aussehen unseres Körpers, das ja auch so verschieden sein kann. Mittelalterliche Theologen wie Thomas von Aquin sahen das Ebenbild Gottes in jenem Teil des Menschen, der uns von den anderen Lebewesen unterscheidet: im Verstand und im freien Willen. Wenn also ein Wesen sich seiner selbst und seiner Umwelt bewusst wäre; wenn es frei zwischen Liebe und Hass entscheiden könnte; wenn es fähig wäre, nach der Existenz Gottes zu fragen und nach ihm zu suchen; wenn es die Freiheit hätte, sich Gott zuzuwenden oder nicht – dann wäre das Wesen laut Definition ein Ebenbild Gottes. Und es käme nicht darauf an, wieviele Tentakel es hätte. Solche Lebewesen wären für uns keine Aliens (Außerirdische, wörtlich übersetzt: Fremdlinge), sondern Geschwister.

Der Astronom Johannes Kepler (1571–1630) hat sinngemäß geschrieben: „Die Himmelsbewegungen sind nichts anderes als fortwährende himmlische Musik, mit dem Verstand, nicht mit dem Ohr wahrnehmbar.“ „Hören“ Sie dieser Musik zu?

Consolmagno: Kepler zitierte mittelalterliche Gelehrte, die annahmen, dass die Planetenbahnen sich zueinander wie Töne in den Harmonien abendländischer Musik verhalten. Wir wissen heute, dass Planetenbahnen und Musik komplizierter aufgebaut sind. Freilich: Da wie dort finden wir Freude. Ich sehe die von Gott geschenkte Freude in der Musik, die ich liebe (auch wenn ich ein schlechter Musiker bin), und in der wissenschaftlichen Arbeit, die ich zu leisten vermag. Und ich hoffe, dass meine Arbeit auch jenen Freude vermittelt, die daran zwar selbst nicht mitwirken können, aber sehen, was Astronomen ans Licht bringen. - Interview: Heinz Niederleitner