Der Heilige Geist – Gottes unbekanntes Antlitz

Pfingsten gehört – neben Ostern und Weihnachten – zu den großen Festen des kirchlichen Festjahres. Die mit der Sendung des Heiligen Geistes verbundene Kraft des Aufbruchs sollten sich alle Getauften und Gefirmten stets neu vergegenwärtigen.

Weihnachten und Ostern sind die Hauptfeste der Christen. Selbst Kirchenferne feiern die Geburt Jesu. Dass Ostern die Feier von Tod und Auferstehung Jesu und das christliche Hauptfest ist, scheint nicht mehr ganz so selbstverständlich zu sein. Und erst recht Pfingsten – wie jüngst eine Umfrage ergab, hat mehr als die Hälfte der Bevölkerung keine Ahnung, worum es da geht.

Der Heilige Geist kommt im Alltag und Glaubensleben vieler Christen tatsächlich eher stiefmütterlich vor. Im „apostolischen“ Glaubensbekenntnis steht gerade einmal eine kurze Zeile über ihn: „Ich glaube an den Heiligen Geist.“ Zu Gott, dem Vater, und Jesus, der als Mensch unter uns gelebt hat, können wir beten, ähnlich wie zu Maria und zu den Heiligen. Aber zum Heiligen Geist? Oft wird um den Heiligen Geist gebetet. Und doch gibt es auch das ausdrückliche und inständige Beten zum Heiligen Geist wie in der Pfingstsequenz, hier in der bekannten Übersetzung von Heinrich Bone (1847): „Komm, o Geist der Heiligkeit! Aus des Himmels Herrlichkeit sende deines Lichtes Strahl!“ Auf Rabanus Maurus, der im neunten Jahrhundert Abt des Klosters Fulda war, geht der Hymnus „Veni Creator Spiritus“ zurück, ein Stoßgebet zum Heiligen Geist, das als flammendes Kirchenlied überliefert ist: „Komm, Schöpfer Geist, kehr bei uns ein, besuch das Herz der Kinder dein“ (GL 351).

„Geistvergessenheit“ in der Kirche

Eine „Geistvergessenheit“, wie sie von manchen Theologen diagnostiziert wird, ist auch im Erscheinungsbild der Kirche sichtbar, insbesondere in einem Beklagen vergangener Zeiten, einem religiösen Egozentrismus und einem Mangel an missionarischem Elan. Der Heilige Geist ist tatsächlich kein Bewahrer des Gestrigen. Er ist in Menschen am Werk wie Johannes XXIII., der mit dem „Aggiornamento“ die Fenster weit öffnen wollte, um die Kirche für ihren Dienst an der Welt von heute bereit zu machen.

Das Sprachenwunder von Pfingsten, das als Geburtsstunde der Kirche gilt, ist ja ein Gegenentwurf zur babylonischen Sprachenverwirrung. Gott verhinderte damit, dass die Menschen ihr Werk vollenden konnten und ihm so ebenbürtig geworden wären. Pfingsten überwindet also diesen Bann und macht es den Menschen möglich, unmittelbar Gott zu begegnen – als Folge der Auferstehung Jesu.

Die Wiener Pastoraltheologin Regina Polak interpretiert dieses Ereignis so: „Aus eigener Kraft ist keine Krise zu lösen. Jesus kommt zu den Jüngern und schenkt ihnen seinen Geist. Der Geist ist es, der wieder lebendig machen kann. Der Geist – das ist: Beziehung, Vertrauen, Liebe zu Gott. (…) Der Geist lehrt uns, in fremden Sprachen sprechen zu lernen. Das ist heute die größte Herausforderung: Die Sprache der Anderen verstehen und sprechen lernen. Unsere eigene Botschaft in Wort und Tat im Horizont der Anderen leben. So ‚geschieht‘ Kirche – und kann eine neue Form bekommen.“

Gottes Geist in der Bibel

Gottes Geist ist vor der Schöpfung gegenwärtig; der Geist (hebr. ruach = Windhauch) des Herrn schwebte über der Urflut (Gen 1,2). Der Heilige Geist gehört zur ungeschaffenen, göttlichen Welt. Durch seinen Geist wirkt Gott in die Welt hinein, führt er sein Volk, erweckt er Propheten, die Gottes Wort verkünden.

Auch im Neuen Testament wirkt der Heilige Geist auf vielfältige Weise. Maria empfängt durch ihn Jesus und wird so zur jungfräulichen Mutter des Erlösers. In den „Abschiedsreden“ des Johannesevangeliums (Joh 14-16) spricht Jesus vom „Geist der Wahrheit“, vom „Parakleten“. Dieses griechische Wort bezeichnet einen, der herbeigerufen wird. So nennen wir den Heiligen Geist Helfer, Tröster, Beistand, Anwalt.

Nach seiner Auferstehung sagt Jesus zu den Aposteln: „Empfangt den Heiligen Geist.“ Nach dem Verständnis des Evangelisten Johannes ist er die Gabe des Vaters für die Kirche. Pfingsten als der „50. Tag“ ist eng mit Ostern verbunden. Man kann Pfingsten deshalb auch als Vollendung der Auferstehung sehen. Der Heilige Geist schenkt uns die Gegenwart des erhöh­ten Herrn. In ihm und durch ihn ist der Auferstandene bei uns bis zum Ende der Zeit (vgl. Mt 28,20).

Die Mission des Apostels Paulus ist – wie die gesamte Verkündigung des Glaubens in der Apostelgeschichte – ein Werk des Heiligen Geistes. In einzigartiger Weise erfuhr die Gemeinde in Korinth die Wirksamkeit des Heiligen Geistes durch Gnadengaben (Charismen). Ziel dieser Gaben ist die Einheit als lebendige Gemeinschaft der Erlösten miteinander und mit Gott. In den Briefen des Apostels Paulus setzt auch ein vertieftes Nachdenken über den Heiligen Geist als dritte göttliche Person ein. So heißt es in 2 Kor 3,17: „Der Herr aber ist der Geist.“

Brauchen wir den Heiligen Geist?

Der Heilige Geist ist bis heute das innerste Wirkprinzip der Kirche. Jeder Getaufte empfängt ihn; die Firmung ist – in der abendländischen Kirche historisch bedingt – eine erneute und bewusst vollzogene Begabung mit dem Heiligen Geist. Wir könnten auch die heilige Messe nicht feiern ohne den Heiligen Geist. Das Hochgebet der Messfeier ist eine große „Epiklese“, eine Bitte um den Heiligen Geist, dass er auf die Gaben von Brot und Wein herabkomme, damit sie Leib und Blut Christi werden.

Sturm und Feuer sind keine zahmen, statischen Elemente, die der Mensch so leicht in den Griff bekommen könnte. Als Zeichen für den Heiligen Geist stehen sie für eine Kraft, die auch heute in der Kirche und in jedem Gläubigen wirksam ist, die bewegt und verbindet. Erfüllt vom Heiligen Geist ist es auch den Christen von heute aufgetragen, die Botschaft Jesu weiterzugeben – „bis an die Enden der Erde“. Schlager