Kirche bunt ABO

Banner Kirche Bunt

 
 

„Caritas – ein Ort der Kirche, wo mein Glaube wächst…“

Seit 1. Oktober letzten Jahres ist die ehemalige Leiterin des Pastoralamts der Erzdiözese Wien, Dr. Veronika Prüller-Jagenteufel, theologische Referentin in der Caritas der Diözese St. Pölten und arbeitet als Seelsorgerin im Haus St. Elisabeth, dem Pflegeheim der Caritas. Mit „Kirche bunt“ sprach die Theologin über ihre Arbeit in der Erzdiözese Wien, ihre neuen Aufgaben in der Diözese St. Pölten, ihre Ziele, das Älterwerden und den Tod. 

Sie sind in St. Pölten aufgewachsen. Kehren Sie zurück zu Ihren Wurzeln?

Veronika Prüller-Jagenteufel: Ja, hier bei der Caritas in St. Pölten zu arbeiten, ist für mich wie ein Heimkommen. Mein Vater war der ers­te Direktor des St. Pöltner Bildungshauses St. Hippolyt (1961-1989) und meine Mutter hat zwischen 1975 bis 1992 als Redakteurin von „Kirche bunt“ gearbeitet. Für uns Kinder war das Hippolythaus wie ein großer Spielplatz. Damals war ja der Hippolytsaal ein Turnsaal, der auch von Schulen genutzt wurde – und auch wir durften uns dort austoben. Meinen Eltern war eine gute, religiöse Familienkultur ganz wichtig und wir – meine Geschwister und ich – leben viele dieser Rituale heute noch. In dieser Familienkultur ist meine Berufung zur Theologie und zur Seelsorge entstanden.

Sie waren Direktorin des Wiener Pastoralamtes. Warum hat es Sie wieder nach Niederösterreich gezogen?

Prüller-Jagenteufel: Es gab nicht einen einzelnen Grund, da haben mehrere Dinge zusammengespielt. Ich habe in den vergangenen Jahren immer mehr Zeit im Haus meiner Eltern in Wang im Bezirk Scheibbs verbracht. Dabei habe ich das Landleben, die sehr nette Nachbarschaft, die Natur, die Stille mehr und mehr lieben gelernt. Das hat sich in der Zeit, nachdem meine Mutter gestorben war und mein Vater immer pflegebedürftiger wurde, noch intensiviert. Ein anderer Auslöser war der Tod meines Kollegen Sepp Winklmayr, des damaligen Direktors der Pas­toralen Dienste der Diözese St. Pölten. Da wurde mir nicht nur die Endlichkeit des Lebens bewusst; bei der Trauerfeier im Dom habe ich auch gespürt: Hier sind meine Wurzeln, da komme ich her, da kenne ich so viele Menschen. Ich habe Heimweh bekommen. Und noch ein anderer Strang war, dass ich nach fast acht Jahren in der Leitung des Pas­toralamtes in der Erzdiözese Wien das Gefühl hatte, dass ich meinen Beitrag geleistet habe. Als dann das Angebot von Caritasdirektor Hannes Ziselsberger kam, habe ich das als neuen Ruf gehört. Ich wollte auch einfach zurück von der strategischen Arbeit und dem Management in den seelsorglichen Bereich – und ich wollte wieder in den Sozialbereich. Mir war die Option für die Armen immer ein zentraler Bestandteil meines Glaubens.

Sie haben in der Erzdiözese Wien den Diözesanen Entwicklungsprozess mit initiiert, der u. a. auch die Pfarrstrukturen verändert. Sind Sie zufrieden mit dem, was Sie dabei bewirken konnten? 

Prüller-Jagenteufel: Der Reformprozess war notwendig! Unsere Grundintention war, angesichts der gesellschaftlichen Veränderungen und Herausforderungen neu zu fragen, wo wir als Kirche stehen und wo wir hin wollen. Es ging darum, uns neu auf den Auftrag Jesu Christi zu besinnen und klarer zu fassen, wie wir den heute am besten leben können. Wir wollten den Menschen mehr Mut machen, in starker Eigenverantwortung miteinander ihren Glauben zu leben. Dafür haben wir u. a. begonnen, Strukturen umzubauen. Da ist einiges in Bewegung gekommen, manches Neue möglich geworden und insgesamt ist der Prozess gut unterwegs. Natürlich gibt es noch viel zu tun – Kirche muss sich immer wieder weiterentwickeln, um ihrer Sendung auf der Höhe der Zeit gerecht zu werden. 

Ist der Weg der Erzdiözese Wien auch für die Diözese St. Pölten gangbar?

Prüller-Jagenteufel: Ich denke, dass sich für die Diözesen im deutschen Sprachraum dieselben Grundfragen stellen: Wie lebt Kirche missionarisch – also auf diejenigen ausgerichtet, die noch nicht oder nicht mehr dazugehören? Wie lebt sie diakonisch – ganz im Dienst an allen Menschen? Und strukturell: Wie schaut die Zukunft des Gemeindelebens aus? Was ist in Zukunft eine Pfarre? Wer leitet was? Wie ändert sich womöglich das kirchliche Amt? Meine Erfahrung in Wien hat gezeigt, dass es wichtig ist, strategisch vorzugehen und gut zu überlegen, was man will und wie man das erreichen kann. Wichtig ist, dass der Weg jedenfalls mit Klarheit gegangen wird – sodass die Menschen wissen, wonach sie sich ausrichten können.

Welche Aufgaben erwarten Sie nun in der Caritas der Diözese St. Pölten?

Prüller-Jagenteufel: Ich habe hier zwei Aufgabenbereiche. Zum einem ist das die neu eingerichtete Stelle der theologischen Referentin in der Caritas. Bis Anfang 2017 hat Prälat Franz Schrittwieser als Geistlicher Assis­tent in der Caritas gewirkt und ich treffe jetzt an vielen Stellen auf seine Spuren und höre, wie sehr ihn die Menschen geschätzt haben und wie sehr er die Caritas geprägt hat. Ich versuche viele seiner Fäden aufzunehmen und seel­sorgliche Angebote für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Caritas zu machen. Ich stehe für alle Fragen rund um Spiritualität, Religion und Kirche zur Verfügung. Das geht von ethischen Fragen, die sich etwa in der Pflege oder in der Begleitung von Menschen mit Beeinträchtigungen stellen, bis hin zum Vorbereiten und Leiten von Gottesdiensten.  

Und dann sind Sie auch Seelsorgerin im Haus St. Elisabeth in St. Pölten.

Prüller-Jagenteufel: Wir haben dort rund 130 Bewohnerinnen und Bewohner, für die ich als direkte seelsorgliche Begleitung da bin. Ich arbeite sehr gerne mit älteren Menschen und mit Menschen, die an Demenz erkrankt sind, denn ich habe eine große Ehrfurcht vor ihrer Lebensleistung. Ich finde, wir sind als Gesellschaft diesen Menschen etwas schuldig. Wir werden als Gesellschaft immer unbarmherziger und härter und wir können an diesen Menschen sehen, wie notwendig und heilsam ein wohlwollender, barmherziger und liebevoller Umgang ist. Gerade Menschen mit Demenz „funktionieren“ primär auf der Herz-Ebene. In unserer oft sehr verkopften Lebensweise tut es uns allen gut, der Kommunikation von Herz zu Herz mehr Gewicht zu geben. Natürlich gibt es auch ältere Menschen, die schwierig oder aggressiv sind und die verhärten – bei vielen kommen die harten Erlebnisse ihres Lebens nochmals zum Vorschein. Sie dabei zu begleiten und einfach für sie da zu sein – auch in ihrer Verzweiflung, dass vieles nicht mehr geht oder dass viele Fähigkeiten nicht mehr da sind –, das erlebe ich als bereichernd.

Bereitet man sich damit auf das eigene Alter und Sterben vor?

Prüller-Jagenteufel: Wie das Leben ist auch das Älterwerden und der Tod etwas sehr Individuelles. Da gibt es keine Patentrezepte, wo ich sagen könnte, wenn ich das alles abgehakt habe, mache ich es richtig. Wir leben leider in einer Gesellschaft, in der Alter, Krankheit und Tod an den Rand geschoben werden. Es ist aber wichtig, sich der Frage zu stellen, wie man bewusst auf das Alter und das Sterben zugehen kann, und sich rechtzeitig zu fragen, was man jetzt schon anders gestalten möchte. Eines der wichtigsten Dinge überhaupt, ist es zu lernen, um Hilfe zu bitten und diese anzunehmen. Natürlich will jeder so lange wie möglich eigenständig und selbstmächtig sein, aber trotzdem ist es wichtig, sich frühzeitig klar zu machen: Mein Wert hängt nicht davon ab, was ich leiste! Dafür braucht es aber Beziehungen, die das widerspiegeln. Und das gilt nicht nur für Hochaltrige, denn wir alle sind hilfsbedürftig, keiner von uns kann allein leben, niemand genügt sich selber. 

Ältere Menschen hadern oftmals gerade mit diesem „Nichts-mehr-leisten-können“ und sagen schon einmal ,,Ich bin zu nichts mehr wert“? Was sagen Sie, wenn Sie das hören?

Prüller-Jagenteufel: Es ist wichtig, dass man versteht, dass es für viele schwer ist, wenn sie nicht mehr viel leisten können. Da ist es wichtig zu sagen: Es ist (trotzdem) schön, dass Du da bist! Ich glaube, dass kein Mensch so bedürftig ist, dass er nicht auch etwas gibt. Es ist z. B. schön, wenn ältere Menschen aus ihrem Leben erzählen oder wenn sie für andere beten – da tut man ja noch immer sehr viel. Insgesamt müssen wir als Gesellschaft lernen, dass es viel schöner ist, wenn man gemeinsam etwas macht. Das Leben wird viel schöner und reicher, wenn wir Hand in Hand arbeiten, anstatt immer zu versuchen, alles allein zu schaffen.

Haben Sie sich für Ihre Arbeit bei der Caritas ein Ziel gesetzt?

Prüller-Jagenteufel: Caritas steht auf der Grundlage des christlichen Glaubens und legt auf ihre Art Zeugnis ab von Jesus Christus – das geschieht ja im konkreten Dienst am Nächsten ebenso wie in der Verkündigung. Mir geht es um die Frage: Woran merken die Menschen, die bei uns arbeiten, und woran merken Menschen, die uns anvertraut sind, dass Caritas mit der befreienden Botschaft Jesu zu tun hat und die Werte des Evangeliums lebt? Für mich wäre es schön, wenn Menschen sagen: Ich erlebe Caritas als einen guten Ort von Kirche, an dem auch mein Glaube wächst.

Wie haben Sie es als Frau erlebt, eine leitende Position in der Kirche zu haben?

Prüller-Jagenteufel: Chancenreich und schwierig zugleich. Viele Frauen haben mir rückgemeldet, wie wichtig es für sie ist, dass es Frauen auf dieser Ebene in der Kirche gibt. Ich habe auch von vielen männlichen Kollegen, von Priestern, gehört: Es ist gut, dass du da bist. Zugleich ist die Kirche schon eine sehr männlich-klerikal geprägte Organisation, in der ich auch befremdliche Momente erlebt habe, einmal auch offenen Sexismus.  Grundsätzlich ist es total wichtig, dass Frauen in der Kirche leitende Positionen einnehmen. Diese Buntheit macht die Kirche reicher, kreativer, innovativer und menschlicher! Und deshalb meine ich: In kirchliche Gremien gehören Männer, Frauen, Kleriker, Laien, Alt und Jung, Österreicher/innen und Leute aus anderen Ländern. Mit den Herausforderungen gehen wir besser um, wenn wir sie aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten.  In der Kirche brauchen wir dringend mehr Maßnahmen für die Förderung von Frauen. Denn manchmal gibt es womöglich einen Platz für eine Frau, und es ist keine da, die diese Aufgabe übernehmen kann oder will! Deswegen müssen wir schauen, dass es genug Frauen gibt, die bereit sind, und dass es Rahmenbedingungen gibt, die Frauen Lust machen, in der Kirche auch leitend mitzumischen.

Interview: Sonja Planitzer

 

 

Zur Person

Dr. Veronika Prüller-Jagenteufel wurde 1965 in St. Pölten geboren und ist mit dem Wiener Moraltheologen Gunter Prüller-Jagenteufel verheiratet. Nach dem Theologiestudium war sie Assis­tentin am Institut für Pastoraltheologie und promovierte 2001. Von 1999 bis 2010 war sie Chef­redakteurin von „Diakonia – internationale Zeitschrift für die Praxis der Kirche“, daneben in der theologischen Erwachsenenbildung sowie in Geistlichen Begleitung tätig und im Rahmen der Caritas Socialis Seelsorgerin für Demenzkranke und in einem mobilen Palliativ-Team. Von 2011 bis zu ihrem Wechsel im Vorjahr nach St. Pölten leitete sie das Pastoralamt der Erzdiözese Wien und war in dieser Funktion maßgeblich an der Diözesanreform – dem diözesanen Erneuerungsprozess APG2.1, der die missionarische Grundausrichtung der 633 zur Erzdiözese Wien gehörenden Pfarren und die Eigenverantwortung aller Gläubigen stärken soll – beteiligt.