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„Bildungspolitik ist Zukunftspolitik“

Vor Beginn des neuen Schuljahres sprachen wir mit Dr. Astrid Ebenberger, Vizepräsidentin des Katholischen Familienverbandes (KFV), über Neuerungen im Schulbereich, Ethikunterricht, Schulnoten und die Bildungspolitik in Österreich.

Ein neues Schuljahr beginnt. Was kommt denn auf die Schüler, Lehrer und Eltern heuer zu?

Dr. Astrid Ebenberger: Es gibt doch wesentliche Änderungen, die im letztjährigen Pädagogikpaket beschlossen wurden und ab diesem Schuljahr greifen: bundesweit einheitliche Kriterien für die Schulreife; Wiedereinführung von Schulnoten in der Volksschule; die Umbenennung der Neuen Mittelschulen in Mittelschulen; es kommt die Möglichkeit der Rückkehr zu den Leistungsgruppen in der Mittelschule sowie die Rückkehr zur Notenskala ab der 2. Klasse; es gibt die Möglichkeit, schulautonom dauerhafte Leistungsgruppen einzurichten und es wird ein freiwilliges 10. Schuljahr an Polytechnischen Schulen angeboten.

Wie beurteilt der KFV diese Änderungen?

Ebenberger: Gemischt! Positiv sehen wir aus familienpolitischer Sicht, dass es einheitliche Herbstferien geben wird. Und bezüglich der Deutschförderklassen bin ich der Meinung, dass man sich da was getraut hat. Das ist eine gute Sache, denn damit die betroffenen Kinder wirklich dem Unterricht in der Unterrichtssprache rasch folgen können, brauchen sie einen gezielten Unterricht. Da muss aber die Unterrichtsqualität passen und die Größe der Klasse. Und es muss die Möglichkeit der Evaluierung geschaffen werden, damit das entsprechend reflektiert werden kann. 

Dass es für Kinder ab der 2. Volksschulklasse wieder Noten gibt, ist ein Rückschritt. Was ich mir wünsche: Wenn eine Note, dann zumindest mit einem verbalen Kommentar. Was ein Kind macht, kann ich nicht mit einer Ziffer ausdrücken. Ich kann damit nicht sagen, wie es sich entwickelt hat, in welchen Bereichen es Förderung braucht. Wir wollen doch unsere Kinder fördern und das geht nur mit einem guten Kommentar, der das Kind im Fokus hat. Die Rückkehr zu dauerhaften Leistungsgruppen halte ich für einen pädagogischen Rückschritt.

Es werden die ganztägigen Schulformen ausgebaut –  wie beurteilt der KFV diese Entwicklung?

Ebenberger: Wir sehen das kritisch. Für uns ist es wichtig, dass es Wahlfreiheit gibt. Eine Ganztagsschule als alleinige Option wäre nicht positiv. Wir vertreten ja alle Familien und wir kennen viele Familien, wo es nicht möglich ist, dass die Kinder nach der Schule nach Hause gehen können, ihr Essen bekommen und nachmittags begleitet werden – das ist eine optimale Form, die nur mehr wenige Familien abdecken können, das muss aber weiterhin möglich sein. Und da muss es etwas geben, wo die Kinder gut betreut und begleitet werden beim Lernen, aber als qualitätsvolle Option! 

Warum sieht es der KFV kritisch, dass für Volksschülerinnen das Kopftuch verboten werden soll?

Ebenberger: Das ist eine reine Symbolpolitik, denn es betrifft nur ganz wenige Kinder. Man sollte den Kontakt zu den Eltern suchen und eine Wertediskussion führen, aber nicht apodiktisch sagen: Das ist nicht erlaubt. Wenn wir eine offene Gesellschaft haben wollen, wenn wir Wahlfreiheit, Selbstverantwortung und Autonomie propagieren, dann müssen wir das auch zulassen. Ich glaube grundsätzlich nicht, dass Verbote etwas zum Positiven verändern, sondern dass sich eher Widerstand entwickelt. 

Es kommt auch der verpflichtende Ethikunterricht!

Ebenberger: Das war eine jahrelange Forderung von uns und wir sind froh, dass von der letzten Bundesregierung dieser Schritt gesetzt wurde. Für uns ist wesentlich, dass der Ethikunterricht nicht eine Konkurrenz zum Religionsunterricht ist, sondern für jene Kinder angeboten wird, die keinen Religionsunterricht besuchen. 

Dass private Vereine ganz aus dem Sexualkunde­unterricht verbannt werden sollen, sieht der KFV kritisch. Warum?

Ebenberger: Wir sagen: Primär sollte der Sexualkundeunterricht von den Lehrerinnen und Lehrern gemacht werden. Sexualpädagogik ist ein Unterrichtsprinzip, das stärker eingefordert werden muss. Wir finden, wenn Vereine an Schulen tätig werden, dann sollten sie verpflichtet werden, alle Schulungs- und Unterrichtsmaterialien offenzulegen und ihr Programm vorab im Rahmen eines Elternabends vorzustellen. Da vertrauen wir der verantwortungsvollen Nutzung der Entscheidungsautonomie der einzelnen Schulen mit den Schulpartnern. 

Umweltschutz beschäftigt auch Schüler sehr. Darf man für die Umwelt die Schule schwänzen?

Ebenberger: Zunächst ist es wirklich super, wenn Kindern und Jugendlichen die Umwelt ein Anliegen ist. Aber das muss ihnen auch etwas wert sein, nämlich so viel, dass sie dieses Anliegen auch am Freitagnachmittag, am Samstag oder in der freien Zeit zum Thema machen. Und dieses Umweltbewusstsein auch in der persönlichen Freizeit oder beim Festivalkonsum wirklich leben. Es geht darum, die Schöpfung wahrzunehmen und wertzuschätzen – und da gehört auch Verzicht dazu, und der tut manchmal weh.

Es gibt auch eine Digitalisierungsoffensive des Bildungsministeriums. Wie wichtig ist diese?

Ebenberger: Diese Digitaloffensive ist hoch an der Zeit, denn im internationalen Vergleich sind wir nicht die ersten. Ich bezweifle aber, dass es sinnvoll ist, in ganze Laptop-Klassen zu investieren. Wir haben ja eine Zeitlang in die Ausstattung von Computersälen investiert und als es dann darum ging, nachzurüsten, war kein Geld da. Man muss also überlegen, was macht Sinn, und man sollte auch über die Grenze hinausschauen. Ein funktionierendes W-LAN in allen Schulen wäre schon ein wichtiger erster Schritt.

Bildungspolitik in Österreich ist sehr parteipolitisch. Was ist dem KFV in der Bildungspolitik wichtig?

Ebenberger: Eine Grundlinie ist sicher die, dass wir sagen, dass Bildungspolitik eine überparteiliche Querschnittmaterie sein muss. Bildungspolitik ist Zukunftspolitik und sie muss verlässlich und stringent sein, sie kann sich nicht alle zwei Jahre drehen, nur weil sich die Regierung ändert. Was wir da machen, ist ein Verbrechen an unseren Kindern. Die Bildungspolitik muss das Kind im Auge haben. Und damit meine ich, dass man auch das Demokratiebewusstsein, die Autonomie des Menschen, die Selbstverantwortung, die Reflexions- und Kritikfähigkeit im Auge hat und natürlich auch seine soziale Kompetenz – das ist die Aufgabe der Bildungspolitik. Wir würden uns wirklich wünschen, dass die Bildungspolitik endlich etwas ist, was konsensual verhandelt wird. Wir fordern eine partei-,  kulturell und konfessionell übergreifende Bildungspolitik.– Interview: Sonja Planitzer