Beten mit Leib und Seele

Dem englischen Kardinal John Henry Newman wird das bekannte Wort zugeschrieben: „Das Gebet ist das Atemholen der Seele.“ Beten ist ein Grundvollzug des Einzelnen wie der christlichen Gemeinschaft. Im Beten kommt das Leben vor Gott zur Sprache.

Einer alten Katechismus-Definition zufolge heißt beten: das Herz zu Gott erheben und ihn um Gnaden bitten. Darin ist eine doppelte Bewegung enthalten: Der Mensch wendet sich Gott zu, aber mehr noch wendet Gott sich dem Menschen zu, ist der Mensch Empfänger der „guten Gaben“ Gottes.

Beten besteht keineswegs nur aus Wort­en. Beten als ein Zwiegespräch muss auch dem Hören auf Gott gebührenden Raum geben. Und: Beten ist kein rein geistiger Akt, es umfasst den ganzen Menschen. Verschiedene Formen der Meditation versuchen die Leiblichkeit ins Gebet hineinzunehmen, von der Körperhaltung bis hin zur Atmung. Dabei handelt es sich keineswegs um völlig neue Gebetsformen. In östlichen Kirchen ist die Tradition des Jesus-Gebets – die unentwegte Anrufung des Namens Jesu im Rhythmus des Atems – weit verbreitet. Das Rosenkranzgebet fügt die Anrufungen des Namens Jesu mit einem „Rosenkranzgeheimnis“ in ein Gesätzchen von zehn „Ave Maria“ ein.

Vom Ordensgründer Dominikus sind Gebetshaltungen überliefert, die ihn auf Buchillustrationen in Verbindung mit dem Kreuz zeigen: in tiefer Verneigung, auf die Erde ausgestreckt, stehend, mit erhobenen oder mit weit ausgestreckten Armen – und so dem gekreuzigten Christus ähnlich geworden. In mystischen Traditionen wird Gebet als Zwiesprache der Seele mit Gott gesehen. Teresa von Avila oder Johannes von Kreuz geben in ihren Schriften Einblick in diese „Schau Gottes“. Und doch ist auch für sie diese innige Gottes- oder Christusbeziehung in der Gemeinschaft der Kirche verwurzelt. Beide bemühten sich unter großen Anfeindungen bis hin zur Klosterhaft um eine Reform ihrer Ordensgemeinschaft und um ein dem Evangelium gemäßes Leben. Die besondere Gebetserfahrung drängte sie zum gelebten Engagement in ihrem konkreten kirchlichen Bereich.

Gebet der Kirche

Eine besondere Form des gemeinsamen Betens ist das Brevier- bzw. Stundengebet. Es gilt als das offizielle Gebet der Kirche. Die Christen haben nach jüdischem Vorbild schon sehr früh den Tagesablauf mit Gebeten geprägt. Morgenlob (Laudes) und Abendgebet (Vesper) wurden von der Gemeinde gefeiert.

Christliche Mönche in Ägypten rühmten sich, jeden Tag alle 150 Psalmen des Alten Testaments (den „Psalter“) zu beten. Maßgeblich war für sie das Apostelwort „Betet ohne Unterlass!“ (1 Thess 5,17). Die Ordensregel des heiligen Benedikt von Nursia ging moderater vor und verteilte die 150 Psalmen auf eine ganze Woche. Die Struktur der über den Tag verteilten Gebetszeiten ist in den Psalmen selbst grundgelegt: „Siebenmal am Tag singe ich dein Lob und nachts stehe ich 

auf, um dich zu preisen“ (vgl. Ps 119,62.164). Laudes und Vesper sind die Hauptgebetszeiten; die „kleinen Horen“ sind über den Tag verteilt (zur ersten, dritten, sechsten und neunten Stunde). Die Komplet beschließt den Tag. Die nächtliche Matutin ist eine Zeit des Wachens. Neben den Psalmen sind Hymnen, Fürbitten, das Vaterunser und Marienantiphonen weitere Elemente des Stundengebets.

Wer sich auf die Psalmen einlässt, kann darin die ganze Breite menschlichen Empfindens und der Sorgen des Lebens entdecken. Entsprechend reich ist auch die Bandbreite des Ausdrucks von Lob, Dank, Bitte, Fürbitte, Vergebung, Segen und – ja, auch Fluch und Rache. Letztere werden Gott anheim gestellt, denn ihm allein steht es zu, Recht zu sprechen und Gerechtigkeit aufzurichten.

Im Lauf der Zeit wurde das Stundengebet zum verpflichtenden Gebet für Kleriker, Mönche und Nonnen. Die Bezeichnung Brevier (von lat. brevis = kurz) rührt daher, dass Weltpriester eine gekürzte Form des klösterlichen Stundengebets beteten. Das Zweite Vatikanische Konzil betonte dessen Bedeutung als Gebet des gesamten Gottesvolkes und regte die Verwendung der Volkssprache sowie eine Vereinfachung der liturgischen Bücher an.

Über das Stundengebet hinaus gibt es eine große Vielfalt an Formen des gemeinsamen Betens, vom Rosenkranz vor der Sonntagsmesse über charismatische Gebetsgruppen bis hin zu den bei Jugendlichen beliebten Taizé-Gebeten.

Das Gebet Jesu

Was für das Stundengebet gilt, steht eigentlich über jedem christlichen Beten: Es ist ganz und gar biblisch inspiriert. Jesus hat selbst oft gebetet. Die Einsetzung der Eucharistie ist in ein großes Gebet eingebettet (Joh 13 - 17). Am Beispiel zweier Menschen, die zum Gebet in den Tempel kommen – einer ist ein „frommer“ Pharisäer, der andere ein „sündiger“ Zöllner – zeigt Jesus auf, dass der Mensch Gott nichts vormachen kann, schon gar nicht im Gebet (Lk 18,9-14). Und auf die Bitte „Herr, lehre uns beten“ (vgl. Lk 11,1-4; Mt 6,9-13) hin schenkt Jesus uns den größten Gebetsschatz: das Vaterunser. schl-

 

 

Von „Ave Maria“ bis „Zettel“


Stichworte zum Thema „Beten“ quer durchs Alpha­bet – ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Ave Maria: Das „Gegrüßet seist du, Maria“ ist der Beginn und der Name eines Grundgebetes zur Muttergottes. Nach biblischer Überlieferung war dies die Begrüßung des Engels Gabriel bei der Verkündigung der Geburt Jesu.
Brevier: Das „Stundenbuch“ enthält die Texte zur Feier des Stundengebets. Handliche Kleinausgaben können Priester und Ordensleute unterwegs mitführen.
Engel des Herrn: Der „Angelus“, ein christliches Grundgebet, wird traditionell dreimal täglich gebetet. Der Name kommt von den Anfangsworten: „Der Engel des Herrn brachte Maria die Botschaft…“
Fürbitte: Ein Gebet, das für jemand anderen vor Gott getragen wird. Es kann sowohl still und persönlich als auch gemeinsam in der Gemeinde/im Gottesdienst gebetet werden, vorformuliert oder in freier Form. Oft werden Heilige um ihre Fürsprache bei Gott gebeten.
Gebetssturm: 1571 vernichtete eine katholische Seemacht die türkische Flotte in der Schlacht von Lepanto. Der Sieg wurde einem sogenannten Gebetssturm zugerechnet, weil in ganz Europa der Rosenkranz gebetet wurde.
Hochgebet: Hauptteil des eucharistischen Gottesdienstes. Ziel von Lobpreis, Dank und Bitte ist die Gemeinschaft der Gläubigen am Leib und Blut Christi.
Kreuzzeichen: Es drückt die Zugehörigkeit zu Christus und zum dreifaltigen Gott aus.
Liturgie: Gottesdienstliche Feier mit Gebet, Gesang, Schriftlesungen, Spendung von Sakramenten. Auch das Stundengebet gehört zum liturgischen Handeln der Kirche.
Orantenhaltung: Eine Gebetshaltung mit in Schulterhöhe ausgebreiteten Armen. Das Gesicht ist zum Himmel erhoben.
Psalmen: Poetisch verfasste religiöse Texte aus alttestamentlicher Zeit, vielfach auch in der christlichen Liturgie verankert. In ihnen sind viele urmenschliche Erfahrungen verdichtet.
Rosenkranz: Gebetskette für das Rosenkranzgebet; Perlen symbolisieren die Abfolge aus einem Vaterunser und zehn Ave Maria mit Einfügungen, die Heilswahrheiten meditieren.
Stoßgebet: Kurzes, spontanes flehentliches Bittgebet im An-gesicht des Todes oder eines plötzlich drohenden Ereignisses.
Stehen: Eine offene, aufrechte Gebetshaltung. Sie drückt die Freiheit der Kinder Gottes aus, die aus der Knechtschaft der Sünde befreit sind.
Tischgebet: Ein Segens- und Dankgebet zu Gott. Es wird vor und oft auch nach einer Mahlzeit gesprochen oder gesungen.
Vaterunser: Das wohl meistverbreitete Gebet unter Christen, „das der Herr selbst uns zu beten gelehrt hat“. Die Anrufung Gottes, den Jesus seinen und unseren Vater nennt, heißt nach den lateinischen Anfangsworten auch „Pater noster“.
Zettel: Alte Gebetbücher waren oft voll mit Gebetszetteln als Andenken an Verstorbene, an Primizgottesdienste oder an den Besuch von Wallfahrtsorten. Gebetszettel, die jüdische Beter seit dem frühen 18. Jahrhundert in die Jerusalemer Klagemauer stecken, sollen direkt zu Gott gelangen.
Quelle: Alexander Brüggemann (KNA)