Interview mit Bischof Schwarz

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Als mein Vater an Demenz erkrankte

Stephan Prisching erzählt, wie er die Krankheit seines Vaters erkannte und welche Herausforderungen Demenz für ihn als Angehörigen mit sich bringt.

Mein Vater ist 91 Jahre alt, meine Mutter 88. Meine Eltern leben in Herzogenburg, ich – ihr einziges Kind – in St. Pölten. Sie führen mit Hilfe der Caritas ein selbstständiges, zufriedenes Leben in ihrem Einfamilienhaus. 

Vor 15 Jahren hatte mein Vater einen Schlaganfall, von dem er sich gut erholte. Er tat sich schwer mit komplizierten Wörtern, hatte sonst aber weiters keine Probleme. Im Nachhinein denke ich, dass meine Mutter vieles kompensiert und ausgeglichen hat. Wenn mein Vater Schwierigkeiten hatte mit einer Erledigung, dann hat sie das übernommen. Somit ist sein geistiger Zustand unbemerkt schlechter geworden – auch deswegen, weil ich mich mit dem Thema Demenz nie auseinandergesetzt hatte. So haben wir alles mit seinem fortgeschrittenen Alter erklärt.

Plötzlich in einer fremden Welt

Offensichtlich wurde die Krankheit durch den Unfall meiner Mutter im März dieses Jahres. Sie ist gestürzt und hat sich den Oberschenkelhals gebrochen. Als ich am Abend meinen Vater zuhause besuchte, erklärte mir die Nachbarin: „Ich habe jetzt ein paar Stunden auf deinen Vater aufgepasst, jetzt musst du dich um ihn kümmern.“ Damit war ich ganz plötzlich, von 0 auf 100, in einer für mich fremden Welt. Jetzt sah ich erst, wie hilflos mein Vater in Wirklichkeit war. Sein dringlichster Wunsch: Hoffentlich kommt meine Frau bald wieder nach Hause – und alles ist wie früher.

Meine Mutter muss­te drei Wochen im Spital verbringen, dazu kam eine fünfwöchige Reha. Meine erste Reaktion war: Ich kann mich um meinen Vater nicht so kümmern, wie er das braucht. Ich habe selbst Familie und bin berufstätig. Ich dachte zu­nächst an einen Pflegeplatz im Heim, eine Übergangspflege bis zur Rückkehr der Mutter. Auf diesen Vorschlag hat mein Vater heftig emotional reagiert: Das käme auf keinen Fall in Frage. Mir war bald klar: „Ich brauche jetzt schnell Hilfe.“

Nach einiger Suche habe ich schließlich bei der Demenzberatung der Caritas kompetente Unterstützung gefunden. Wir haben vereinbart, dass drei Mal am Tag jemand kommt, ihm mit den Tabletten und der Körperpflege hilft und Haushaltstätigkeiten übernimmt. Dazu habe ich „Essen auf Rädern“ organisiert. Für meinen Vater ist oft nicht verständlich, warum jetzt jemand Fremder im Haus herumgeht und ihm etwas „vorschreiben“ will. Damit einher gehen Verdächtigungen, dass ihm etwas gestohlen wird. Ich muss ihm die Abläufe immer wieder erklären – was mir nicht leicht fällt. Ich bin es gewohnt, mit Fakten umzugehen, doch jetzt geht es mehr um Gefühle. Wir führen regelmäßig die immer gleichen Diskussionen. Es geht jetzt nicht mehr darum, was er sagt, sondern aus dem Wie abzuleiten, wie es ihm geht. Wichtig sind jetzt Herzenswärme und das Zuhören.

Autofahren ist zu riskant

Es gab viele Behördenwege zu erledigen. Ich habe die „Erwachsenenvertretung“ für meinen Vater übernommen, mein Vater musste neurologisch untersucht und Pflegegeld beantragt werden – alles gegen seinen Willen. Er ist nämlich nicht einsichtig in seine Krankheit und versteht deshalb manchmal nicht, dass er Unterstützung braucht. 

Ich bin jetzt für alle medizinischen, rechtlichen und finanziellen Angelegenheiten meines Vaters verantwortlich. Meine Entscheidungen muss ich allerdings erst durchsetzen. So war z. B. die Frage des Autofahrens schwierig zu lösen: Ich musste ihm schließlich die Autoschlüssel wegnehmen, und das war ein großes Drama für uns alle.

Warten, was noch kommt?

Die Rollen von Eltern und Kind haben sich gewissermaßen umgekehrt. Es ist die Zeit gekommen, in der ich als Kind meinen Eltern wieder etwas zurückgeben kann. 

Ich bin mir bewusst, dass der jetzige Zustand nur vorübergehend sein kann. Ich hadere derzeit mit der Frage: Soll ich Vorkehrungen treffen für eine eventuelle Verschlechterung oder warten, was kommt, weil ja jeder Fall ohnehin individuell verschieden ist?

Zurzeit geht es meinen Eltern soweit gut. Ich bin dankbar, dass sie gemeinsam so alt werden konnten: Sie haben den Krieg überlebt und ihr Leben lang viel gearbeitet. Meine momentane Aufgabe sehe ich darin, ihnen Ängste zu nehmen und ihnen praktisch zur Seite zu stehen.

 

Protokoll: Patricia Harant-Schagerl