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Als die Glocken wiederkehrten

Zu Ostern erzählt man gerne, dass die Glocken nach Rom fliegen und zur Auferstehungsfeier zurückkommen. Manche können sich gut erinnern, als die Glocken tatsächlich abmontiert wurden, um sie für Schlachten einzusetzen. Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen die Glocken nach und nach in die Kirchen zurück. Das Läuten war ein Zeichen der Freiheit: Die schwere Zeit des Krieges war vorbei.

Die Erzählung, dass die Glocken am Gründonnerstag nach Rom fliegen und dann beim Auferstehungsgottesdienst wieder zu hören sind, kennt wohl jedes Kind. Was dagegen keine Legende ist: Nach dem Krieg kamen die Glocken tatsächlich wieder nach und nach zurück, nachdem sie zuvor für den Zweiten Weltkrieg eingezogen worden waren. Vielfach glich das Triumphzügen, das bezeugen Fotos und Augenzeugen. Die meisten neuen  Glocken sind zwischen 1945 und 1950 gegossen worden, sowie in den 1950er-Jahren.

„Es war ein Akt der Freiheit und für viele sehr wichtig“, betont der Glockenreferent der Diözese, Franz Reithner. Als die Glocken wieder drei Mal täglich läuteten, sei das auch ein Zeichen der Normalität gewesen.

Es erinnere ihn an Friedrich Schillers berühmtes Gedicht „Das Lied von der Glocke“, das auch ein Plädoyer für die freie Religionsausübung gewesen sei. Bei Schiller heißt es: „Sie bewegt sich, schwebt, / Freude dieser Stadt bedeute, / Friede sei ihr erst Geläute.“ Auch auf der ältesten erhaltenen Oktav-Glocke der Welt in St. Martin/Ybbsfelde aus dem Jahr 1200 ist mit dem Zitat „Königin der Herrlichkeit, komm mit Frieden“ das Friedensmotiv zu finden. Zu Friedenszeiten wurden Glocken gegossen, um an das Gebet zu erinnern, in Kriegszeiten wurde damit aufeinander geschossen. Schon im Ersten Weltkrieg wurden die Pfarren aufgefordert, Glocken abzuliefern, dabei hätten sie aber noch eine bestimmte Wahl gehabt, so Reithner. Im Zweiten Weltkrieg wurden die Glocken in Kategorien eingeteilt, Glocken der Kategorie D – also jene, die vor dem 16. Jahrhundert gefertigt wurden – wurden nicht beschlag­nahmt, da sie als zu wertvoll angesehen wurden.

Abmontiert wurden Glocken ab 1941, Pläne dafür gab es von den Nationalsozialisten schon länger. Aus ideologischer Sicht war das kirchenfeindlich gesinnten Nazis wohl eine Freude. Entschädigungen hat es keine gegeben, Forscher gehen von 102.000 Stück im NS-Reich aus. Viele wurden als „Metallspende“ auf den „Glockenfriedhof“ in Hamburg verbracht, eingeschmolzen und in ihre Grundbestandteile getrennt. Allerdings sind etliche Glocken nicht mehr verwendet worden, weil der Krieg zu Ende ging.

Von Krawall zur Stimme Gottes

Das Glockengeläut wird seit über 3000 Jahren eingesetzt, u. a. um Unheil abzuwenden. Mit Krawall versuchte man, sich Gehör bei Gott zu schaffen. „Im frühen Mittelalter hat sich das geändert, als es zur Wandlung kam, nämlich zum harmonischen Klang“, so Reithner. Die Herstellung sei immer mehr perfektioniert worden, wie ein Musikinstrument. 

„Die Glocke wurde zur Stimme Gottes, die zum Gebet ruft und in der Lage ist, Unheil abzuwenden“, erklärt der Glockenexperte. Das kam später bei den Kriegen gegen die Türken und Franzosen praktisch zur Anwendung. Wenn in der Pfarre Hürm etwa Sturm geläutet wurde, dann wusste man in Mank, dass Gefahr droht. Nach den vielen Nöten läutet sie künftig hoffentlich nur mehr, um an die Gebetszeiten oder an die Bedeutung des Friedens zu erinnern. Alle Pfarren der Diözese St. Pölten waren im Jahr 2015 eingeladen, am 8. Mai die Glocken anlässlich 70 Jahre Kriegsende zu läuten.

Zuletzt wurden die Glocken als Zeichen der Solidarität immer im August eingesetzt: um an den Skandal des Welthungers zu erinnern. - W. Zarl