Interview mit Bischof Schwarz

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Wortlaut der Bischofskonferenz aus Anlass der Gedenkjahre 1918 und 1938

Das Gedenkjahr 2018 - 100 Jahre nach der Republiksgründung und 80 Jahre nach dem "Anschluss" an Hitlerdeutschland - soll Anlass sein, sich den "mühsam errungenen Wert von Menschenrechten, Demokratie und Gemeinwohl" wieder so bewusst zu machen, "dass der Einsatz dafür angesichts immer wieder vorhandener Gefährdungen stärker ist und bleibt": Diesen Appell hat die Österreichische Bischofskonferenz in ihrem Hirtenwort "1918 - 1938 - 2018. Erinnern und Gedenken", das sie im Rahmen der Frühjahrsvollversammlung in Sarajewo beschlossen hat, an die Gläubigen gerichtet. Das Hirtenworten im Folgenden im Wortlaut:

Erinnern und Gedenken sind zutiefst christlich und zeichnen jede humane Kultur aus. Getragen von der Suche nach Wahrheit, reinigen sie das Gedächtnis, nehmen das Leid der Opfer in Blick, machen dankbar für das bleibend Gute und ermöglichen so Gerechtigkeit, Versöhnung und ein Lernen aus der Geschichte.

Österreich gedenkt in diesem Jahr wichtiger Ereignisse der Vergangenheit, die bis in die Gegenwart wirkmächtig sind und deren Lehren für das künftige Zusammenleben in Frieden bedeutsam bleiben. Im Zentrum des Erinnerns stehen zwei folgenschwere Wendepunkte in der Geschichte unseres Landes, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Brachte 1918 für Österreich das Kriegsende und die Errichtung von Republik und Demokratie, so markierte 1938 das Verschwinden Österreichs von der Landkarte und den Beginn einer beispiellosen Gewaltherrschaft, die Abermillionen zu Opfern des Krieges und der Shoah machte.

Friedlicher Aufbruch und gewaltvoller Niedergang

Es ist ein bleibendes Verdienst der politisch Verantwortlichen vor hundert Jahren, dass in Österreich über unterschiedliche Parteien und gesellschaftliche Kräfte hinweg ein friedlicher Wechsel der Staatsform und die Errichtung einer demokratischen Republik möglich wurden. Die katholische Kirche, die über Jahrhunderte mit dem Herrscherhaus verbunden war, erwies sich damals als eine Kraft, die den friedlichen Wandel und den neuen Staat unterstützte. Noch am Tag der Ausrufung der Ersten Republik wandte sich der Wiener Erzbischof, Kardinal Friedrich Gustav Piffl, am 12. November 1918 mit klaren Worten an den Seelsorgeklerus. Diese sollten die Gläubigen über die Situation aufklären "und zur unbedingten Treue gegenüber dem nunmehr rechtmäßigen Staate ermahnen". Zwei Monate später, am 23. Jänner 1919, richteten sich dann alle katholischen Bischöfe des Landes in einem Hirtenwort anlässlich der bevorstehenden Wahl der Konstituierenden Nationalversammlung an die Gläubigen. Die Bischöfe bekräftigen darin die neue politische Ordnung, den Wert der Demokratie und die Pflicht zur Ausübung des Wahlrechts. Zu den bleibenden Errungenschaften der damaligen Zeit zählen bahnbrechende Sozialgesetze und die Bundesverfassung, die in weiten Teilen bis heute den rechtlichen Rahmen in Österreich bildet.

Das gemeinsam Erreichte war für die konkurrierenden politischen Kräfte aber tragischerweise zu wenig, um die ideologischen Unterschiede sowie das wechselseitige Misstrauen überwinden zu können. Immer stärker polarisierte ein zunehmend gewaltbereites Lagerdenken das politische und gesellschaftliche Leben. Durch die enge Verbindung mit dem politischen Katholizismus war die Kirche selbst Teil der Auseinandersetzungen und zu wenig in der Lage, glaubwürdig für alle das Evangelium zu bezeugen und Brücken zwischen den rivalisierenden Parteiungen zu bauen. Österreich verlor zusehends das Vertrauen in die parlamentarische Demokratie. Ihr Ende im März 1933 und die Februarkämpfe 1934 markierten die unheilvolle Konfrontation zwischen Christlichsozialen und Sozialisten, die beide Lager in der Abwehr des Nationalsozialismus schwächte. Der blutige NS-Putschversuch im Juli 1934 war ein Vorzeichen für das, was vier Jahre später voll zum Ausbruch kommen sollte.

März 1938

Bereits im Jänner 1938 träumte der Selige Franz Jägerstätter (+9.8.1943) von einem Eisenbahnzug, in den viele Erwachsene und sogar die Kinder strömten. Da hörte er eine Stimme: "Dieser Zug fährt in die Hölle." Er deutete diesen Traum auf den hereinbrechenden Nationalsozialismus. Durch diesen Traum sah er sich vor die Entscheidung gestellt: entweder Nationalsozialist oder Katholik; entweder mitlaufen oder Widerstand leisten.

Diese Entscheidung wurde nur allzu bald, im März 1938, für viele zur tragischen Realität. Österreich wurde als Staat von der Landkarte gelöscht. Während viele jubelten und den "Anschluss" an Deutschland begrüßten, weil sie Österreich für nicht lebensfähig hielten, weinten viele andere und waren von Furcht gepackt: Sehr viele waren verunsichert und orientierungslos. 80 Jahre danach erinnern wir uns der dramatischen Ereignissen dieses März 1938 und gedenken vor allem der Opfer, die in Folge der nationalsozialistischen Machtübernahme gedemütigt, vertrieben, verfolgt, eingekerkert, verschleppt und ermordet wurden. Wir schauen aber auch auf die Orientierungslosen, die Mitläufer und die Täter und gedenken dankbar all jener, die sich in der damaligen Zeit als "Gerechte" erwiesen und die sich nicht vom Sog dieser unmenschlichen und verbrecherischen Ideologie mitreißen ließen.

Verachtung und Hass

Die absurde Ideologie des Nationalsozialismus, der so viele verfielen, kam nicht von ungefähr: Sie baute auf einem falschen, damals weit verbreiteten Welt- und Menschenbild auf, das rassistische, antisemitische, nationalistische und völkische Parolen an die Stelle der Überzeugung von der gleichen Würde aller Menschen auf Grund ihrer Gottebenbildlichkeit gesetzt hatte. An der Wurzel von Terror und Barbarei stand die Anmaßung absoluter Macht über Leben und Tod. Hass und Verachtung gegenüber Juden, Behinderten, Sinti und Roma, Homosexuellen, Andersdenkenden und vielen "anderen" sollten Millionen zum Todesurteil werden.

Die österreichischen Bischöfe von damals haben - wie auch Politiker, Künstler und Wissenschaftler - nach der Besetzung Österreichs diese katastrophalen und menschenverachtenden Konsequenzen nicht deutlich genug erkannt oder benannt. Auch heute schmerzt noch, dass damals, im März 1938, und in den sieben düsteren Jahren danach, die Christen - auch und gerade die Bischöfe - nicht stärker der Macht des Hasses, der Unmenschlichkeit und der Diktatur entgegengetreten sind.

Die Erinnerung an den März 1938 und das unvorstellbare Leid des jüdischen Volkes ist für Christen verbunden mit dem schmerzlichen Eingedenken in die eigenen Verstrickungen und die damit verbundenen Schuldzusammenhänge des Antisemitismus. Ein jahrhundertelang religiös verbrämter Antijudaismus hatte zur Folge, dass Christen insgesamt einem national und rassisch begründeten Antisemitismus nicht entschieden genug widerstanden. Das Bewusstsein der Glaubenssolidarität der Christen mit den Juden war noch nicht oder viel zu wenig vorhanden. Und es gab zu wenige, viel zu wenige Gerechte. Traurig und beschämt haben wir erkannt, dass mit der Zerstörung der Synagogen und der Shoah unschuldige und wehrlose Menschen getötet und der Name des Ewigen geschändet wurde.

Widerstand

Und doch gab es inmitten dieser Dunkelheit auch den Widerstand: Priester und Laien, Männer und Frauen, hatten als Einzelne die Kraft, dem Ruf ihres Gewissens zu folgen und mussten dafür ihr Leben lassen. Unter ihnen sei an Sr. Restituta Kafka, Pfarrer Otto Neururer, P. Jakob Gapp, Provikar Carl Lampert und an Franz Jägerstätter erinnert, die als Märtyrer verehrt werden. Nicht vergessen werden dürfen all jene, die allein durch eine erkennbare und bewusste christliche Lebensführung aneckten und persönliche Konsequenzen fürchten mussten. Ihr aller Lebenszeugnis ist ein "Stachel im Fleisch" und soll Ermutigung sein, die Erinnerung an jene Opfer des Nationalsozialismus wachzuhalten, die in der Nachkriegszeit auch in der Kirche oft recht schnell vergessen wurden.

Adam - Mensch, wo bist du?

Angesichts des unfassbaren Leids fragen wir uns, warum Gott so etwas zugelassen hat: "Wo warst Du, Gott? Wo warst Du, als Frauen und Kinder, alte und junge Leute ermordet und in die Todeskammern geschickt wurden?" Letztlich richtet sich diese Frage an uns selbst: "Wo war der Mensch - und wo die Menschlichkeit -, als unseren Brüdern und Schwestern so Furchtbares zugefügt wurde?" Genau so stellt sich uns heute die Frage: "Wo bin ich, wenn vor meinen Augen großes Unrecht geschieht, wenn Ausgrenzung, Entsolidarisierung und Hass ihren Lauf nehmen?"

"Wo bist du?" (Gen 3,9) - das ist die Urfrage Gottes an den Menschen und an seine Gleichgültigkeit. Als Gott in dieser biblischen Erzählung Kain nach seinem Bruder Abel fragte, entgegnete Kain: "Ich weiß es nicht. Bin ich der Hüter meines Bruders?" (Gen 4,9) Die Botschaft der jüdischen und der christlichen Bibel mutet uns zu, dass wir einander aufgetragen sind, einander Patron sind, füreinander sorgen, Verantwortung tragen, einander Hüter und Hirten sind. Das Gedenken an jene, die sich nicht der Gleichgültigkeit oder dem Mitläufertum ergaben und für ihre Mitmenschen eintraten, eröffnet aber auch Hoffnung. Sie soll uns darin bestärken, allen Formen der Ausgrenzung, des Antisemitismus und jeglichen Bedrohungen der Menschenwürde couragiert entgegenzutreten.

Läuterung und Lernen

Der Blick zurück zeigt auch, dass Läuterung und Lernen aus der Geschichte möglich und notwendig sind. Statt auf Rache und Misstrauen, setzten die politischen Verantwortlichen nach 1945 auf Recht und Kooperation. "Eine freie Kirche in einer freien Gesellschaft" wurde zum Leitwort für das breite Wirken der katholischen Kirche in Österreich. Die Sozialpartnerschaft und der unbedingte Wille zum friedlichen Ausgleich unterschiedlicher Interessen sollten zum Markenzeichen Österreichs und seiner Erfolgsgeschichte in der Nachkriegszeit werden. Fundament dafür war und ist eine demokratische Ordnung auf Basis der Menschenrechte, wie sie 1948 von den Vereinten Nationen verbrieft und später in Form der Europäischen Menschenrechtskonvention in der österreichischen Verfassung verankert wurde. Als Antwort auf die zerstörerischen Kräfte eines überzogenen Nationalismus versteht sich die Europäische Union, der Österreich seit 1995 als aktives Mitglied angehört. Ihre Mission ist und soll der Friede sein, auf diesem Kontinent und weltweit.

Es wäre viel für die Zukunft gelungen, wenn in diesem Gedenkjahr der mühsam errungene Wert von Menschenrechten, Demokratie und Gemeinwohl wieder so bewusst wird, dass der Einsatz dafür angesichts immer wieder vorhandener Gefährdungen stärker ist und bleibt. Es gilt das Wort des KZ-Überlebenden und Friedensnobelpreisträgers Elie Wiesel: "Erinnerung ist Hoffnung und Hoffnung ist Erinnerung."