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„Wir dürfen nicht wegschauen…“

Foto: Karl Lahmer

Vor zwei Jahren wurde Hannes Ziselsberger als Direktor in die Caritas der Diözese St. Pölten berufen. Kirche bunt sprach mit ihm über die Herausforderungen in seiner Arbeit, über Vorwürfe gegen die Caritas und seine Wünsche für die Zukunft.

Sie sind vor zwei Jahren als Direktor in die Caritas der Diözese St. Pölten berufen worden. Wie haben Sie die Herausforderung des neuen Amts in dieser Zeit erlebt?

Hannes Ziselsberger: Es waren zwei unglaublich dichte Jahre, in denen ich viele Erfahrungen gemacht habe. Ich habe die Caritas der Diözese St. Pölten mit 2.200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern übernommen und meine Erwartung, dass hier die Verwaltung funktioniert, hat sich bewahrheitet. Wir haben aus organisatorischen Gründen im Vorjahr einige Veränderungen vorgenommen, einiges gestrafft und neue Bereiche geschaffen – so hat u. a. Christoph Riedl-Daser, der zuvor das ORF-Magazin Orientierung moderierte, den Bereich Solidarität, Kommunikation und Soziales übernommen. Im September kommt Veronika Prüller-Jagenteufel, die derzeit noch Pastoralamtsleiterin der Erzdiözese Wien ist, zu uns. Das zeigt, dass die Caritas der Diözese St. Pölten ein attraktiver Arbeitgeber ist, und ich kann sagen, dass es ein schönes Miteinander-Arbeiten ist.


Wo lagen für Sie die Herausforderungen in den letzten zwei Jahren?

Etwas besorgt war ich, wie es um Solidarität in der Gesellschaft steht. Als ich die Caritas übernommen habe, waren wir schon sieben Jahre in der Wirtschaftskrise. In solchen Zeiten geht es dann für viele Menschen um die Frage, wie man den eigenen Lebensstandard absichern kann – da sinkt dann oft die Solidarität mit jenen, die noch weniger haben. Gleichzeitig habe ich auch bemerkt, dass die Caritas für ihre Angebote, wie z. B. Betreuung von Menschen mit Behinderung, Betreuung von Menschen mit psychischen Erkrankungen, mobile Hauskrankenpflege, die PfarrCaritas mit dem Besuchsdienst und vielem mehr – ungemein geschätzt wird und dass da die Caritas als kompetenter und verlässlicher Partner gesehen wird.


Mitunter hörte man aber in den vergangenen Jahren die Kritik, dass die Caritas viel für Flüchtlinge macht, aber wenig für die eigenen hilfsbedürftigen Menschen. Was sagen Sie dazu?

Wir haben 2.200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und nicht einmal 15 davon arbeiten im Bereich Asyl und Integration. Man könnte uns also auch vorwerfen, dass wir da zu wenig tun. Und es wird heuer noch weniger werden, weil die Zahl der Flüchtlinge in Österreich weiter sinkt. Für die Caritas der Diözese St. Pölten war das ein ganz kleines Thema. Vom Caritas-Jahresbudget fließt in den Bereich Asyl und Integ­ration weniger als ein Prozent.


Wieso entstand dann in der Bevölkerung der Eindruck, dass sich die Caritas hauptsächlich für die Flüchtlinge engagiert?

Ich glaube, das hatte einerseits etwas mit der medialen Aufmerksamkeit zu tun – der Blick der Medien lag besonders in den Jahren 2015 und 2016 fast nur noch auf dem Thema Flüchtlinge. Über andere Caritas-Themen, wie z. B. Pflege oder Behindertenbetreuung, wurde und wird wenig berichtet, obwohl da einer unserer Schwerpunkte liegt. Und dann ist es andererseits auch so, dass sich die Caritas als eine der wenigen Organisationen in dieser Frage klar posi­tioniert hat. Wenn wir als Caritas etwas sagen, dann machen wir das auf den Wurzeln des Evangeliums. Das Evangelium ist radikal – wenn man das ernst nimmt, was in der Bibel steht und wenn man das Thema Nächstenliebe ernst nimmt, dann unterteilt man nicht, wen  man liebt. Es war sicher so, dass wir eine der wenigen Stimmen waren, die immer wieder auch gesagt haben: Wir müssen da helfen und dürfen nicht wegschauen. Derzeit habe ich den Eindruck, dass ganz viel auf die Rechtlichkeit bzw. die Rechtsstaatlichkeit geachtet wird, aber die Barmherzigkeit manchmal zu kurz kommt, gerade auch wenn es um die Abschiebung gut integrierter Menschen geht. Das war auch kürzlich die Botschaft von Bischof Klaus Küng: Augenmaß, denn Legitimität oder Legalität sind wichtig, aber Barmherzigkeit ist auch wichtig.


Manchmal gibt es auch den Vorwurf, dass sich die Caritas selbst zu wenig mit der Kirche identifiziert – dass es da, auch unter den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern – oft eine große Kirchenferne gibt. Wie sehen Sie das?

Caritas geht nicht ohne Kirche und Kirche geht nicht ohne Caritas. Kardinal Schönborn hat das auch kürzlich so schön im Kurier-Interview gesagt: Wenn die Caritas spricht, spricht sie immer auch für die Kirche. Und bezüglich Mitarbeiter: 2.000 von ihnen sind täglich in Kontakt mit Menschen, die aufgrund ihrer Behinderung, Erkrankung oder ihrer Pflegebedürftigkeit Begleitung brauchen. Caritas hat täglich tausende Begegnungen – dabei tragen wir immer auch ein Stück der Botschaft der Kirche mit. Das ist ja auch ein Geschenk, dass wir hier Kirche sehr positiv transportieren und darstellen können. Unsere Mitarbeiter sind Menschen – so wie in allen Pfarren auch: Manche sind mehr, manche sind weniger gläubig, aber alle treten sie für die Werte und Idee der Caritas ein.


Es gab zuletzt auch den Vorwurf, dass die Caritas der Diözese St. Pölten zu groß geworden sei und gesundgeschrumpft gehört. Was sagen Sie dazu?

Wir sind nicht krank und deshalb müssen wir uns auch nicht gesundschrumpfen. Die Caritas existiert nicht aus Selbstzweck, sondern unsere Mitarbeiter leisten einen Dienst am Nächs­ten, der sehr nachgefragt ist, sonst gäbe es so viele Mitarbeiter nicht. In unsere Verwaltung, die wir brauchen, um gut und effizient arbeiten zu können, fließen nicht einmal sieben Prozent unseres Jahresbudgets. Da muss man sagen, dass das wirklich ein guter Wert und wirklich nicht verwaltungslastig ist. Wir sind gemeinnützig und nicht gewinnorientiert, das leben wir auch so.


Welche Wünsche haben Sie für die Zukunft?

Was ich mir wünsche ist, dass wir Caritaswerte noch mehr nach innen leben und uns den Fragen stellen: Wo sind unsere Wurzeln, wo kommen wir her? In diesen Fragen wird Veronika Prüller-Jagenteufel in ihrer neuen Funktion bei uns tätig werden.

Interview: Sonja Planitzer