Interview mit Bischof Schwarz

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Unwissende belehren – Zweifelnden raten

Unsere Fastenserie, Teil 1, von P. Dr. Athanasius Wedon OMI. Papst Franziskus hat die Barmherzigkeit ins Zentrum der kirchlichen Praxis gerückt. Die aus Lehre und Tun Jesu abgeleiteten sieben geistlichen Werke der Barmherzigkeit verkünden letztlich den barmherzigen Gott. Die 1. Folge der „Kirche bunt“-Fastenserie widmet sich gleich zwei Werken, die wie alle anderen erst im Wirken Gottes ihre Erfüllung finden.

Von Karl Rahner († 1984) – immerhin ein bedeutender Lehrer der Theologie – soll der Satz stammen: „Wenn es um das Thema Gott geht, sitzen wir alle in der ersten Grundschulklasse.“ Mögen die Theologen und Theologinnen sich noch so sehr an der Gottesfrage abmühen, so wissen sie hoffentlich um ihre Grenzen und betreiben ihre Profes­sion bescheiden und demütig. Gerade die „speziellen Freunde“ Jesu, die Gottesgelehrten, erinnert Rahner daran, dass sie mit ihren Schülern in einer Klasse sitzen.

Wer darf lehren? Wer wird belehrt?

Allen, die an ihn glauben, gab Jesus Anteil an seiner Macht, damit sie als seine Mitarbeiter den Menschen an Leib und Seele Heilung bringen. Wenn Macht jedoch in falsche Hände gerät, kann Furchtbares angerichtet werden. Das gilt auch im Bereich des Religiösen. Im Leben der Apostel gab es durchaus Momente, in denen sie versucht waren, durch Stolz und Härte die ihnen anvertraute Macht zu missbrauchen. Auf sengendes Feuer vom Himmel zur Belehrung der Unwissenden und Zweifelnden hat Jesus verzichtet (Lk 9, 51-62). In der Zurechtweisung durch ihn lernen die Jünger ihre Lektion: Der Geist Gottes ist schöpferisch; er rettet vielmehr als dass er verdammt; er bleibt demütig und bläht sich nicht auf.

Belehren und raten durch Zeugnis geben

Mit der Mission Jesu ist die Herrschaft Gottes angebrochen. Dabei geht es durchaus um Macht. Aber es handelt sich um eine Macht, die ihre heilende Kraft in der Demut und
Opferbereitschaft bis hin zur Annahme des Kreuzes entfaltet. Nicht apodiktisches Be­lehren, sondern Zeugenschaft vom Glauben der Kirche ist gefordert. So wird aus dem Professor ein Confessor, also ein Bekenner. Was mag Gott wohlgefälliger sein, als eine aus der Demut heraus für den Zweifler und den Unwissenden formulierte Bitte, in die wir uns selber mit einschließen. Erweist Gott seine missionarische Kraft durch uns, dürfen wir ihn preisen, weil er auf seinen demütigen Knecht/seine Magd geschaut hat. Dabei sind wir keineswegs willenlose Werkzeuge, sondern lernen durch ein geistliches Leben immer mehr, unsere Freiheit mit dem Willen Gottes in Einklang zu bringen. Er, der de­mütig von Herzen ist, möchte, dass wir ihm ähnlich werden, damit wir die Kräfte in uns erkennen, die andere zu Gott führen. Denn Stolz verdunkelt das Zeugnis für Chris­tus und Hartherzigkeit lässt uns in die Irre gehen.

Zweifel und Unwissenheit mit Barmherzigkeit begegnen

Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei, kommen nicht in ihrer reinsten Form zu uns, sondern sind, wie das Leben selbst, ungeordnet, voll Zweifel und werfen viele Fragen auf. Das Leben ist sicher keine einfache Angelegenheit, zumal wenn wir versuchen, über unsere angeborenen Instinkte und Triebe hinaus mit ihm ernst zu machen. Etwas glauben, das über unseren Verstand und unsere Sehkraft geht, die eigene Hoffnung auf etwas setzen, das keine Sicherheit garantiert und absichtslos lieben – all das gibt uns mehr Fragen auf als wir beantworten können. Wer gegen Zweifel, Zweideutigkeit und Versuchung immun ist, betrügt den Verstand und die eigenen Gefüh­le.
Denken und Fühlen heißt, sich dem Leben in seiner Gegebenheit zu stellen, mit seinem Licht und seiner Dunkelheit, der Liebe und Feindseligkeit, der Hoffnung und der Verzweiflung. Unser Leben hat viel damit zu tun, diese Dinge zu sortieren und damit umgehen zu lernen. Wie schwierig es ist, sich zu orientieren, zeigen die vielen Stimmen in uns und um uns herum, die der Welt ihre je eigenen Wahrheiten schmackhaft machen wollen. „Worauf sollen wir hören?“, heißt es in einem Lied. Welche Stimme rät zur Wahrheit, wenn wir doch nach allen Seiten hin gezogen werden? Verdient da der Mensch nicht Verständnis und Barmherzigkeit? Seit jeher lehren uns die großen Gestalten des Glaubens, dass mit jeder Neuentdeckung Gottes das Geheimnis seiner Gegenwart und Liebe immer geheimnisvoller wird. Auch die Kirche mit ihrem beacht­li­chen Glaubensschatz kann das Geheimnis des Dreifaltigen Gottes nur in Bildern und in vorsichtigen Formulierungen zum Ausdruck bringen. Kein Lehrer des Glaubens und kein Ratgeber vermögen des Rätsels Lösung zu präsentieren oder gar das letzte Wort über Gott zu sprechen. Belehren? Raten? Seien wir bescheiden und barmherzig im Umgang miteinander. Und haben wir Respekt vor der Lebensgeschichte des anderen: „Es gibt so viele Wege zu Gott, wie es Menschen gibt“ (Benedikt XVI.).

 

Impulse

  • Die Reformbemühungen von Papst Franziskus werden auf allen kirchlichen Ebenen heftig diskutiert. Belehrungen oder gar eine „öffentliche Zurechtweisung“ dienen meist der eigenen Profilierung und offenbaren einen Mangel an Demut. Verstärken wir in der Fastenzeit unser Gebet für die Kirche und den Papst.
  • Heilung bringen, nicht verdammen. Geben wir Zeugnis von der Barmherzigkeit Gottes durch unser Leben.
  • Was immer dem Leben den Atem nimmt, ist durch die Vergebung Jesu getilgt. Wir dürfen wieder Kind sein vor Gott und uns mit unverstelltem Blick an den Wundern der Schöpfung erfreuen. In der Osterbeichte bietet uns Jesus seine Vergebung an. Besuchen wir zur Vorbereitung eine Bußfeier.

 

Der Autor:

P. Dr. Athanasius Wedon OMI, 1962 in Stuttgart geboren, ist Moderator der Pfarren Artstetten und Pöbring. Er studierte Theologie und Amerikanistik in Mainz und Ottawa, Schauspiel und Gesang in Stuttgart und Toronto; als Autor schreibt er Lyrik und schlichte Rede. Veröffentlichungen in Zeitschriften und Antho­logien sowie Bü­cher und Übersetzungen. U. a. verfasste er ein Werk über Leben und pastorale Praxis des Gründers der Oblaten der Jungfrau Mariens, Eugène de Mazenod.