Tastsinn statt Tastatur | Kirche bunt
 

 
Interview mit Bischof Schwarz

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Tastsinn statt Tastatur

Der Tastsinn wird als Wahrnehmungsmöglichkeit des Menschen oft unterschätzt. Warum Berührung so wichtig ist – gerade in unserer digitalisierten Welt – erklärt Haptik-Experte Martin Grunwald im Kirche bunt-Interview.

Wie kamen Sie als Psychologe dazu, sich mit dem Tastsinn zu beschäftigen?

Dr. Martin Grunwald: Bei Experimenten als Doktorand am Neurophysiologischen Institut der Universität Jena beobachtete ich zufällig, dass Patienten mit Anorexia nervosa (Magersucht) erhebliche Probleme bei Tastsinnesaufgaben hatten. Mit dem, was man damals über das Tastsinnessystem wusste, konnten diese unerwarteten Beobachtungen nicht erklärt werden. Die Neugierde und der Wunsch dieses Rätsel zu lösen, waren schließlich der Anlass, mich in den folgenden Jahren als Wissenschaftler intensiv mit dem  Tastsinnessystem des Menschen zu beschäftigen. Mittlerweile habe ich großen Respekt vor diesem Sinnessystem und der biologischen Meis­terleistung, die sich darin verkörpert.


Der Tastsinn ist eine oft vernachlässigte und unterschätzte Wahrnehmungsmöglichkeit des Menschen? Worin besteht seine Meisterleistung?

Grunwald: Passive Berührungsreize (z. B. durch Umarmungen)  und aktive Tastsinneserfahrungen (z. B. beim Greifen)  sind der zent­rale Schlüssel für Wachstums-, Reifungs- und Lernprozesse in der Kindheit und Jugend. Darüber hinaus sind Körper- und Berührungsreize ein Leben lang auch dafür verantwortlich, dass wir uns buchstäblich „in unserer Haut“ wohl fühlen. Positive Körperberührungen tragen wesentlich zur seelischen und körperlichen Gesundheit eines Menschen bei. Sie stärken u. a. das Immunsystem, fördern den Stressabbau und verstärken zwischenmenschliche Beziehungen. Unser Tastsinn verwandelt jede Form von Berührungsreizen in komplexe biochemische Prozesse, die sich sowohl im Gehirn direkt auswirken, als auch auf den gesamten Körper. Dass wir uns jederzeit als räumliche und lebendige Wesen empfinden können, verdanken wir ausschließlich den körpereigenen Informationen, die das Tastsinnessystem zur Verfügung stellt.

 

Ein Beispiel: Was ist aus Ihrer Sicht der Unterschied zwischen einem wirklichen, also „analogen“, und einem digitalen Puzzle?

Grunwald: Die sensorische Stimulation und die motorisch-sensorischen Anforderungen eines analogen Puzzles sind deutlich komplexer als bei einem digitalen 2D-Puzzle. Die Komplexitätsreduktion digitaler Techniken betrifft vor allem die räumlich-tastbaren Eigenschaften der Umwelt. Gewicht, Temperatur, Rauhigkeiten, Glätte, Weichheit, Härte etc. sind Eigenschaften, die allein über das Tastsinnessystem vermittelt werden. In der digitalen Welt fehlen diese Eigenschaften permanent; in der analogen Welt sind sie jedoch wichtig für das, was wir „begreifen“ nennen. Kinder lernen demnach mit einem analogen Puzzle viel mehr über die äußere Umwelt kennen als bei der digitalen Tablet-Manipulation.

Wenn ein Kind beim Lernen Materialien be­rühren darf: Kann man nachweisen, dass das die Merkleistung erhöht?

Grunwald: Ja. Die Studienlage zeigt sehr deutlich, dass bei digitalen Lerninhalten die Merkleistungen schlechter sind, als wenn analoge Präsentationen das Lernen begleiten. Selbst Erwachsene zeigen, dass sie sich den Inhalt eines Textes besser merken können, wenn sie ihn auf analogem Papier lesen statt auf einem Tablet. Ein dreidimensionaler Organismus, wie wir es sind, lernt am besten in und mit einer dreidimensionalen Umgebung.



Für wie sinnvoll erachten Sie den Einsatz von Tablets und Computern in der Grundschule? Man hört ja auch manchmal die Idee, digitale Medien schon im Kindergarten einzusetzen.

Grunwald: Die Bedienung eines Tablets lernen Kleinstkinder innerhalb weniger Stunden. Auch hochbetagte Menschen verstehen die Bedienlogik nach wenigen Übungen. Weil die „Einfinger-Bedienung“ dieser Geräte sehr einfach ist, ergibt sich aus meiner Sicht keine Notwendigkeit, diese Technologien in den kindlichen Alltag zu integrieren.
Die Bedienkompetenz für die Nutzung eines Tablets oder eines Computers sollte erst dann geschult werden, wenn die notwendigen intellektuellen, sozialen und physischen Grundfertigkeiten eines Kindes entwickelt sind. Diese Grundfertigkeiten wurden weltweit bis vor wenigen Jahren noch sehr erfolgreich im Umgang und in der Auseinandersetzung mit einer komplexen dreidimensionalen und sozialen Umwelt erworben. Keine Computeranwendung kann bisher diese soziale und sensorische Umweltkomplexität ersetzen. Jedes Computerprogramm oder jede Smartphoneapplikation ist per se immer eine Reduzierung der sensorischen Komplexität. Bilder und Töne können die notwendigen Tastsinneserfahrungen, die zum kindgerechten Lernen (begreifen) stets dazugehören, nicht ersetzen.



Verkümmert der Tastsinn in unserer digitalisierten Welt?

Grunwald: Obwohl unser Alltag stark von digitalen Technologien begleitet wird, bleibt natürlich das Tast- und Berührungsvermögen weiterhin beim Menschen grundsätzlich bestehen. So werden auch weiterhin raue Oberflächen von weichen und ein leichter Ball wird von einem schweren unterschieden. Wenn es allerdings um sehr feine Oberflächen- und Materialunterschiede geht, dann können wir in unseren Untersuchungen durchaus einen Trend zu schlechteren Tastsinnesleistungen insbesondere bei Kindern und Jugendlichen beobachten.

Interview: Patricia Harant-Schagerl