Sünder zurechtweisen

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Kirche bunt-Fastenserie. Folge 3 von Mag. P. Clemens Hainzl OSB vom Stift Altenburg. „Wenn dein Bruder gegen dich gefehlt hat, geh hin und stelle ihn unter vier Augen zur Rede. Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder gewonnen“ (Mt 18,15f) – mit diesen Worten ruft uns Jesus auf, nicht gleichgültig zu sein, wo das Böse ge­schieht, sondern den Übeltäter zurechtzuweisen. Wer von uns hat nicht schon einmal dem anderen „seine Meinung“ gesagt? Und wer hat nicht schon einmal selbst mit Zurechtweisung und Kritik umgehen müssen? Sünden vergeben kann nur Gott, aber Sünder zurechtweisen – vor dieser Herausforderung steht jeder Mensch oft ganz unvermittelt.

Das geistige Werk der Barmherzigkeit „Sünder zurechtweisen“ scheint in unserer modernen Zeit und Gesellschaft keinen Platz mehr zu haben. Wenn wir ehrlich zu uns sind, lehnen wir als aufgeklärte Menschen alle Formen von Fremdbestimmung entschieden ab. Wie mein Leben abläuft, habe allein ich zu bestimmen – da brauche ich nicht die Meinungen der anderen. Schon gar nicht wollen wir uns von unseren Mitmenschen in unserer Freiheit beschränken, ein­engen oder gar korrigieren lassen. „Jeder soll doch sein Leben so leben, wie er es gerne möchte.“ – Diesen Satz habe ich erst vor kurzem von einem Schüler gehört. Wir haben es fast zu einem Dogma zwi­schen­menschlichen Lebens gemacht, dass jeder sein Leben so leben soll, wie es ihn glücklich macht, solange es nicht andere Lebens­wege und -entwürfe begrenzt oder zerstört.

Beide Wörter in diesem geistigen Werk scheinen problematisch zu sein. Schon das Verb „zurechtweisen“ hat einen äußerst negativen Beigeschmack. Es riecht nach korrigieren, besser wissen, von oben herab reden und in Schranken weisen. Es stellt ein Gefälle her und verunmöglicht eine Begegnung auf Augenhöhe: Da steht jemand mit erhobenem Zeigefinger über mir. Wer möchte das schon? Und dann sind wir mit dem herausfordernden Begriff des „Sünders“ konfrontiert. Was meint Sünde eigentlich? Die biblische Tradition lehrt uns, dass der Mensch von Anfang an in den Sündenzusammenhang verstrickt und auf die Erlösung und Gnade Gottes angewiesen ist. Jeder Mensch ist nicht nur sündenanfällig, sondern übt Sünde im Tun aus: „Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein auf sie!“ (Joh 8,6). Jesus verurteilt die Ehebrecherin nicht. Es ist die zurechtweisende Liebe Gottes, die nicht verurteilt und ausschließt, sondern in Barmherzigkeit und Erbarmen dem Sünder eine neue Chance gibt. Das aus der Sünde resultierende Nein zu Gott verlangt eine Zurechtweisung in Liebe.

Gottes Liebe ist der Maßstab für jede Form der Zurechtweisung

Diese entgegenkommende Liebe Gottes ist Maßstab für jede Form der Zurechtweisung. Zurechtweisung ist niemals als Richten zu verstehen, sondern als Dienst der Wahrheit und der Barmherzigkeit dem Bruder und der Schwester gegenüber. Sie soll sich nicht zum Ziel setzen, den anderen klein zu machen, sondern wieder aufzurichten und zu einem erfüllten Leben zu verhelfen. Dementsprechend verlangt die geschwisterliche Zurechtweisung ein Fingerspitzengefühl für den Nächsten, eine von Respekt und Wertschätzung geprägte Beziehungsebene und die Gabe der Unterscheidung.
Ein zweiter Aspekt kommt hinzu: Zu­rechtweisung muss aus Verantwortung dem Mitmenschen gegenüber geschehen. Jeder Mensch ist für sein Tun und Handeln selbst verantwortlich. Wenn ich aber sehe, dass sich jemand im Bösen verrennt, dann ist es letztendlich meine Pflicht als Christ, ihn zurechtzuweisen: also zu versuchen, ihn wieder auf die Bahn des Guten zu führen. Darauf weist Jesus im Matthäusevangelium hin: „Wenn dein Bruder sündigt, dann geh zu ihm und weise ihn unter vier Augen zurecht.“ (Mt 18,15f.).

Diese Form der geschwisterlichen Zurechtweisung ist wahrlich keine leichte Aufgabe. Es braucht die entschiedene Gewissheit, dass ich selbst Sünder bin und der Zurechtweisung bedarf. Viel zu oft finden wir uns in einer typisch pharisäischen Grundhaltung: „Gott, ich dan­ke dir, dass ich nicht wie die anderen Menschen bin.“ (Lk 18,11). Es braucht also eine realistische Selbstwahrnehmung und keinen überhöhten Selbstanspruch von Makel- und Fehlerlosigkeit. Immer sind wir aufgerufen, den Balken in unseren eigenen Augen wahrzunehmen, als den Splitter bei meinem Gegenüber zu suchen. Letztlich braucht es die Einsicht und Lauterkeit, dass ich auf Gottes Barmherzigkeit angewiesen bin und diese barmherzige Liebe Gottes dem Nächsten auch schulde.

Die Zurechtweisung von Sündern muss immer mit Blick auf gelingendes und gelebtes Miteinander in Gemeinschaft zielen. Durch die Sünde, also das bewusste und willentliche Ja zum Bösen, wird Gemeinschaft zerstört und durcheinandergebracht. Zurechtweisen heißt dann, den Sünder einzuladen, sich wieder in die Gemeinschaft einzubringen und sein Verhalten dementsprechend anzupassen. Es ist das, was der heilige Benedikt in seiner Ordensregel unter dem Stichwort „correctio fraterna“ („brüderliche Zurechtweisung“) versteht. Wo es darum geht, einen Mitbruder von seinem Verhalten abzubringen, das die Gemeinschaft und damit den Frieden untereinander stört. Benedikt geht es um das gemeinsame Hören auf den Willen Gottes und die Antwort des Menschen auf die bedingungslose Liebe Gottes zu seinem Geschöpf.

Wem Gottes erbarmende Liebe zu Herzen gegangen ist, wer selbst die aufrichtende und heilende Nähe Gottes erfahren hat, wird die geschwisterliche Zurechtweisung als Dienst von Nächstenliebe verstehen, die Segen und Frieden untereinander stiftet und Gottes Reich wachsen lässt.

 

Impulse

  • Viele Menschen sind uns auf unserem Lebensweg anvertraut: in der Familie, im Beruf oder auch im zufälligen Miteinander des Alltags. Für welche Menschen trägst du Verantwortung in deinem Leben?
  • Wir ertappen uns oft dabei, besser und größer als die anderen sein zu wollen. Wo und auf welche Art und Weise begegnest du Menschen auf Augen­höhe? 
  • Christliches Leben ist immer geteiltes und aufmerksames Leben. Wo hast du einem Mitmenschen zu einem erfüllten Leben verholfen? Wodurch hast du einen Anderen wieder aufgerichtet?
  • Gottes barmherziger Blick ist immer auf uns Menschen gerichtet und lässt uns die Chance von Neubeginn erfahren. Wo habe ich dieses liebende Erbarmen Gottes gerade in diesen Tagen der Fastenzeit wieder erneut nötig?

 

 

Der Autor

Mag. P. Clemens Hainzl OSB wurde 1989 in Wien geboren, wuchs in Winkl (Gemeinde Röhrenbach) auf und maturierte am Bundesgymnasium Horn. 2008 trat er in das Benediktinerstift Altenburg ein, ab 2009 studierte er Katholische Fachtheologie und Religionspädagogik an der Theologischen Fakultät der Paris-Lodron-Universität Salzburg. 2015 empfing er die Priesterweihe. Gegenwärtig ist er Kaplan in der Stiftspfarre Altenburg und in Strögen-Frauenho­fen sowie Gäste­meis­ter, Litur­gie­magis­ter und Religionslehrer.