Interview mit Bischof Schwarz

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Reliquien – irdische Überreste von Heiligen und Seligen

Im Dommuseum in St. Pölten werden rund 150 Reliquien aufbewahrt, in den Pfarrkirchen in der gesamten Diözese St. Pölten sind es hunderte Überreste von Heiligen und Seligen, die in den Altären aufbewahrt werden.

Unscheinbar steht die kleine Schmer­zens­madonna aus Holz in einem Seitenaltar. Sie hält den vom Kreuz abgenommene  Jesus Christus in ihren Armen. „Hier, sehen Sie sich das an“, sagt Stefan Nachförg. Er öffnet ein kleines Türchen in ihrer Brust, eine sogenannte Reliquienlade. Darin ist eine Reliquie aus dem Barock. Stefan Nachförg: „Sie ist mein größter Schatz und auch mein ältes­ter.“  Seit über 26 Jahren verehrt der aus Herzogenburg stammende Vergoldermeister Reliquien. An der Restaurierung von 24 Altären hat er während seiner Ausbildung mitgearbeitet. Im Rahmen seiner Tätigkeit kam er mit Reliquien in Berührung – und sie weckten sein Interesse.

„Unsichtbar“: Reliquien in den Altären

Nicht nur auf Stefan Nachförg, auch auf viele andere üben Reliquien bis heute eine hohe Anziehungskraft aus, erklärt der St. Pöltner Ordinariatskanzler Dr. Gottfried Auer. Dazu gehöre etwa die Schädelreliquie des Heiligen Leopold im Stift Klosterneuburg. Markgraf Leopold III. wurde im Jahre 1485 heilig gesprochen. Seinen Geburtstag am 15. November feiern jedes Jahr tausende Menschen. Sie kommen dann nach Klosterneuburg, um ihn hier zu verehren und seiner zu gedenken. Nicht wenige wollen hier auch seine Reliquie sehen.

Meist nicht sichtbar sind hingegen die Reliquien, die in den Altären in den Kirchen eingesetzt sind. Oft werden dafür etwa Knochensplitter von Heiligen verwendet, die aus säkularisierten Altären stammen. In einer Urkunde wird die Herkunft der Reliquie jedoch dokumentiert.

Haare, Hautstücke, Fingernägel oder Knochen – diese menschlichen „Überbleibsel“ (von lat. relinquere) von Heiligen werden bis heute in Gefäßen, Statuen oder Schreinen aufbewahrt. Es muss aber nicht ein Körperteil sein; auch Gegenstände oder Kleidungsstücke, die Heilige berührt oder getragen haben, sind Reliquien. Herren- oder Christusreliquien zählen zu den kostbarsten. Sie stammen vom Kreuz, an dem Jesus Christus starb, aber auch von den Leidenswerkzeugen wie der Dornenkrone oder der heiligen Lanze. Reliquien erster Klasse sind Körperteile von Heiligen. Reliquien zweiter Klasse sind Gegenstände, die der Heilige zu Lebzeiten berührt haben soll. Reliquien dritter Klasse haben Reliquien erster Klasse berührt.
Die „Heiligen Tränen“ Jesu gehörten vielleicht zu den erstaunlichsten Reliquien. Sie wurden in der Abtei „La Trinité“ in Vendome in Frankreich über sieben Jahrhunderte lang verehrt und machten das Kloster zu einer bekannten Pilgerstätte. Die Kapsel mit den Tränen ging angeblich auf dem Weg nach Rom verloren.

Jeder Mensch kann ein Heiliger werden

In den Briefen des Apostels Paulus werden die Christen als Heilige angesprochen. Heilige sind Menschen mit Vorbildwirkung, sie be­mühten sich im Sinne Gottes zu leben; auch brachten sie Gutes über die Menschen. So gründete z. B. Markgraf Leopold III. nicht nur Klös­ter und Stifte wie Klosterneuburg, Heiligenkreuz oder Klein-Mariazell; er förderte auch die Entwicklung von Wien oder Krems. Eine  weitere der vielen Heiligen in der katholischen Kirche sei hier genannt: Therese von Lisieux. Die Karmeliterin aus Frankreich starb sehr jung. In ihrem kurzen Leben gab sie sich nicht nur Gott, sondern auch ihren Mitmenschen hin. Zwei Millionen Menschen pilgern jedes Jahr zur Basilika von Lisieux, die zu Ehren der Ordensfrau in den 50er-Jahren des vorigen Jahrhunderts vollendet wurde. Sie ist heute nach Lourdes die zweitgrößte Pilgerstätte Frankreichs. Unter der Kuppel befindet sich der Schrein, in dem die Reliquien der Ordensfrau aufgebahrt werden.

Die Reliquienverehrung begann bereits in frühchristlicher Zeit. Wallfahrer wanderten zu den früheren Wirkungsstätten der Heiligen; erhofften sich durch die Verehrung der Reliquien Heilung, Stärkung oder Trost. Viele Pilgerrouten führen heute noch zu Wallfahrtskirchen, wo Heilige verehrt werden.

Reliquien in der Diözese St. Pölten

Wallfahrten haben in Niederösterreich in den vergangenen Jahren zu-, die Verehrung von Reliquien jedoch eher abgenommen, sagt Dr. Gottfried Auer. In den Marienwallfahrtsorten wie Maria Dreieichen oder Maria Taferl gibt es heute keine Reliquien – außer jene in den Altären. Diese seien aber von unbekannten Heiligen.

Eine verlässliche Aussage über die Anzahl von Reliquien in der Diözese St. Pölten ist nicht zu treffen. In den seit den 1980er-Jahren aufgenommenen, zu zirka 80 Prozent abgeschlossenen Verzeichnissen der Inventarisierung des sak­ralen Kunstgutes der Diözese St. Pölten scheinen unter dem Stichwort Reliquie 545 Objekte auf, so
Dr. Wolfgang Huber, Leiter des St. Pöltner Diözesanmuseums.

Sogenannte Sammelreliquiare können dabei bis zu 30 Reliquien enthalten, diese Sammelreliquiare werden aber nur als ein Objekt gezählt.  Auch konnten jene Reliquien, die zur Weihe der Altartische in diese eingesetzt wurden, kaum erfasst werden –   diesbezüglich sind auch keine Schriftquellen vorhanden, so Dr. Huber. Es ist daher von einer weitaus höheren Anzahl auszugehen.
Die „Echtheit“ der Reliquien sei mitunter eine „andere Geschichte“. Denn das Ergebnis einer anthropologischen oder restauratorischen Befundung weicht oft vom angegebenen Zeitraum, aus der sie stammen sollen ab, sagt Huber.

Die wohl bekannteste Reliquie in der Diözese St. Pölten befindet sich im Hochaltar des St. Pöltner Doms: die Reliquie des Diözesanpatrons, des heiligen Hippolyt (ca.170-235).
Dafür wurde um 1700 eine Reliquienbüste geschaffen, die sich heute im St. Pöltner Diözesanmuseum befindet, wo über 150 Reliquiare wie Sammelreliquiare, Tafelreliquiare oder Reliquienmonstranzen aufbewahrt werden. Vielfach handelt es sich dabei um Objekte aus den Pfarren, die in Reliquienkonvoluten zusammengefasst, vorwiegend aus dem 18. und 19. Jahrhundert stammen.

Knochenfragment des heiligen Sebastian

Eine Besonderheit darunter ist das Reliquiar mit einem Knochenfragment des heiligen Sebastian. Es stammt aus der Rosenkranzkapelle des St. Pöltner Domes, die durch Abmauerung des südlichen Querschiffs um die Mitte des 17. Jahrhunderts  geschaffen und ab 1678 auch von der Sebastianibruderschaft genutzt wurde. Das aus Silber gefertigte Reliquiar stammt ebenfalls aus dieser Zeit.
   

Christopher Erben/Red.