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„Mit Staunen sieht das Wunderwerk…“

Foto: Public Domain

Am 1. September wird der „Tag der Schöpfung“ begangen und bis 4. Oktober dauert die „Zeit der Schöpfung“. In wohl kaum einem anderen Werk wird die Schöpfung Gottes so wunderbar gepriesen wie in Haydns Oratorium „Die Schöpfung“.

Mit Staunen sieht das Wunderwerk der Himmelsbürger frohe Schar, und laut ertönt aus ihren Kehlen des Schöpfers Lob …“ – mit solchen Worten preist der tief im katholischen Glauben verwurzelte Joseph Haydn in seiner „Schöpfung“ das Werk Gottes. Vor 220 Jahren wurde das Oratorium in Wien erstmals aufgeführt. Für viele ist es bis heute ein musikalisches Meisterwerk, ein Staunen über die Schönheit der Schöpfung, des Wunderwerks Gottes, ein Ausdruck tiefen Glaubens.

Joseph Haydn, geboren 1732 in Rohrau im östlichen Niederösterreich, gilt als Begründer der Epoche der „Wiener Klassik“, die bis heute Inbegriff klassischer Instrumentalmusik ist. Er komponierte mehr als hundert Sinfonien und mit rund 70 Streichquartetten „erfand“ und vollendete Haydn die bis heute wichtigste Form der Kammermusik. Während seiner fast 30-jährigen Amtszeit als Kapellmeis­ter am Hof der Fürs­ten von Esterházy in Eisenstadt experimentierte er mit den unterschiedlichen Klangfarben eines Orches­ters, mit allen Formen, Stilen und Gattungen und wurde so, wie er es selbst einmal sagte, zu einem echten „Original“.

Nach seiner Pensionierung unternahm Haydn zwei Reisen nach London und die Erfahrungen dort machten ihn endgültig zum be­rühmtesten Komponisten seiner Zeit. Insbesondere die Massenaufführungen von Georg Fried­rich Händels Oratorien, bei denen Hundertschaften von Mitwirkenden mit Chorgesängen Tausende von Zuhörern aller sozialen Klassen zu begeis­tern vermochten, hatten Haydn tief beeindruckt. Noch in England fasste er den Plan, etwas Ähnliches zu komponieren. Bei der Suche nach einem für ein solch ambitioniertes Projekt geeigneten Thema war ihm Überlieferungen zufolge vermutlich ein Geiger behilflich, der, mit der Bibel in der Hand, die Empfehlung gab: „Da, nehmen Sie das, und fangen Sie mit dem Anfang an.“

Das war leichter gesagt als getan. Das Textbuch selbst stammte von einem unbekannten Librettisten, vermutlich war es ursprünglich sogar für Händel gedacht gewesen. Als Quellen dienten das Buch Genesis, das Buch der Psalmen und John Miltons Genesis-Epos „Paradise Lost“. Von Oktober 1796 bis April 1798 arbeitete der Komponist an dem Werk. Er fand das Thema nach eigenen Aussagen inspirativ und die Komposition war für ihn eine grundlegend religiöse Erfahrung. So sagte er gegenüber seinem Biographen Georg August von Griesinger (1769-1845): „Ich war noch nie so fromm als während der Zeit, da ich an der Schöpfung arbeitete; täglich fiel ich auf meine Knie nieder und bat Gott, dass er mir Kraft zur glücklichen Ausführung dieses Werkes verleihen möchte.“ Sein Gotteslob drückt sich vor allem in den zahlreichen hymnischen Engelschören aus.

Haydn arbeitete an dem Oratorium tatsächlich bis zur Erschöpfung. Sein Förderer, Gottfried van Swieten (1733-1803), war an der Entstehung des Werks als Inspirator, Übersetzer der englischen Vorlage, poetischer Librettist und musikalischer Berater Haydns maßgeblich beteiligt. Erstmals aufgeführt, wenn auch vor einer geschlossenen Gesellschaft, wurde „Die Schöpfung“ am 29. und 30. April 1798 unter der Leitung des damals 66-jährigen Haydn im heute nicht mehr existierenden Stadtpalais Schwarzenberg am Neuen Markt in Wien.

„Vorstellung des Chaos“

Schon der Beginn des Oratoriums versetzte Haydns Zeitgenossen in Erstaunen und Begeis­terung. Die Orchestereinleitung ist nämlich keine konventionelle Ouvertüre, denn Haydn versuchte in genialer Weise den Zustand vor der Schöpfung mit musikalischen Mitteln darzustellen. Die „Vorstellung des Chaos“ nannte er seine Einleitung, der Bibelvers dazu umschreibt am besten, was Haydn komponierte: „Die Erde war ohne Form und leer.“

Im Oratorium erzählen drei Erzengel – Gabriel (Sopran), Uriel (Tenor) und Raphael (Bass) – die Schöpfungsgeschichte und sie kommentieren gleichzeitig das, was sie zu sehen bekommen. Unterstützt werden sie dabei vom großen, vierstimmigen Chor. Im dritten Teil übernehmen Bass und Sopran die Rollen von Adam und Eva.

Durch unzählige Aufführungen und Notenausgaben blieb „Die Schöpfung“ über die Jahrhunderte präsent – bis heute. Das Oratorium vereinigt alles: erhabene Kirchenmusik, profanen Realismus, erlesenen kontrapunktischen Kammermusiksatz und auch volkstümliche Einfachheit und Liedhaftigkeit. Joseph Haydn verstand es in der „Schöpfung“, das oft wegen seiner Gleichförmigkeit und Einfalt be­lächelte Libretto mit einer stets aufs Neue überraschenden Musik zu vertonen. Die Partitur wirkt bis heute faszinierend un­ver­brau­cht und frisch. Seine Musik ist weder mahnend noch moralisierend – sie ist  einfach purer Ausdruck von Stau­nen und Freude über Gottes wunderbare Schöpfung.                  Sop   

 

Interview mit Yutaka Sado

 

„Dankbarkeit gegenüber Gott“:

Yutaka Sado ist einer der bedeutendsten japanischen Dirigenten und leitet seit der Konzertsaison 2015/16 das Tonkünstler-Orchester NÖ. Am 1. Oktober wird er im Festspielhaus in St. Pölten „Die Schöpfung“ dirigieren. Kirche bunt sprach mit ihm über Haydns Werk, Gott und die Welt.

Für viele gehört die „Schöpfung“ von Joseph Haydn zu den wichtigsten Werken in der Musikgeschichte. Was bedeutet für Sie dieses Oratorium?
Yutaka Sado: Das ist jetzt meine vierte Saison mit den Tonkünstlern und in den letzten Jahren haben wir jede Saison eine Symphonie von Haydn aufgeführt – wir haben sozusagen auf die „Schöpfung“ hingearbeitet. Für mich ist es Haydns bestes Werk.

Was ist das Besondere an der „Schöpfung“?
Yutaka Sado: Haydn hat vorher Händels „Messias“ in London gehört und war von ihm beeinflusst. Er wollte die christliche Religion in Musik umsetzen. Das Besondere an der „Schöpfung“ ist die Zeichnung von Bildern, die in Klang umgeformt werden, z. B. die Worte „es werde Licht“, das kann man tatsächlich als Klang wahrnehmen. Auch Wasser, Regen, Schnee ... das alles wird in Töne umgesetzt. Das ist wie ein Film, der da gedreht wird. Was mir auch aufgefallen ist, ist diese Transparenz in der Musik von Haydn. Es gibt Stellen, wo nur ein Solist zu hören ist. Man hört also genau einzelne Instrumente und das Orchester tritt in den Hintergrund. Man erkennt sehr deutlich, dass Haydn hier wirklich für ein Kirchenhaus komponiert hat.

Die Schöpfung beginnt mit einem c. Hat das für Sie eine bestimmte Bedeutung?
Yutaka Sado: Für mich drückt dieses c den Beginn aus, eine Kraft und damit Gott. Da beginnt es und von da wird die Welt erschaffen. Aus diesem c am Anfang entwickelt sich die Melodie und es ist völlig offen, ob es in Dur oder Moll weitergeht.

Wenn man so viele Werke dirigiert, die ihren Ursprung und ihre Basis in der Bibel haben, fängt man dann an, sich mit der Bibel zu beschäftigen?
Yutaka Sado: Ich selbst bin kein Christ und gerade deshalb muss ich, wenn ich solche Werke dirigiere, mich mit der Bibel beschäftigen. In der „Schöpfung“ kommt Haydns Dankbarkeit gegenüber Gott zum Ausdruck. Mit der Musik – und vor allem mit Hilfe des Chors – kann man dieses Gefühl sehr schön darstellen. Ich fände es wunderbar, wenn die Zuhörer beim Hören des Werkes die gleiche Begeisterung empfinden würden, die man auch spüren kann, wenn man z. B. ein großartiges Kirchengebäude wie den Petersdom oder Stephansdom besucht und sich denkt: Das ist zwar von Menschenhand geschaffen, aber zur Ehre Gottes. Genau das soll man im Konzert hören.

Sind Sie selbst ein gläubiger Mensch?
Yutaka Sado: Ich bin ein typischer Japaner meiner Generation: Ich habe zu Hause einen buddhistischen Altar, ich gehe in den shintoistischen Schrein beten und zu Weihnachten wird das christliche Weihnachtsfest gefeiert. Als ich vor 30 Jahren zum ersten Mal in Wien war, hätte ich mir nie träumen lassen, dass ich hier einmal arbeiten darf. Mir ist bewusst, dass das nicht nur aus eigener Kraft geschehen ist.

Gibt es in Japan auch musikalische Werke aus der Religion?
Yutaka Sado: Natürlich gibt es in Japan auch Werke, die aus der Religion entstanden sind. Und auch da gibt es wie in der christlichen Musiktradition  vorgegebene Klangmus­ter. Für die Hölle ist es beispielsweise d-Moll. Auch wenn man keinen Titel hätte, würde man wissen, worum es geht. Johann Sebastian Bach war hier ein Vorreiter – seine Werke haben Haydn, Mozart und andere später bewusst als Basis genommen und darauf aufgebaut und zu Ehren Gottes weiterkomponiert.

Sie pendeln zwischen Japan und Österreich und sind viel unterwegs. Woraus schöpfen Sie Ihre Kraft?
Yutaka Sado:  Die Zeitdifferenz ist natürlich eine große  Herausforderung, und traurig ist natürlich, dass ich oft von der Familie getrennt bin. Aber seit meiner Kindheit wollte ich Dirigent werden und vieles ist wahr geworden, was ich mir nie erträumt hätte. Es ist die Liebe zur Musik, die mir Kraft gibt. Interview: Sonja Planitzer


Kirche bunt-Gewinnspiel

„Die Schöpfung“ von Joseph Haydn wird am 1. Oktober im Festspielhaus in St. Pölten aufgeführt. Kirche bunt verlost 2 mal 2 Karten für die restlos ausverkaufte Vorstellung.

Einsendungen mit dem Kennwort „Die Schöpfung“ sowie Namen und vollständiger Adresse bitte bis 14. September 2018 an: „Kirche bunt“, Gutenberg­straße 12, 3100 St. Pölten oder per E-Mail an „ “.