Interview mit Bischof Schwarz

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Letzte Zeugnisse des jüdischen Lebens in NÖ

Vor 80 Jahren, in der sogenannten Reichskristall- oder Reichspogromnacht, begann die systematische Vertreibung, Enteignung und dann Vernichtung der Juden in der Zeit des Nationalsozialismus. Im heurigen Gedenkjahr hat sich Kirche bunt nach ehemaligen bzw. erhalten gebliebenen jüdischen Friedhöfen sowie Synagogen/Bethäusern umgeschaut – letzte Zeugnisse eines ehemals blühenden jüdischen Lebens in Niederösterreich.

In der Nacht vom 9. auf 10. November 1938 wurden im gesamten deutschen Machtbereich Synagogen in Brand gesteckt, jüdische Geschäfte sowie Wohnungen zerstört und verwüstet. Zahlreiche Juden wurden bei den Pogromen getötet oder verletzt. Allein in Wien wurden im Zuge des Wütens 42 Synagogen und Bethäuser zerstört. 6.547 Wiener Juden kamen in Haft, knapp unter 4.000 davon wurden in das Konzentrationslager Dachau verschleppt. „Reichskristallnacht“ nannten die Nationalsozialisten verharmlosend ihren reichsweiten Pogrom. Dabei bezieht sich das Wort Kristall auf die überall verstreuten Glasscherben von zerstörten Fensterscheiben von Wohnungen, Geschäften oder Synagogen.

Heute leben in Österreich rund 15.000 Juden, die meisten davon in Wien. Auch in der fast 1000 Jahre langen Geschichte der Juden in Österreich waren die meisten jüdischen Gemeinden im Osten Österreichs angesiedelt: in Wien, im Burgenland und in Niederös­terreich. Aber praktisch nie hatten sie die selben Rechte wie andere Bürger des Landes und nur aufgrund der sogenannten „Privilegien“, die der kaiserliche Hof erteilte, konnten sich Juden in Österreich aufhalten. Diese Rechte konnten aber auch wieder entzogen werden. 

1420/21 kam es während der Hus­sitenkriege zur ersten blutigen Vertreibung der Juden. Auch 1620 wurden sie wieder aus Österreich vertrieben. Rund 200 Jahre danach entstanden ab der Mitte des 19. Jahrhunderts wieder jüdische Gemeinden – auch in Niederös­terreich. Bis zum ersten Weltkrieg wurden 15 israelitische Kultusgemeinden (IKG) in Niederösterreich gegründet: in Amstetten, Baden, Gänserndorf, Groß-Enzersdorf, Holla­­brunn, Horn, Krems, Mistelbach, Mödling, Neunkirchen, St. Pölten, Stockerau, Tulln, Waid­hofen/ Thaya und in Wiener Neustadt. Bei der Volkszählung im Jahr 1934 bekannten sich 191.481 Menschen in Österreich zum jüdischen Glauben, davon lebten 7.716 Menschen in Niederösterreich.

Der Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland brachte den Anfang vom Ende der jüdischen Gemeinden – auch in Niederösterreich. Aufgrund von Verfolgung und Vertreibung sank die Zahl der Juden in Österreich in den ersten Monaten nach dem Anschluss dramatisch. So lebten am 15. September 1939 nur noch 337 Juden in Niederösterreich. Der Großteil der jüdischen Bevölkerung floh nach Wien oder wurde ins Ausland vertrieben. Viele Gemeinden waren zu diesem Zeitpunkt zerstört. Ende 1939 bestanden lediglich die IKG in Baden, Krems, St. Pölten und Wiener Neustadt, welche auf finanzielle Hilfe von der Wiener IKG angewiesen waren. 

Jüdisches Leben ausgelöscht

War die Politik der Nationalsozialis­ten in den Jahren von 1938 bis 1940 vor allem auf die Beraubung und Vertreibung der österreichischen Juden ausgelegt, so änderte sich dies 1941. Mit diesem Jahr setzten die Massentransporte in den „Osten“ ein, die für die Deportierten den Tod bedeuteten.

So war bereits nach wenigen Jahren das jüdische Leben auch in Niederös­terreich faktisch ausgelöscht. Die Gemeinden waren aufgelöst, ihre Mitglieder vertrieben beziehungsweise deportiert und umgebracht. 

Ende Dezember 1944 lebten in ganz Niederösterreich nur noch 118 Menschen, die nach den Nürnberger Gesetzen als Juden galten. Mindes­tens 36 Juden überlebten hierzulande als „U-Boote“, unter anderem auch deshalb, weil sie versteckt wurden. Bis heute wurden 108 Österreicher, die den Juden halfen, sich vor den Nazis zu verstecken, als „Gerechte der Völker“ vom Staat Israel geehrt – unter ihnen auch Menschen aus der Diözese St. Pölten: Marianne Grausenburger aus Grafenwörth, Ludwig und Maria Knapp aus Weitra und Arthur und Maria Lanc aus Gmünd.

Friedhöfe, Synagogen, Gebetshäuser und -räume

Im Zuge des Holocausts kamen Millionen Juden ums Leben. Ein Großteil von ihnen erhielt kein Grab oder wurde in Massengräbern beerdigt. Letzte Zeugnisse an die einstigen 15 Kultusgemeinden in Niederösterreich und deren blühendes Leben geben die wenigen erhalten gebliebenen Synagogen/Gebetshäuser bzw. ihre Reste oder zumindest die Erinnerung daran, sowie jüdische Friedhöfe und Massengräber unterschiedlichen Zustands. 

In Niederösterreich gibt es heute nur mehr in Baden eine aktive jüdische Gemeinde. Die meis­ten der ehemals 28 bestehenden Synagogen bzw. Gebetshäuser oder -räume in Niederösterreich mussten 1938 geschlossen werden und der Großteil davon ist heute nicht mehr existent, andere wieder haben eine andere Nutzung, wie die Synagoge in St. Pölten, in der sich heute das Institut für Geschichte der Juden in Österreich befindet. 

Jüdische Friedhöfe: „Haus der Ewigkeit“

Die Friedhöfe sind heute trotz der Schändungen im Nationalsozialismus  noch besondere Orte. Im Judentum werden Friedhöfe auch als „Bejt olam“, als „Haus der Ewigkeit“, bezeichnet. Für jüdisches Verständnis sind die Grabstätten kein Ort des Todes, sondern ein Ort ewigen Lebens. Die Verstorbenen warten auf das Jüngste Gericht, um zu neuem Leben aufzuerstehen. Sie sollen weder verbaut, verlegt, aufgelöst oder neu belegt werden. Die ewige Totenruhe ist verbindlich, aus diesem Grund muss die Grabstätte unangetas­tet bleiben. Gräber haben so für alle Zeit Bestand und gelten als das Eigentum der Toten. So sind auch nach Jahrzehnten die verlassenen jüdischen Friedhöfe, mit ihren umgeworfenen Grabsteinen und ihren oft verwilderten Gräbern Stätten der Zeitlosigkeit und zugleich Zeugen einer verheerenden Zeit. Victoria König und Sonja Planitzer

 

 

Jüdische Synagogen und Friedhöfe in der Diözese St. Pölten


Folgend eine Auflistung der jüdischen Synagogen und Friedhöfe, die es im Gebiet der Diözese St. Pölten gab bzw. gibt.


Synagogen

Amstetten: Es gab in der Ardaggerstraße einen Betsaal, der 1938 geschlossen werden musste.
Horn: Die IKG erwarb 1903 am Stadtgraben 25 ein Haus, das als Synagoge adaptiert wurde. Es musste nach dem „Anschluss“ der Stadt überschrieben werden.
Kemmelbach: Die erste jüdische Gemeinde im Bezirk Amstetten entstand Mitte des 19. Jahrhunderts in Kemmelbach, dort gab es bis ca. 1937 auch einen Betsaal.
Krems: 1894 erfolgte die Einweihung der neu erbauten Synagoge in der Dinstlstraße. 1938 mussten die Kremser Juden die Synagoge räumen und der Stadt überschreiben. Im Jahr 1978 erfolgte der Abriss des Gebäudes.
Mank: Der Betraum musste 1938 geschlossen werden.
Neulengbach: Der Betsaal musste 1938 geschlossen werden.
Purgstall: Ehemaliger Betraum.
Scheibbs: Ehemaliger Betraum.
St. Pölten: Die zwischen 1912 und 1913 errichtete Synagoge wurde während des Novemberprogroms 1938 innen völlig zerstört. In den 1980er-Jahren erfolgte die Renovierung des Gebäudes, in dem sich heute das Institut für Geschichte der Juden in Österreich befindet.
Tulln: In der Albrechtgasse 6 befand sich ein Bethaus, das 1938 geschlossen werden musste.
Waidhofen an der Thaya: Der Betsaal der IKG Waidhofen, der im Juni 1938 aufgelöst werden musste, befand sich im ersten Stock des Hauses Niederleuthnerstraße 5.
Wilhelmsburg: Ehemaliger Betsaal.

 

Friedhöfe und Massengräber

Göttsbach an der Ybbs, Felderstraße 24: Der Friedhof wurde Mitte des 19. Jahrhunderts errichtet. Auf ihm wurden die Toten der jüdischen Gemeinde Ybbs sowie Verstorbene aus dem Mostviertel und aus dem westlichen Waldviertel beerdigt.
Horn, Riedenburgstraße/Taffatal: In 107 Gräbern ruhen ca. 177 Verstorbene.
Krems, Wienerstraße 115: Auf  dem 1860 errichteten Friedhof befinden sich ca. 500 Gräber.
Michelndorf: Auf dem Waldfriedhof bei Michelndorf sind nicht mehr als fünf Grabsteine aus Sandstein erhalten.
Neulengbach, Almersbergstraße: Der Friedhof wurde 1871 angelegt und weist heute 71 Gräber auf.
St. Pölten, Karlstettner Straße 3: Der Friedhof wurde 1895 angelegt, grenzt an den städtischen Friedhof und beherbergt 181 Gräber. In einem Massengrab ruhen 228 Männer, Frauen und Kinder, die in der Nacht auf den 3. Mai 1945 in Hofamt Priel ermordet und 1964 hierher überführt wurden.
St. Pölten – alt, Pernerstorferstraße: Der Friedhof enthält keine Grabsteine mehr. Es ist ein Gedenkstein aufgestellt.
Tulln, Dr. Sigmund-Freud-Weg:  Auf dem kleinen Friedhof befinden sich nur mehr wenige Grabsteine.
Waidhofen/Thaya, gegenüber vom örtlichen Friedhof: Der Friedhof wurde Ende des 19. Jahrhunderts angelegt und weist ca. 117 Gräber auf.
Zwettl: Am Ende des 19. Jahrhunderts wurde der Friedhof am Hang des Galgenberges als Teil des späteren Syrnauer Friedhofes angelegt. Erhalten geblieben sind 14 Grabsteine.