Lebendige Pfarre in „dreigeteilter“ Grenzstadt | Kirche bunt
 

 
Interview mit Bischof Schwarz

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Lebendige Pfarre in „dreigeteilter“ Grenzstadt

Foto: Harald Winkler

Das Jahr 2018 steht in der Pfarre Gmünd-Neustadt ganz im Zeichen des 70-jährigen Pfarrjubiläums. Mit 1. Jänner 1948 wurde die Herz-Jesu-Pfarre gegründet. Sie wird seit den Anfängen von Ordenspriestern der Gemeinschaft der „Oblaten der Makellosen Jungfrau Maria“ (OMI) seelsorglich betreut. 

Auf der pfarrlichen Internetseite wird die mächtige Pfarrkirche, die sich durch ihre einladende Bauweise als „offenes Haus“ präsentiert, als „Dom des Waldviertels“ bezeichnet. „Kirche soll für die Menschen ein Ort der Zuflucht und der Geborgenheit sein – unter diesem Leitspruch stehen auch alle Aktivitäten in der Pfarre“, sagt Pater Georg Kaps. Der Schlesier ist seit 1997 Pfarrer von Gmünd- Neustadt. In der 70-jährigen Geschichte der Pfarre habe es hier immer auch weltoffene Priester und engagierte Laien gegeben, die gemeinsam mit den ihnen anvertrauten Gemeindemitgliedern versuchten, den Weg zu Gott zu finden und das Leben in all seinen Facetten zu teilen, liest man in der Beschreibung der Pfarre.

Zur Entstehung: Während des Ers-ten Weltkriegs befand sich südwestlich von Gmünd ein Barackenlager für Flüchtlinge, großteils Ruthenen, das zur Zeit der größten Ausdehnung rund 30.000 Personen gefasst haben soll. Außer einer großen Holzkirche für den ukrainischen Ritus gab es seit 1917 auch eine kleine Barackenkirche für die Katholiken des lateinischen Ritus. Das Lager wurde mit Kriegsende aufgelöst.
Die große Wohnungsnot in Gmünd zwang viele Familien, in den Baracken zu wohnen. Die röm.-kath. Barackenkirche blieb bestehen und jeden Sonntag wurde in ihr Messe gelesen. Im Laufe der Jahre entwickelte sich auf dem Gebiet des ehemaligen Lagers ein neuer Stadtteil: die Gmünd II genannte Neustadt. Die Barackenkirche wurde vergrößert und im Jahr 1948 provisorische Pfarrkirche des neugegründeten Pfarrvikariates Gmünd-Neustadt, zu dem außer Gmünd II auch Wielands und Ehrendorf gehören.

1953 wurde die Notkirche durch die neue, geräumige Herz-Jesu-Kirche abgelöst. Der von Kardinal Franz König geweihte „Dom des Waldviertels“ wurde 1950 bis 1953 nach den Plänen des Wiener Architekten Josef Friedl unter P. Richard Wagner OMI erbaut. Der zentrale Kuppelbau mit überhöhtem Presbyterium und monumentalem „Westwerk“ wird auf beiden Seiten durch die Zubauten von Pfarrhof und Pfarrheim erweitert und abgeschlossen.
Übrigens: Das Pfarrheim wurde erst 2014 als Pfarrzentrum umgebaut, erweitert und auch technisch auf modernen Standard gebracht. Für die Gruppierungen der Pfarre sind die erneuerten Räumlichkeiten jetzt noch mehr Motivation für ihr Engagement. Dazu gehören u. a. das Katholische Bildungswerk, die Senioren, die sich monatlich treffen, oder die Frauengruppe, die sich vielfältig einbringt: beim Fastensuppenessen, bei der Bewirtung der Firm- und Erstkommunionfeiern, beim Erntedankfest und natürlich bei diversen Reinigungsarbeiten.

Eine Jugendgruppe engagiert sich pfarrübergreifend in Kooperation mit Jugendlichen der Pfarre St. Stephan bei der Gestaltung von Jugendkreuzwegen, der „Nacht der 1000 Lichter“ oder dem Ball der Gmünder Pfarren. Eng verbunden mit beiden Pfarren sind auch die Gmünder Pfadfinder. Sie gestalten den Aschermittwoch mit, sind zu Fronleichnam mit dabei, übernehmen die Kinderbetreuung beim Pfarrfest und haben heuer erstmals zu einer Jahresmesse in Gmünd-Neustadt geladen, wo sie ihre Verbundenheit mit der Pfarre zum Ausdruck bringen wollten.

Für die Jüngsten der Herz-Jesu-Pfarre gestaltet ein Team einmal im Monat einen Kinderwortgottesdienst. Bis zu 150 Kinder mit ihren Angehörigen kann Pater Georg immer am 28. Dezember zur traditionellen Kindersegnung begrü-ßen. Nach der Andacht und dem Einzelsegen gibt es für jedes Kind einen von der Bastelrunde hergestellten Engel. Die Täuflinge des Jahres erhalten bei dieser Feier ihre Taufbänder. 2017 durfte der Pfarrer insgesamt 46 Kinder taufen.

Hochwertige Kirchenmusik

Einen ganz besonderen Stellenwert nimmt in der Herz-Jesu-Pfarre die Kirchenmusik ein. Neben dem weit über die Pfarrgrenzen hinaus für seine musikalischen Qualitäten bekannten Kirchenchor gibt es vier Organisten und acht Kantoren. Seit mehr als 25 Jahren ist Mag. Christoph Maaß Leiter der musikalischen Belange in der Pfarre. Mit dem Chor und den Instrumentalisten sowie als Organist prägt er das kirchenmusikalische Leben der Region wesentlich durch hochwertige Aufführungen und viel beachtete Konzerte.

Das schon erwähnte Pfarrfest erstreckt sich immer über zwei Tage, ist verbunden mit einem pfarrlichen Floh-markt und wurde bisher bereits 38 mal abgehalten.
Seit Bestehen der Herz-Jesu-Pfarre in Gmünd-Neustadt wird auch das Landesklinikum Waldviertel in Gmünd seelsorglich betreut. Seit der Erkrankung und dem Tod von P. Johannes Kindermann waren und sind auch viele Laien in der Betreuung der Kranken engagiert, ebenso zwei Pastoralassistentinnen und in der Bereitschaft auch Seelsorger aus anderen Pfarren des Dekanates. F. Bertl

 

Aus der Geschichte

Die Stadt Gmünd war von den Folgen der Weltkriege in besonderer Weise betroffen. Infolge des Friedensvertrages von St. Germain (1919) musste Österreich nach dem Zerfall der Donaumonarchie ein großes Gebiet bei Gmünd an die damalige Tschechoslowakei abtreten, darunter auch die für  Gmünd so wichtigen Vororte Unter-Wielands und Böhmzeil, das heutige Ceske Velenice. Mit dem Verlust dieses Territoriums verlor die Stadt Gmünd mit dem gro-ßen Bahnhof der Franz-Josefs-Bahn und den renommierten Bahnwerkstätten auch an wirtschaftlicher  Größe. Im NS-Regime wurde Ceske Velenice („Tschechisch Wielands“) der Ostmark annektiert und der Stadtteil „Gmünd III“. 1945 wurde Velenice wieder tschechisch und Teil des Ostblocks. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs beginnt auch die Geschichte des Stadtteils Gmünd-Neustadt. Bis 1914 war das Areal des heutigen Gmünd-Neustadt völlig unbewohnt. Im August 1914 begann man mit der Evakuierung vieler zehntausender Einwohner, großteils aus den österreichischen Kronländern Bukowina und Galizien stammend. In Gmünd fand man ideale Standortbedingungen für ein Flüchtlingslager diesen Ausmaßes.