Interview mit Bischof Schwarz

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Lästige geduldig ertragen

Foto:  Scott Griessel - stock.adobe.com

Unsere Fastenserie. Folge 5 von Abt Prl. Mag. Columban Luser OSB. Lästige geduldig ertragen – das ist eine Facette jener Barmherzigkeit, die zur Grundausrüstung jeder Christin und jedes Christen gehört. Das erfordert einen klaren, von Gottes Barmherzigkeit inspirierten Blick für die wahre Not dessen, der mir – absichtlich oder nicht – das Leben schwer macht. Dieses Werk der Barmherzigkeit ist Ausdruck jener tragenden Liebe, die auch der Apostel Paulus einfordert: „Einer trage des anderen Last; so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“

In der sogenannten „Feldrede“ beim Evangelisten Lukas werden wir mit dem Wort Jesu konfrontiert: „Seid barmherzig, wie es auch euer Vater ist!“ (Lk 6,36) Das ist keine bloße Empfehlung, nicht einfach nur ein Rat, sondern ein Auftrag, ein Befehl: „Seid barmherzig!“ Da steht dahinter ein Rufzeichen. Die Parallelstelle in der Bergpredigt bei Matthäus lautet anders, aber sie hilft uns, die Formulierung bei Lukas besser zu verstehen. In der Bergpredigt heißt es: „Ihr sollt also vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist.“ (Mt 5,48) Mit dem Ausdruck „vollkommen“ ist nicht gemeint, „perfekt“ zu sein. Der griechische Ausdruck „τελειος“ (teleios) meint so etwas wie „ganz“, „vollständig“. Für das Verständnis von diesem Imperativ Jesu „Seid barmherzig!“ ist es wichtig, diese „Ganzheit“ im Blick zu haben, die Matthäus anspricht. Im Klartext heißt das: Die Barmherzigkeit soll zu einer Grundhaltung von uns Chris­ten werden, die unsere ganze Existenz durchformt.

„Lästige“ in unserem Beziehungsnetz

Wir haben in unserem Beziehungsnetz Menschen, die wir mögen, mit denen wir gern beisammen sind, die uns sympathisch sind, die wir nicht missen wollen, die unser Leben reich machen. Dann gibt es aber auch die, die in den geistigen Werken der Barmherzigkeit als „Läs­tige“ bezeichnet werden – und das gleich in der Mehrzahl. Also meistens nicht nur ein Läs­tiger, sondern mehrere.

Was ist ein „Lästiger“?

Was ist ein Lästiger? Wann ist jemand ein Läs­tiger? Bin ich vielleicht selbst ein Lästiger?
In dem Wort lästig steckt das Wort Last. – Lästig ist jemand, der uns zur Last fällt, der uns auf der Nase herumtanzt, der uns belästigt wie eine lästige Fliege, der ständig Meinungen vertritt und Aktionen startet, die uns nerven und uns eine Last aufbürden. Das Strickmuster eines Menschen, der mir auf die Nerven geht und mir unangenehm ist, kann ich nicht verändern. Möglicherweise kann dieser Mensch mit der Etikette „lästig“ aus seiner Haut nicht heraus, geformt von Erziehung und von Schicksalsschlägen. Lästige wollen häufig einfach nur wahrgenommen, ernstgenommen werden, wertgeschätzt und angenommen.

Wie mit einem „Lästigen“ umgehen?

Wie geht man mit solchen Menschen um? Wie lebt man mit ihnen? Solchen Menschen barmherzig zu begegnen, heißt nicht, sich alles und jedes passiv gefallen zu lassen. Da braucht es den Geist der Unterscheidung: Unterstütze ich mit meinem geduldigen Ertragen nur einen grenzenlosen Ego-Trip eines „Lästigen“, oder ist mein geduldiges Ertragen meine reale Antwort auf das unausgesprochene Flehen des Lästigen: „So liebt mich doch endlich!“? Im Umgang mit „Lästigen“ wird je nach Einschätzung der Situation und Person ein Doppeltes wichtig sein: Jemanden auf sein Verhalten auch anzusprechen und auszuloten, wie formbar sich jemand zeigt; dann aber auch als Schutz den Weg der Abgrenzung zu beschreiten – beides steht nicht im Widerspruch dazu, einen Lästigen geduldig zu ertragen.
Es kann durchaus notwendig sein, einem läs­tigen Verhalten ein kräftiges Stopp entgegenzusetzen. Widerstand zu leisten, kann als Akt der Barmherzigkeit gefordert sein, um anderen eine Grenze aufzuzeigen, vor allem bei Menschen, die keine Grenze akzeptieren. Entscheidend wird immer das Motiv des Handelns sein. Will ich dem Lästigen mit meinem Widerstand aus Liebe helfen oder treibt mich die Ungeduld oder mein Zorn?
 
Geduld – die tragende Liebe

Paulus schreibt im Galaterbrief: „Einer trage des anderen Last; so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“ (Gal 6,2) Eine Gemeinschaft kann auf Dauer nicht bestehen, wenn die Einzelnen nicht bereit sind, einander zu ertragen. Hier ist das große Thema Geduld angesagt. Das deutsche Wort „Geduld“ kommt von „dulden“, das sich wiederum vom lateinischen „tolerare“ (= tragen) ableitet. Bernhard von Clairvaux definiert Geduld als die tragende Liebe! Geduld ist Zeichen und Ausdruck von Stärke. Die Lästigen geben uns viel Gelegenheit, in der Geduld zu reifen!!! Durch unsere Geduld tragen wir die Lästigen mit ihrer Last, damit auch ihr Leben er-träglich wird und tragbar bleibt. Was wir nicht tun sollten: Urteilen, verurteilen und ausgrenzen – das hilft niemandem. Dazu haben wir kein Recht! Hilfreich dagegen ist: die Lästigen still segnen – immer wieder still segnen, und dort, wo es etwas zu loben gibt, damit nicht zu sparen!

Gott – du (er)trägst mich

Ich habe ein schönes Gebet gefunden mit wertvollen Gedanken zu unserem Thema: Guter Gott, du hast Geduld mit uns Menschen. Du trägst auch mich geduldig, gerade dort, wo ich mich selbst nicht ertragen kann. Schenke mir Geduld mit mir selbst und mit den Menschen, mit denen ich lebe. Und nimm die Last von ihren Schultern, dass sie sich selbst besser tragen können. Amen.

 

Impulse

  • Habe ich in meinem Umfeld jemanden, der lästig ist? Gibt es jemanden, der mich tagtäglich nervt und mir auf den „Geist“ geht? Wie reagiere ich?
  • Die guten Seiten an dem „Lästigen“ zu entdecken suchen! Den „Lästigen“ humorvoll auf die „Schaufel „nehmen!
  • Den „Lästigen“ still segnen und Gott hinhalten! Zugewendet bleiben! Nur Liebe heilt!
  • Gottes barmherziger Blick ist immer auf uns Menschen gerichtet und lässt uns die Chance von Neubeginn erfahren. Wo habe ich dieses liebende Erbarmen Gottes gerade in diesen Tagen der Fastenzeit wieder erneut nötig?

 

Der Autor

Abt Prl. Mag. Columban Luser OSB wurde 1955 geboren und ist in Stockerau aufgewachsen. 1976 trat er in das Benediktinerstift Göttweig ein, studierte Philosophie und Theologie in Wien und Salzburg und empfing 1980 die Priesterweihe. 2009 wurde er zum Abt des Stiftes Göttweig gewählt; außerdem ist er Pfarrer von Unterbergern im Dunkelsteinerwald.