Interview mit Bischof Schwarz

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„Kinder mit leuchtenden Augen“

Foto: Marco Kost/www.kinder-verstehen.de

Im Interview mit „Kirche bunt“ erklärt der bekannte Buchautor und Kinderarzt Dr. med. Herbert Renz-Polster, was Eltern tun können, damit aus ihren Kindern glückliche und erfolgreiche Menschen werden.

Sie sind Kinderarzt. Wie sind Sie dazu gekommen, sich mit Erziehung zu befassen und darüber Bücher zu schreiben und Vorträge zu halten?

Dr. Herbert Renz-Polster: Ich habe mich immer mehr mit der evolutionären Verhaltensforschung beschäftigt: Woher kommen die Entwicklungsprogramme, die unsere Kinder durchlaufen – die ja rund um die Erde die gleichen sind, z. B. das Fremdeln in einem bestimmten Alter. Ich hatte zunächst im Bereich der Allergien geforscht, wo ein Rätsel im Mittelpunkt steht: Warum bekommen Kinder, wo sie in der gesündesten aller Welten leben, immer mehr Allergien? Die Antwort ist: Deren evolutionäre Prägung passt nicht zur heutigen Umwelt. Sie sind eigentlich auf mehr Mikroben-Kontakte ausgelegt – im Kontakt mit vielen Kindern, Tieren und der Natur –, die wir aber aus unserem modernen Leben bewusst – und nicht ohne gute Gründe – herausgenommen haben. Es kommt daher zu einer Art Fehlanpassung.

Was bedeutet evolutionsbiologisches Denken?

Renz-Polster: Zunächst ist es einmal ein Blick in die tiefe Vergangenheit des Menschen. Lebensumstände, die über sehr lange Zeit vorgeherrscht haben, prägen die kindliche Entwicklung bis heute. So haben wir immer wieder und für lange Zeit in Kleingruppen gelebt, und zwar in nomadischen Lebensverhältnissen und in einer sehr widerständlichen Umwelt, z. B. ausgeliefert den Raubtieren, klimatischem Druck usw. Weil Kinder sich immer wieder diesen Verhältnissen anpassen mussten, ergeben sich bestimmte emotionale und soziale Voreinstellungen, die sich bewährt haben und die deshalb weitergegeben wurden: Mit einem Fuß leben wir noch in diesen Lebensbedingungen: Wir haben noch immer Fettzellen, die die Nahrung speichern, als ob ein Hungerwinter bevorstehen könnte – obwohl wir längst im Supermarkt einkaufen können.

Sie sprechen auch von einer „artgerechten Umgebung“ für Kinder? Was verstehen sie darunter?

Renz-Polster: Kinder werden ja biologisch gesehen sehr unreif geboren, sie brauchen fürsorgliche, stabile, bedeutsame und schützende Beziehungen. Sie können ihren Kopf nicht halten, sich nicht selbst bewegen, können nicht einmal eine Fliege von der Nase verscheuchen. Das zweite, was Kinder brauchen, ist viel Freiheit: Sie müssen sich ja selbst bewähren, sich vorbereiten auf eine Welt, die wir alle noch nicht kennen. Das sind die beiden Pole des menschlichen Bindungssystems. Nur wenn Kinder sich sicher und geborgen fühlen, gehen sie auf die Welt zu, um sie zu entdecken. Gestresste Kinder lernen nicht.

Brauchen sie dafür eine bestimmte räumliche Umgebung?

Renz-Polster: Kinder brauchen Raum und Zeit und Gelegenheit, um sich zu bewähren. Wie das ausgestaltet ist, ist nebensächlich. Die Natur ist dafür ideal, weil sie unstrukturiert ist. Kinder können hier ihre Ziele verfolgen und selbst gestalten.

Kinder werden heute viel gefördert, mit vielen Kursen. Wie sehen Sie diese Entwicklung?

Renz-Polster: Wenn es dem Kind Freude macht und es mit anderen Kindern sein Ding machen kann, ist das okay. Wenn das Kind es für seine Eltern machen muss oder bestimmte Ziele erreichen soll, bringt das nichts. Wichtig ist, dass die Kinder mit leuchtenden Augen dabei sind!

Eltern und Schule wollen die Kinder fit für den Arbeitsmarkt machen, damit die Kinder später einen guten Beruf ergreifen können.

Renz-Polster: Natürlich wollen Eltern, dass ihre Kinder erfolgreich sind. Doch wie erreichen Kinder das? Kinder müssen zunächst ein Fundament aufbauen, das ihre Persönlichkeit trägt. Nur so sind sie für eine ungewisse Zukunft und für die Stürme des Lebens gerüstet. Dazu gehört, dass sie lernen mit sich selber klar zu kommen, mit anderen gut auszukommen, innerlich stark und widerstandsfähig zu werden und kreativ zu sein. Kinder mit einem solchen Fundament, die wache Augen haben, die Mut haben und die sich nicht schämen für sich, die für sich und für andere eintreten können, die sind absolut lernbereit. Solche Kinder kann man nicht aufhalten in ihrem Leben, sie werden einmal das Beste aus der bestehenden Situation machen können. Die bes­te Vorbereitung auf die ungewisse Zukunft besteht deshalb nicht darin, dass ich dem Kind bestimmte Erwachsenenziele auf das Programm setze, sondern dass ich ihre Kinderziele ernst nehme. Die verfolgt das Kind im Spielen und durch Mitmachen, daran wachsen Kinder. Alles andere baut darauf auf.

Heute sind auch Internet und Smartphone wichtige Erziehungsthemen.

Renz-Polster: Wenn Kinder gute Wurzeln in sich haben, wenn sie Beziehung als lohnend und nicht als bedrohlich erleben, dann sind sie geschützt, um sich in der virtuellen Welt nicht zu verlieren. Früher waren Comics verboten oder das Fernsehen. Karl May etwa – diese Bücher haben wir früher verschlungen – ist ungeheuer grausam. Zur Kindheit gehören heute die digitalen Medien dazu – eingebunden in ein normales Leben und mit gewissen Regeln. Interview: Patricia Harant-Schagerl