Interview mit Bischof Schwarz

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Inspiration für den Rest meines Lebens

Bei der Enquete für Seniorenpastoral am 10. September im NÖ Landhaus sprach der bekannte Theologe Paul M. Zulehner über die Chancen des Alters und erzählte von seiner persönlichen Auseinandersetzung mit dem Älterwerden.

Den Lebenszyklus eines Menschen teilte der renommierte Psychoanalytiker Erik H. Erikson in acht Lebensabschnitte, die jeweils eigene Entwicklungsaufgaben mit sich bringen. In der achten und letzten Phase, nämlich im Alter, sei die Aufgabe der Integ­rität zu meis­tern: sein Leben und seine Person zu akzeptieren und Zufriedenheit zu erlangen. Diese Aufgabe der Eriksonschen „Integ­rität“ sieht der Pastoraltheologe Paul Zulehner als spirituelle Herausforderung im Alter und als Chance, „das ganze Leben vor sich zu bringen“, wie es Karl Rahner formulierte. Wer auf sein Leben zurückschaue, der könne darin einen Sinn erkennen und so den Rest seines Lebens bewusster gestalten.

Woher ich komme

Der bekannte Religionssoziologe und Buchautor Paul Zulehner hielt im Rahmen der Enquete für Seniorenpastoral am 10. September einen Vortrag mit dem Titel „Inspiration für den Rest meines Lebens“. Die drei Fragen des Mensch-Seins, die Kardinal Franz König einmal formulierte: Woher komme ich, welchen Sinn hat mein Leben, wohin gehe ich? nahm Zulehner als Orientierungshilfe. In der sogenannten Biografiearbeit, die der ersten Frage nachgeht, geht es darum, das eigene Leben bewusst in den Blick zu nehmen und im Alter zu vertiefen. Dass sich das lohnt, diese Erfahrung hat Paul Zulehner selbst beim Schreiben seines autobiografischen Buchs „Mitgift“ gemacht. Seine Erkenntnis aus dem Prozess des Scheibens: „Ich habe gelernt, Fragen zu stellen.“ Folgende Fragen gab er den Zuhörern zum Nachdenken weiter:

– Wie war mein Elternhaus?
– Wer hat mich geformt?
– Wie habe ich die Begegnung mit dem anderen Geschlecht gelernt?
– Wie hat sich mein Verhältnis zur Kirche weiterentwickelt?
– Was habe ich anderen gegeben?
– Was habe ich falsch gemacht? Könnte ich jetzt etwas nachholen?
– Was hat mich geprägt?
– Was bleibt?
– Was ist noch möglich in der restlichen Lebensszeit?
– Für wen bzw. für was habe ich gelebt?
– Welche Ziele gab es?

Den Sinn des Lebens entdecken

Die beiden letzten Fragen zielen auf den Sinn des eigenen Lebens. Paul Zulehner erzählte dazu Erkenntnisse aus der Rückschau auf sein Leben. Für den heute 79-jährigen emeritierten Universitätsprofessor gab es das Ziel, sich nicht vor der Ausübung von Autorität zu drücken – die in den 60er und 70er-Jahren eher negativ gesehen wurde –, und diese Autorität als Lehrender und Vorgesetzter auf eine gute Art und Weise auszuüben. Seine Einsicht: Ich lebe Autorität dann gut, wenn alle um mich herum ihr Potential entfalten und „aufblühen“ können.

Eine weitere Chance des Alters sei die Auseinandersetzung mit dem eigenen Fehlverhalten. Das Wort „Sünde“ sei heute negativ besetzt, meinte Zulehner, der in diesem Zusammenhang auch von einem „Kollaps des Bußsakraments“ sprach. Wer sich jedoch nicht vor seinem Versagen drücke, der könne Heilung erfahren. Der Papst spreche nicht so sehr von der Sünde, sondern vielmehr von Verwundung. Zulehner appellierte an die Zuhörer: „Vermitteln Sie in der Seniorenpastoral den Satz von Richard Rohr: ,Es ist nicht notwendig, perfekt zu sein, aber in Verbundenheit zu leben.‘“

Wohin ich gehe

Den Sinn des Lebens sieht Zulehner in der Aufgabe, ein Liebender zu werden. Dazu hat Gott uns erschaffen, so der Theologe. Das sei auch das einzige Kriterium, das die Bibelstelle vom Weltgericht (Mt 25,35-40) hervorstreiche: Hier gehe es um handfest liebende Menschen, die Hungrigen zu essen geben, Kranke besuchen, Fremde aufnehmen usw. „Vor Gott ist nicht entscheidend, was ich geleistet habe, sondern wer ich geworden bin“, sagte Zulehner.

Lieben kann, wer stärker aus dem Ur-Vertrauen als aus der Ur-Angst des Menschen lebt. Das gelinge, wenn im Laufe des Lebens das Vertrauen stärker wird als die Angst.
Eine weitere Einsicht Zulehners lautet: „Das Alter ist eine Chance, Gottes leise Musik zu hören, die er auf den Saiten meines Lebens spielt.“ Um diese leise Musik zu hören, brauche es die Stille. Diese Erkenntnis sei auch wichtig für die Seniorenpastoral: Es brauche – neben allen pfarrlichen Aktivitäten – auch Räume und Gelegenheiten der Stille, um die Präsenz Gottes zu spüren.     ph