Glauben verstehen - von Mag. Oliver Achilles

Wo ist das Reich Gottes? Im Lukas-Evangelium – und nur dort – bekommt Jesus einmal die Frage gestellt, wann denn das Reich Gottes komme? Seine Antwort ist merkwürdig: „Das Königtum Gottes kommt nicht in beobachtbarer Erscheinung. Auch wird man nicht sagen: Da – hier ist es! Oder – dort ist es! Das Königtum Gottes ist entos hymon.“ (Lk 17,20-21; Übersetzung nach Fridolin Stier).

Ich habe die Pointe dieser Aussage bewusst erst einmal nicht übersetzt, sondern die Umschrift des griechischen Ausdrucks wiedergegeben. Was bedeutet dieses entos hymon? Die gängigen Übersetzungen im deutschen Sprachraum zeigen eine große Übereinstimmung: So übersetzen die revidierte Einheitsübersetzung, die Lutherbibel 2017, die Elberfelder und die Zürcher Bibel „entos hymon“ einheitlich mit „mitten unter euch“.

Aber was bedeutet „mitten unter euch“? Wissenschaftler, die den griechischen Text des neuen Testaments auslegen, interessiert vor allem: Wie wurde der Ausdruck zur Zeit des Evangelisten Lukas verstanden? Glücklicherweise wurde in Ägypten ein Papyrus aus dieser Periode gefunden (Pap. Oxy. 2342), in dem es um einen Rechtsstreit mit einer Witwe ging, die sich einen Weinberg angeeignet hatte. Der Text spricht davon, dass der Weinberg entos autes war. Das bedeutet natürlich nicht, dass er unter ihr war, sondern dass er zu ihrer Verfügung stand und sie den Weinberg nutzen konnte.

Der Kirchenvater Tertullian (gestorben um 220) hat diese Aussage Jesu bei Lukas meiner Meinung nach zu Recht mit einer zentralen Aussage über die Tora des Mo­se in Verbindung gebracht (Adv. Marc. IV,35). In Deu­teronomium 30 sagt der HERR durch Mose über die Tora, dass sie nicht im Himmel oder jenseits des Meeres sei. „Nein, das Wort ist ganz nah bei dir, es ist in deinem Mund und in deinem Herzen, du kannst es tun“ (Dtn 30,14). Die Ähnlichkeit zu dem Wort Jesu, die Tertullian hier gefunden hat, finde ich unabweisbar.

Das bedeutet für unsere Frage: Das Reich Gottes ist in unserer Reichweite, es ist so nahe gekommen, dass es in unserem Leben Realität und Wirklichkeit sein kann. Jesus hat es uns zur Verfügung gestellt, es ist nicht fern von uns. Das bedeutet für mich das „mitten unter euch“.